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Raphaela Kell: Kindheit als Schicksalsfrage der Gesellschaft? – Eine Auseinandersetzung mit Sven Fuchs’ „Die Kindheit ist politisch“

Seit Langem beschäftigen sich die Gesellschafts- und Sozialwissenschaften, engagierte Bürgerinnen und Bürger sowie politische Entscheidungsträger mit der Frage, wie wir als Gesellschaft und als Menschheitsfamilie Wege aus den sich zuspitzenden globalen Krisen finden können. Welche kulturellen, politischen und inneren Voraussetzungen müssen wir schaffen, um in eine friedlichere, gemeinwohlorientierte und empathischere Zukunft voranzuschreiten?

Vor diesem Hintergrund fasziniert Sven Fuchs’ 2019 veröffentlichte Buch in besonderer Weise. Es lenkt den Blick auf einen möglichen Zusammenhang, der in Wissenschaft und öffentlichem Diskurs bislang eher unzureichend berücksichtigt wird: die Bedeutung früher Kindheitserfahrungen für spätere Gewaltbereitschaft, autoritäre Orientierung und gesellschaftliche Friedlosigkeit. Fuchs’ Überlegungen sind nicht als abschließend bewiesene Erklärung zu verstehen, sondern als weitreichende Hypothese, die noch erheblichen Forschungsbedarf aufweist. Gerade darin liegt jedoch ihre besondere Relevanz. Möglicherweise benennt sein Ansatz einen bislang vernachlässigten Baustein für die Frage, unter welchen Bedingungen friedensfähige, demokratische und empathische Gesellschaften entstehen können – einen Baustein, dessen Tragweite größer sein könnte, als wir bisher angenommen haben.

Fuchs stellt einen Zusammenhang her zwischen der Frage, was Kriege, Diktaturen, Terrorismus, gesellschaftliche Spaltungen und ein zerstörerischer Umgang mit unserer Mitwelt mit den intimsten Leid-Erfahrungen eines Kindes zu tun haben könnte? Auf den ersten Blick scheinen zwischen dem Kinderzimmer und dem Schlachtfeld, zwischen familiärer Erziehung und staatlicher Gewalt, zwischen dem Schweigen eines gedemütigten Kindes und dem Aufstieg eines autoritären Herrschers oder den gesellschaftlichen Radikalisierungstendenzen Welten zu liegen. Sven Fuchs stellt in seinem Buch Die Kindheit ist politisch! Kriege, Terror, Extremismus, Diktaturen und Gewalt als Folge destruktiver Kindheitserfahrungen genau diese Trennung infrage. Seine zentrale These lautet, dass die Art und Weise, wie eine Gesellschaft mit ihren Kindern umgeht, langfristig auch ihre politische und soziale Kultur prägt. In den frühen Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen entstehen nicht nur individuelle Persönlichkeiten. Hier bilden sich zugleich elementare Erfahrungen mit Macht und Ohnmacht, Nähe und Verlassenheit, Gehorsam und Widerspruch, Würde und Demütigung, Schutz und Gewalt aber auch Empathielosigkeit und sozialer Kälte.

Sven Fuchs richtet mit seinem 2019 publizierten Buch den Blick auf eine Dimension des Politischen, die in der klassischen Geschichts-, Politik- und Friedensforschung weitgehend ausgeblendet wird. Kriege werden gewöhnlich mit geopolitischen Interessen, Ressourcenfragen, Nationalismus, imperialen Bestrebungen, ökonomischen Konflikten, Staatszerfall oder ideologischen Gegensätzen erklärt. Diktaturen erscheinen als Folge institutioneller Krisen, sozialer Verwerfungen oder politischer Machtkämpfe. Extremistische Bewegungen werden vor allem mit gesellschaftlicher Ungleichheit, politischer Ausgrenzung, Identitätskonflikten und sozialen Krisenerfahrungen in Verbindung gebracht. Auch der ausbeuterische Umgang mit Natur und Umwelt wird meist durch ökonomische Interessen, Wachstumslogiken und institutionelle Fehlanreize erklärt.

