Die Agrarwende als Baustein kommunaler Resilienz

2008 wurde der sogenannte Weltagrarbericht veröffentlicht, an dem im Auftrag der Weltbank und der Vereinten Nationen weltweit über 400 WissenschaftlerInnen mitgewirkt hatten. Ihre Forschungen  kamen insgesamt zu dem Ergebnis, dass die globale Ausrichtung der letzten Jahrzehnte auf die konventionelle und industrialisierte Landwirtschaft keine Option für die Zukunft sein konnte.  Der Bericht führt detailliert aus, in welchen Ausmaßen die Anbaumethoden dieser Landwirtschaftsform und der mit ihr einhergehenden Ernährungsgewohnheiten weltweit zu besorgniserregenden  Gesundheitsrisiken, zu Artensterben, fortschreitender Regenwaldzerstörung, Umweltkontaminationen und massiven, z.T. irreversiblen Bodendegradationen geführt haben. Die sich daraus ergebenden Folgekosten bilanziert der Weltagrarbericht bis 2008 weltweit auf 6,3 bis 10,6 Milliarden US-Dollar jährlich, was 10% bis 17% der damaligen Weltwirtschaftsleistung ausmachte. Zudem ermittelten die WissenschaftlerInnen, dass 40% der weltweiten Treibhausemissionen direkt oder indirekt auf die industrielle Agrar- und Lebensmittelproduktion, deren Verarbeitung, Transport, Verbrauch und Entsorgung zurückzuführen seien.

Kritisiert wurde darüber hinaus, dass die Agrarindustrie  erst die Voraussetzungen für preistreibende Spekulationen mit Nahrungsmittel schaffe, was wiederum den Anreiz für Investoren erhöhe, sich an den lukrativen Landgrabbing-Projekten in zahlreichen Entwicklungsregionen zu beteiligen, die in der Regel nur von hochindustrialisierten Agrarbetrieben aufgebaut werden können. Die Errichtung der von Großinvestoren finanzierten landwirtschaftlichen Agrarbetriebe mit ihren enormen Flächenbedarfen für Monoplantagen geht oftmals mit Enteignungen und Vertreibungen ansässiger Kleinbauern und der Zerschlagung traditioneller kleinbäuerlicher Strukturen einher.  Die WissenschaftlerInnen zeigten in diesem Zusammenhang zudem auf, dass das Interesse potenzieller Agrarinvestoren  sich zunehmend auf den Anbau von Energiepflanzen zur Gewinnung von Bio-Kraftstoffen richte, was sowohl die Landgrabbing-Projekte verstärke als auch zunehmend mit dem Nahrungsmittelanbau kollidiere.

Der Verlust von Ackerflächen weltweit geht dem Bericht zufolge ebenfalls in hohem Maße auf die jahrzehntelange Intensiv-Landwirtschaft zurück. Mehr als 24 Milliarden Tonnen Ackerboden weltweit gehen allein durch Erosion verloren. Das sind jährlich mehr als 3 Tonnen Boden je Erdbewohner. In dieser Verlustbilanz sind die Aspekte zunehmender Versiegelung, Überflutungen sowie landwirtschaftlich verursachter Degradation und Desertifikation der Ackerflächen noch nicht eingerechnet.

Das wachsende Interesse der Finanzmärkte und Großinvestoren an Agrarerzeugnissen richtet sich neben den Energiepflanzen insbesondere auch auf lagerfähige und damit für Termingeschäfte und für die Verschiffung besser geeignete Agrarprodukte, die vor allem der Anbau von Getreide, Reis, Palmöl, Baumwolle oder Futtermittel, wie beispielsweise Mais oder Soja, gewährleistet. Die zunehmende agrarwirtschaftliche Konzentration auf diese Produkte gewährleistet dabei in keiner Weise die von Agrarkonzernen versprochene Verbesserung der globalen Nahrungssicherheit, da diese Lebensmittel – sofern sie für den menschlichen Verzehr geeignet sind – in erster Linie Kohlehydrate zur Verfügung stellen. Damit sind sie zwar als hochsättigende Nahrungsmittel einzustufen, beeinhalten aber im Sinne einer ausgewogenen Ernährung viel zu wenig lebenswichtige Vitamine, die sich vor allem in Nahrungsmitteln wie Obst und Gemüse befinden, die jedoch nur bedingt lagerfähig sind.

In ihrer Begründung, warum nur die intensive Agrarwirtschaft eine ausreichende Nahrungssicherheit garantiere, gehen ihre Befürworter von einer reinen Ertragseffizienz aus, wonach pro Hektar konventionell bebauter Ackerfläche mehr Nahrungsmittel produziert werden können als bei einem diesbezüglich weniger effizienten biologischen Anbaubetrieb, dessen Ertragskapazitäten infolge kleinerer Anbaustrukturen,  eines geringeren Einsatzes von effizienten Großmaschinen, aber auch durch einen häufigeren Schädlings- und Pilzbefall, geringer sind.

