Buchbesprechung : Ray Kurzweil, Die Intelligenz der Evolution

Buchbesprechung Ray Kurzweil, Die Intelligenz dder Revolution,Wenn Mensch und Computer verschmelzen, Köln 2016, Mit einem Vorwort von Ranga Yogeshwar

Das Buch Kurzweils ist eigentlich ein nicht aktualisierter Abklatsch seiner Veröffentlichung aus dem Jahr 1999, was ihm böse Kommentare bei Buchbesprechungen einbrachte. Ich kenne nur die Auflage aus dem Jahr 2016, wobei man beim Lesen schon stutzig wird, wenn bei einem Buch dieses Jahrgangs auf alte Daten zurückgegriffen wird, obwohl doch einer seiner Hauptthesen darin besteht, das exponentielle Tempo technologischer Entwicklungen hervorzuheben. Sei’s drum, befassen wir uns mit seinen Aussagen.

Ray Kurzweil ist im Jahre 1948 in Queens, New York geboren. Er leitete die technische Entwicklung bei Google als Director of Engineering, gilt als Pionier der optischen Texterkennung, Flachbettscannertechnologie und im Bereich elektronischer Musikinstrumente, insbesondere der Keyboards.

Der Bekanntheitsgrad seiner Autorenschaft ruht auf der These der Singularität, was bedeutet, dass in naher Zukunft Maschinen ( in Form von Robotern, aber auch als denkende Computer) die Herrschaft über die Menschheit gewinnt.

Nun kann man diese für viele unsympathische These in den Bereich der Science Fiction abtun, wie überhaupt Stil , Sprachlichkeit sowie Argumentationsarroganz eine von Seite zu Seite zunehmende Ablehnung durch den Leser erzeugt. Warum also dennoch eine Buchbesprechung, wenn die Ablehnung vorprogrammiert ist?

Es gibt ein schlagendes Argument, Kurzweils Argumentation ist intelligent und originell, sogar vermeintlich logisch. Dies beweist er bereits zu Beginn des Buches, indem er ausführlich zwei gegensätzliche Tendenzen vor Augen führt. Zum Einen  bereitete sich das  Universum in der Entstehung beim Urknall vehement schnell aus. Die Abkühlung passierte in 10 -43sek , nach 10 -34 sek bildeten sich Quarks und Elektronen usw. Doch dann verlangsamte sich der Bewegungsprozeß, so dass es 1 Mrd. Jahre dauerte, bis sich Materiewolken bildeten, weitere 3 Mrd. Jahre bis zur Sternenbildung und nach weiteren 6 Mrd. Jahren entstand die Erde. Die Ausdehnung des Universums stellt sich also als ein sich verlangsamender Prozeß dar. Ganz anders der Prozeß der Evolution!  Seit 4,5 Mrd. Jahre besteht die Erde, erste multizelluläre Algen gab es erst vor 1,6 Mrd. Jahren. Mit dem ersten Wirbeltier vor 530 Mio. Jahren beschleunigte sich der Evolutionsprozeß, freilich immer noch langsam aus Menschensicht. Gehen wir weiter auf der Zeitskala: vor 220 Mio. Jahren gab es erste Säugetier-Vorläufer, parallel zu den ersten Flugsauriern. Vor 130 Mio. Jahren bildeten sich erste Blütenpflanzen, dann entwickelten sich – begünstigt durch den Meteoriteneinschlag auf Yucatan, Mexiko vor 65 Mio. Jahren – die Primaten. Vor ca 4 Mio. Jahren entwickelte sich der Australopithecus, ein aufrecht gehender Vormensch, daraus entstand evolutionär  der Homo Sapiens vor rund 300.000 Jahren. Vor 15.000 Jahren wurde der Mensch seßhaft, das Leben in Städten und größeren Siedlungen begann vor rund 6000 Jahren. Arbeitete der Mensch überwiegend in der Landwirtschaft, so änderte sich dies mit Beginn der Industriellen Revolution am Ende des 18.Jahrhunderts. Jetzt ging es rasend schnell, Eisenbahn, Elektrizität, Mobilität und Kommunikationsmittel gelten als Quantensprünge der Entwicklung des Homo Sapiens! Hier setzt Kurzweil mit seiner Hauptthese an: Technik ist die Fortsetzung der Evolution!  Zwei Gesetze dienen ihm als Beweis: einmal das Mooresche Gesetz von der zunehmenden Verdoppelung der Computerleistung innerhalb von zwei Jahren und das Gesetz vom steigenden Ertragszuwachs. Im Gegensatz zur Lehrmeinung der Ökonomie ( Turgot) , wonach eine Zunahme eines Inputs ( wie z.B. Dünger) nur mit einer temporären Ertragssteigerung verbunden ist und nach einem Maximum ( das Optimum liegt vorher ) eine Ertragssenkung zu beobachten ist, sieht Kurzweil steigende Erträge durch den Zuwachs von Rechenleistung, Speicherkapazität, Wissen und Automatisierung. Dieses Gesetz vom steigenden Ertragszuwachs durchzieht seine Argumentation auf den gesamten knapp 500 Seiten. Für die Zukunft bedeutet das für die Menschheit, dass sie Entscheidungen an Maschinen mit künstlicher Intelligenz abgibt, partiell zunächst durch neuronale Implantate von der KI profitiert, um letztendlich alle Entscheidungen und Tätigkeiten den Maschinen zu überlassen. Dem Menschen verbleibt in einigen wenigen Generationen noch die Rolle eines Haustiers.