Diese Erklärungen sind notwendig und unverzichtbar. Fuchs setzt jedoch eine Ebene tiefer an: Er fragt, welche psychischen Voraussetzungen dazu beitragen, dass Menschen bereit sind, sich autoritären Führern zu unterwerfen, Feindbilder zu übernehmen, Schwächere zu verachten, Gewalt zu legitimieren oder sogar selbst zu foltern und zu töten. Warum finden politische Ideologien, die Menschen in Überlegene und Minderwertige, Reine und Unreine, Erwählte und Feinde sowie Wissende und Unwissende einteilen, in bestimmten Gesellschaften eine so starke emotionale Resonanz? Über Fuchs’ eigenen Untersuchungsrahmen hinaus lässt sich daran eine weitere Frage anschließen: Könnten ähnliche psychische Mechanismen auch dazu beitragen, dass Menschen sich gegenüber der Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen emotional verhärten oder diese als unvermeidlich hinnehmen?

Fuchs’ Antwort führt in die Kindheit. Er behauptet nicht, dass ein einzelnes traumatisches Erlebnis unmittelbar die Kriegsbereitschaft eines Menschen erhöht. Ebenso wenig führt jede gewaltvolle Kindheit zwangsläufig zu späterer Gewalttätigkeit. Seine Argumentation zielt vielmehr auf die Ausbildung psychischer Dispositionen und gesellschaftlicher Resonanzräume.

Wo große Teile einer Bevölkerung in ihrer Kindheit Gewalt, emotionale Kälte, Demütigung, Vernachlässigung, autoritäre Unterwerfung und die Missachtung eigener Bedürfnisse erfahren haben, kann ein kollektives Reservoir aus Angst, Scham, abgespaltener Wut, Gehorsamsbereitschaft und mangelnder Empathie entstehen.

Dieses Reservoir muss nicht jederzeit sichtbar sein, kann jedoch in gesellschaftlichen Krisen durch politische Führer, Ideologien, Propaganda, Gruppendruck und konstruierte Feindbilder mobilisiert werden.

Die politische Brisanz dieses Gedankens wird noch deutlicher, wenn man ihn in eine historische Langzeitperspektive stellt. Gewalt gegen Kinder ist kein Randphänomen einzelner Epochen oder besonders brutaler Gesellschaften. Nach Fuchs’ Recherchen zieht sie sich vielmehr wie ein roter Faden durch die dokumentierte Menschheitsgeschichte. Kindstötung, Aussetzung, körperliche Züchtigung, sexuelle Ausbeutung, Zwangsarbeit, Initiationsgewalt, Beschämung, emotionale Vernachlässigung und die bewusste Brechung des kindlichen Willens sind in sehr unterschiedlichen historischen und kulturellen Zusammenhängen belegt – bis in die Gegenwart hinein. Die konkreten Praktiken, ihre Intensität sowie ihre gesellschaftliche, religiöse und politische Rechtfertigung mögen sich zwar unterscheiden, dennoch lässt sich schwerlich von einer langen, grundsätzlich gewaltfreien Vergangenheit sprechen. Vielmehr waren Kinder über weite Strecken der Geschichte elterlicher und erzieherischer Gewalt ausgesetzt, die vielfach institutionell abgesichert und gesellschaftlich akzeptiert war und aktuell in weiten Teilen der Weltbevölkerung immer noch ist.

Hieraus ergibt sich eine der weitreichendsten, aber auch anspruchsvollsten Hypothesen des Buches. Wenn gewaltvolle Erziehung die dokumentierte Geschichte der Menschheit in weiten Teilen begleitet hat und wenn zugleich Krieg, Unterjochung, Versklavung, Eroberung und patriarchale Herrschaft zu den wiederkehrenden Merkmalen dieser Geschichte gehören, stellt sich die Frage nach einem Zusammenhang. Die historische Gleichzeitigkeit beider Phänomene beweist noch keine Ursache-Wirkungs-Beziehung. Sie eröffnet jedoch ein Forschungsfeld, das in den Diskursen über Krieg, Herrschaft und Demokratie bisher erstaunlich wenig Beachtung findet.

Möglicherweise beruhen Gewalt gegen Kinder und politische Unterjochung nicht lediglich zufällig auf ähnlichen Mustern. In beiden Fällen beansprucht ein Mächtiger das Recht, über den Körper, den Willen und die Bedürfnisse eines Schwächeren zu verfügen. In beiden Fällen wird Gehorsam eingefordert und Widerstand sanktioniert. In beiden Fällen kann Gewalt als notwendig, erzieherisch, gottgewollt oder dem angeblich höheren Wohl dienend dargestellt werden. Das Kind soll zu seinem eigenen Besten gehorchen; der Untertan soll sich im Interesse der Ordnung fügen; das beherrschte Volk soll durch die überlegene Macht zivilisiert werden; Die jeweiligen Situationen sind zwar nicht gleichzusetzen, doch stellt sich tatsächlich die Frage, ob elterliche und politische Unterdrückung eine gemeinsame Grammatik der Herrschaft und Zerstörung zugrunde liegen?