Die ökologischen Folgewirkungen der Intensiv-Landwirtschaft werden in diese betriebsinternen Effizienzberechnungen nicht einbezogen, tauchen jedoch mittelbar und unmittelbar in der Kosten-Bilanz für die Aufrechterhaltung unserer Gesundheits- und Ökosysteme auf, die dann von der Allgemeinheit getragen werden müssen. Die Externalisierung der Folgekosten, also ihr Abwälzen auf die Allgemeinheit, ermöglicht u.a. erst die Niedrigpreise unserer industrialisierten Landwirtschafts- und Ernährungssysteme. Insofern grenzt das oft vorgetragene Argument,  Bio-Produkte könnten auch aufgrund ihrer höheren Preislage nicht die Ernährungssicherheit gewährleisten, da sie für Geringverdienende nicht bezahlbar seien, schon an Zynismus. Der ehrliche Preis konventionell angebauter Agrarprodukte findet sich, wie bereits erwähnt, versteckt in einem jährlich sich verteuernden Klimaschutz, höheren Kosten für Gewässerschutz und Trinkwasseraufbereitungen sowie in wachsenden Beiträgen für unsere Gesundheit wieder, die indirekt vor allem von den Steuerzahlern getragen werden. Zudem bedrohen intensivwirtschaftliche hochindustrialisierte Agrarbetriebe aufgrund ihrer auf Rationalisierung zielenden Technologien immer mehr Arbeitsplätze in den kleinbäuerlich geprägten beschäftigungsintensiven Landwirtschaften der Entwicklungsregionen.

Insgesamt widerlegt der Weltagrarbericht eindeutig den Mythos von der Notwendigkeit des Ausbaus industrieller Landwirtschaft als alternativlosem Weg, die globale Ernährungssituation zu sichern. Im Gegenteil. Die Grundpfeiler der Agrarindustrie, wie gentechnologisch verändertes und patentierbares Saatgut, der Einsatz von umweltbelastender Agrochemie und die weitere Konzentration auf Monoplantagen und Massentierhaltung  werden äußerst kritisch beleuchtet. Dem Standardargument der Agrarlobbyisten, die den biologischen Landwirtschaftsmethoden das Potenzial absprechen, die wachsende Erdbevölkerung mit ausreichend Nahrungsmitteln versorgen zu können, entzieht der Weltagrarbericht jegliche Grundlage.

Dennoch ist vor allem das Argument der hohen Preise für Bio-Produkte nicht von der Hand zu weisen und wenn wir eine solide und gerechte Ernährungspolitik auf den Weg bringen wollen, müssen wir Wege finden, gesunde, nachhaltige Nahrung für jeden zugänglich und bezahlbar zu machen und gleichzeitig den Agrarproduzenten ausreichende Anreize  verschaffen, ihre Betriebe rentabel auf ökologische Produktionsstrukturen umzustellen. Hierin liegt eine zentrale Herausforderung für regionalpolitische Resilienz- bzw. Nachhaltigkeitsstrategien.

Ein denkbares Anreizkonzept könnte beispielsweise eine stärker bedarfsorientierte landwirtschaftliche Produktion mit entsprechenden preisvergünstigenden Direktvermarktungssystemen beinhalten, die einerseits preissteigernde Zwischenhändler reduzieren helfen und andererseits Produzenten und Konsumenten in einen engeren Austausch über ihre jeweiligen Anliegen bringen. In Anlehnung an bereits gut funktionierende solidarische Landwirtschaften wäre zudem überlegenswert, ob und inwieweit sich Konsumenten zur weiteren Preissenkung an Ernterisiken oder Produktionskosten ihrer Nahrungsmittelerzeuger beteiligen könnten. Angesichts wachsender Grundwasserkontaminationen und des zunehmenden, vor allem die Landwirtschaft bedrohenden Bienen- und Insektensterbens, könnten Kommunen in Erwägung ziehen, landwirtschaftlichen Betrieben für den Verzicht auf umweltschädliche Agrarchemikalien und Gülleeinbringungen Ausgleichzahlungen oder andere Vergünstigungen anzubieten. Die Verfügbarkeiten von anbaugeeigneten Flächen könnten von den Verwaltungen zugunsten ökologischer und für den regionalen Bedarf produzierender Landwirtschaft-Betriebe ausgedehnt werden. 

Dies sind nur einige Aspekte, die im Rahmen eines agrarwirtschaftlichen Transformationskonzeptes auf ihre regionale Umsetzbarkeit hin überprüft werden müssen, um sie dann schrittweise implementieren, erweitern und gegebenfalls auch korrigieren zu können, wenn sich in Absprache mit allen betroffenen Akteuren zielverfehlende Entwicklungen abzeichnen.