Mit der Entwicklung der KI ergeben sich Möglichkeiten der Eroberung des Weltraums, die die Sterblichkeit des Menschseins verhinderte. Kurzweil’s These basiert auf der Prognose einer Imitation und Weiterentwicklung des menschlichen Gehirns in wenigen Jahrzehnten ( Gesetz der steigenden Erträge!). In Dialogen nach verschiedenen Abschnitten läßt er scheinbar kritische Anmerkungen zu, er beschäftigt sich auch mit philosophischen Fragestellungen, biegt sie jedoch wie bei dem Eingehen auf die neuen Erkenntisse der Quantenphysik gemäß seiner Auffassung zurecht.

Zur kritischen Analyse des Buches: nicht von der Hand zu weisen ist die Tatsache, dass die KI-Forschung ein atemberaumendes Tempo vorlegt und sich in der Tat an dem Vorbild Gehirn „abzuarbeiten“ versucht. Unklar bleibt Kurzweil bei der elementaren Frage der Essenz des Menschseins. Wie für andere Forscher wie z.B. Schmidhuber besteht der Mensch aus Atomen und Molekülen , die künstlich adäquat nachgebaut werden können. Dafür braucht es Zeit und weitere Speicherkapazität, stellt aber kein generelles Problem dar. Dagegen verweisen Gegner auf die Symbiose von Körper und Geist, die erst die „Vollkommenheit“ menschlicher Intelligenz ausmacht. Der Quantenforscher Zeilinger hinterfragt philosophisch materialistische und idealistische Sichtweisen in Übereinstimmung mit den bislang bekannten Gesetzen der Naturwissenschaft. Kurzweil sieht sämtliche idellen Verhaltensweisen wie Religiösität oder Spiritualität als Auswirkung materieller synaptischer Gehirnbereiche, die nachgebaut werden können. Auf einen zweiten Einwand geht der Autor gar nicht ein, nämlich die Effizienz unseres Gehirns. Er vergelicht Gehirntransaktionen mit solchen von Computern, rechnet auf der Basis des Mooreschen Gesetzes hoch und kommt zur These von der  gleichen Leistungsfähigkeit. Aber das Gehirn braucht für seine Arbeit lediglich 20 Watt und ist damit unschlagbar effizient!  Weiterhin wird der Faktor Mensch als Objekt angesehen. Sein Einfluß auf gewollte und ungewollte Entwicklungen bleibt nach Kurzweil passiv.

Vielleicht hat Kurzweil mit seiner These von der Singularität sogar dazu verholfen, gegen diese Entwicklung sensibilisiert zu werden, dazu braucht es freilich in breiten Kreisen einer Beschäftigung mit Thematik und Problematik von KI. Wir arbeiten daran, aber anders als Kurzweil.

D.Baer

AI, Evolution, KI, Künstliche Intelligenz, Kurzweil