In dieser Perspektive muss die Familie nicht zwingend als unmittelbare Ursache von Kriegen und gesellschaftlicher Gewalt betrachtet werden, wohl aber als einer der ersten Orte, an denen Menschen die Bedeutung von Macht und Ohnmacht sowie mangelndem Mitgefühl erfahren. Das Kind erlebt dort seine erste soziale Ordnung. Es lernt, ob Macht begründet und begrenzt werden muss oder ob sie sich allein aus Überlegenheit ableitet. Es erfährt, ob sein Körper ihm selbst gehört, ob seine Gefühle ernst genommen werden, ob es widersprechen darf und ob Konflikte durch Verständigung oder durch Drohung und Gewalt entschieden werden. Die erste „Verfassung“, unter der ein Mensch lebt, ist daher nicht die geschriebene Verfassung seines Staates, sondern die Beziehungsordnung seiner frühen Kindheit.

Fuchs betont mehrfach, dass hinsichtlich der kausalen Zusammenhänge zwischen Kindheitserfahrungen und späterer Gewaltbereitschaft noch erheblicher Forschungsbedarf besteht. Eine gewaltgeprägte Kindheit führt keineswegs zu einer einheitlichen Persönlichkeitsentwicklung und darf daher nicht als deterministische Ursache späterer Gewalttätigkeit verstanden werden. Manche Betroffene richten die erfahrene Gewalt später gegen andere, manche gegen sich selbst. Manche entwickeln Süchte, Depressionen, psychosomatische Erkrankungen oder schwere Beziehungsprobleme. Andere werden politisch passiv oder suchen Schutz in starren Hierarchien. Wieder andere entwickeln gerade aufgrund der eigenen Erfahrungen eine außergewöhnliche Sensibilität für Leid und Ungerechtigkeit. Schutzpersonen, sichere Beziehungen, Bildung, therapeutische Hilfe, gesellschaftliche Anerkennung und persönliche Reflexionsfähigkeit können Entwicklungswege grundlegend verändern. Fuchs betont deshalb selbst, dass nicht alle misshandelten Kinder zu Gewalttätern werden und nicht alle Gesellschaften mit hohen Gewaltraten gegen Kinder Kriege beginnen.

Sein Argument setzt an einem anderen Punkt an: Dass ein Mensch trotz erlittener Gewalt nicht zum Täter wird, bedeutet nicht, dass die Gewalt folgenlos geblieben ist. Und dass eine belastete Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt keinen Krieg führt, widerlegt nicht die politische Relevanz ihrer Kindheitsbedingungen. Politische Gewalt entsteht niemals aus einem einzigen Faktor. Zugang zu Waffen, ökonomische Interessen, Geschlechterrollen, soziale Ungleichheit, Ideologien, staatliche Institutionen, Gruppendynamiken, Propaganda und historische Zufälle wirken zusammen. Kindheitserfahrungen bilden in diesem Gefüge keine hinreichende Ursache, möglicherweise aber eine bislang unterschätzte psychische Grundlage.

Die historischen und religiösen Wurzeln der gewaltvollen Erziehung

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die historischen und religiösen Legitimationen, die Fuchs für gewaltvolle Erziehungspraktiken herausarbeitet. Körperliche Züchtigung war über Jahrhunderte nicht bloß eine unkontrollierte Entgleisung überforderter Eltern. Sie war vielfach gesellschaftlich anerkannt, pädagogisch empfohlen, rechtlich erlaubt und religiös aufgeladen. Das Schlagen eines Kindes wurde nicht selten als Ausdruck elterlicher Verantwortung, als notwendige Korrektur einer verdorbenen, sündigen Natur oder sogar als Zeichen der Liebe verstanden.

Bereits in antiken Gesellschaften besaßen Väter weitreichende Verfügungsrechte über Kinder, Frauen, Sklaven und andere Angehörige des Hauses. Kinder wurden nicht als eigenständige Rechtssubjekte mit unveräußerlicher Würde betrachtet, sondern standen unter der Autorität des Hausherrn. Körperliche Strafen gehörten sowohl im Haushalt als auch in Schulen und Ausbildungsstätten zum gewöhnlichen Instrumentarium der Disziplinierung. Das Kind hatte sich in eine bestehende Ordnung einzufügen, deren Hierarchien als naturgegeben galten.