Auf der kommunalen Ebene lässt sich die notwendige Agrarwende deutlich zielgerichteter durchstarten, insbesondere wenn Regionalpolitiker sich auch der gestalterischen Chancen bewusst werden, die ihnen  zuletzt durch die agrarwirtschaftlichen Leitlinien der SDGs international an die Hand gegeben wurden. Zum einen, weil sich nur auf der kommunalen Ebene konkret ermitteln lässt, welche regional spezifischen Verfügbarkeiten im Hinblick auf agrarwirtschaftlich ausbaufähige Flächennutzungspläne vorliegen. Zum anderen lassen sich die Bedürfnisse der Verbraucher im Rahmen überschaubarerer Regionalstrukturen viel zielführender mit denen der Agrarproduzenten aufeinander abstimmen, als dies auf der nationalen oder EU-Ebene möglich ist, wo statistisch erfasste Marktanalysen und Produktionskapazitäten für regierungs- und verbändepolitische Förderprogramme im Vordergrund stehen. Diese großflächigen statistischen Erfassungen vermitteln nur wenige Anhaltspunkte für wirklich zielführende Annäherungsstrategien zwischen Anbietern und Konsumenten von biologisch erzeugten Nahrungsmitteln.

Auf der deutschen Bundes- oder Landeebene wird auf der Grundlage dieser statistischen Erhebungen das Bild einer klaren Trendwende skizziert, wonach die Ökologisierung der Landwirtschaft sichtlich voranschreitet. Doch in den Regionen ist diese Trendwende in der Regel wenig spürbar. Hier offenbart sich meist ein anderes Bild, nämlich das einer sehr trägen Umstellung auf ökologisch nachhaltige und regionale Agrarstrukturen. Obwohl auch in den Kommunen tendenziell die Nachfrage nach Bio-Erzeugnissen wächst, kann dieser Bedarf jedoch nur in den seltensten Fällen mit regionalen Marktangeboten bedient werden. Das unzureichende Angebot an regional erzeugten Bio-Nahrungsmitteln begründet sich nicht zuletzt auch in dem Umstand, dass sich zu wenige Landwirte auf den in erster Linie nachgefragten Gemüse- und Obstanbau konzentrieren, der für eine autarkere Regionalversorgung jedoch unabdingbar ist und zugleich enorme Nachfragekapazitäten abschöpfen könnte.

Zwar preisen die Landwirtschaftsverbände und die Ministerien für Landwirtschaft und Ernährung die vielversprechenden Wachstumsraten im Bio-Sektor als Erfolg einer gelungenen Agrarpolitik an, doch die Erfolgsstatistik, derzufolge  Bio-Lebensmittel im Jahr 2017 einen Marktanteil von annähernd 6 % am gesamten Lebensmittelsumsatz hatten, verrät andererseits auch, dass weiterhin an die 94% aller Produkte mit den weniger umweltverträglichen konventionellen Anbaumethoden produziert wurden. Hier verbirgt sich also durchaus ein immenses Markt- und Umstellungspotenzial für weitere Wachstumsraten im Bio-Landbau, wenn es denn gelingt, mehr konventionell produzierende Landwirte für den Anbau solcher Agrarprodukte zu gewinnen, die der regionalen Nahrungsmittelversorgung dienen.

Diese Zielsetzung käme wohl auch dem besorgniserregenden Höfesterben entgegen, von dem insbesondere die konventionellen Landwirtschaftsbetriebe betroffen sind, deren Erzeugnisse gegenwärtig einem deutlichen höheren Preisverfall ausgesetzt sind als Bio-Produkte.

Hier muss also konkret ermittelt werden, warum konventionell produzierende Landwirte – trotz ihrer deutlich schwierigeren Wirtschaftssituation – ihre Betriebe nur zögerlich umstellen. Es gibt eine Vielzahl von nachvollziehbaren Umstellungs-Hemmnissen, die von mangelndem Fachwissen bzgl. ökologischer Produktionsmethoden, über erhebliche Finanzierungsschwierigkeiten und den damit verbundenen Absatz- und Rentabilitätsbedenken sowie entstandenen Subventionsabhängigkeiten, bis hin zu befürchteten Arbeitsüberlastungen reichen, die unumstritten mit den ökologischen Produktionsmethoden wahrscheinlicher sind.

Auch hier bietet ein überschaubarer, regional-spezifischer Analyserahmen, der möglichst akteursnahe auf die kommunalen Arbeits- und Marktbedingungen fokussieren kann, deutlich bessere Transformationsvoraussetzungen als europäische, bundes- oder landespolitisch angelegte Strategiepläne, die sich auf allgemeine Trenderfassungen und repräsentative Interviewauswertungen stützen müssen, ohne konkrete, regionalspezifische Problemlagen, Verweigerungshaltungen und Umstellungsrisiken benennen, geschweige denn lösen zu können.

Eine regionalpolitische Umsetzung der Agrarwende ist in vielerlei Hinsicht möglich, ohne dass Kommunalpolitik passiv die Vorgaben der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik (GAP) oder des entsprechenden Bundesministeriums abwarten muss und damit die Chance auf eine selbstbestimmte, regionale Zukunftsgestaltung ungenutzt verstreichen lässt.


Literatur:

Bund für ökologische Lebensmittelwirtschaft: Zahlen • Daten • Fakten Die Bio-Branche 2018

International Assessment of Agricultural Knowledge Science and Technology for Development (IAAKSTD):  Agriculture  at a Crossroads, Global Report, 2008 (Weltagrarbericht)

Agrarpolitik, Bio-Produkte, Intensiv-Landwirtschaft, konventionelle Landwirtschaft, Solidarische Landwirtschaft, Weltagrarbericht