In der europäischen Geschichte verbanden sich diese patriarchalen Traditionen mit bestimmten religiösen Deutungen. Einzelne biblische Texte, vor allem aus der alttestamentlichen Weisheitsliteratur, wurden über Jahrhunderte so gelesen, dass körperliche Züchtigung als legitimes oder sogar gebotenes Mittel der Erziehung erschien. Die „Rute“ wurde nicht nur symbolisch als Anleitung und Grenzsetzung verstanden, sondern häufig wörtlich als Rechtfertigung körperlicher Bestrafung. Auch neutestamentliche Passagen über göttliche Züchtigung konnten in diesem Sinn ausgelegt werden. Fuchs verweist auf die lange wirksame Vorstellung, durch schmerzhafte Strafe werde das Kind vor Sünde, moralischer Verderbnis oder dem Bösen bewahrt.

Entscheidend war dabei weniger ein einzelner Bibelvers als ein umfassenderes Menschen- und Kinderbild. In bestimmten Traditionslinien des Christentums galt das Kind nicht als von Natur aus vertrauenswürdig und beziehungsfähig, sondern als eigensinnig, triebhaft, sündengefährdet und moralisch ungeformt. Seine spontane Lebendigkeit und sein Eigenwille erschienen nicht als Ausdruck einer werdenden Persönlichkeit, sondern als etwas, das kontrolliert und gebrochen werden müsse. Gehorsam gegenüber den Eltern wurde mit Gehorsam gegenüber Gott und später auch mit Gehorsam gegenüber der weltlichen Obrigkeit verbunden.

Diese Traditionslinie darf nicht mit dem Christentum als Ganzem gleichgesetzt werden. Christliche Überlieferungen enthalten ebenso starke Motive der Barmherzigkeit, der Gewaltlosigkeit, des Schutzes der Schwachen und der besonderen Zuwendung zu Kindern. Auch innerhalb der Kirchen gab es immer wieder Stimmen gegen Grausamkeit und maßlose Strafe gegenüber den Schwächsten in der Gesellschaft – und dazu zählen vor allem Kinder. Dennoch lässt sich historisch nicht übersehen, dass ein religiös interpretiertes dunkles Menschenbild vielfach zur Legitimation körperlicher und seelischer Gewalt herangezogen wurde. Theologische Begriffe wie Sünde, Schuld, Strafe, Gehorsam und väterliche Autorität, die mit Liebe gleichgesetzt wurde, konnten eine Erziehungskultur stabilisieren, in der Schmerz und Leid als moralisch nützlich erschien.

Mit der Reformation und der Herausbildung konfessioneller Gesellschaften erhielt die Erziehung zu Gehorsam, Selbstkontrolle, Leistung und Pflichterfüllung zusätzliche Bedeutung. Das Haus wurde als hierarchisch geordneter Mikrokosmos verstanden. Der Patriarch stand an seiner Spitze, während Kinder, Frauen und Gesinde unterschiedlichen Formen seiner Autorität unterworfen waren. Die Gehorsamspflicht des Kindes ließ sich in dieser Ordnung auf die Unterordnung unter Lehrer, Dienstherren, Geistliche, Fürsten und andere Obrigkeiten ausweiten. Martin Luther selbst war in Fragen körperlicher Strafe nicht frei von Ambivalenzen. Luther warnte zwar vor übermäßiger Härte. Zugleich blieb seine Pädagogik jedoch in ein hierarchisches Weltbild eingebettet, in dem die Brechung des kindlichen Eigenwillens und die Einübung von Gehorsam einen hohen Stellenwert besaßen. Körperliche Züchtigung konnte dabei sogar als Ausdruck elterlicher Liebe und Fürsorge verstanden werden: Sie sollte das Kind vor sittlicher Verfehlung bewahren und damit letztlich seinem seelischen Heil dienen.

In pietistischen, puritanischen und später bürgerlichen Erziehungskulturen wurden Selbstdisziplin, Fleiß, Triebkontrolle, Scham und Unterordnung weiter verstärkt. Das Kind sollte lernen, seine körperlichen und emotionalen Bedürfnisse zu beherrschen. Weinen, Angst, Wut, Unruhe, sexuelle Neugier oder der Wunsch nach Nähe konnten als Schwäche, Ungehorsam oder moralisches Versagen gedeutet werden. Die religiöse Rechtfertigung verband sich zunehmend mit sozialen und ökonomischen Anforderungen: Der disziplinierte Mensch war nicht nur ein guter Christ, sondern auch ein zuverlässiger Untertan, Soldat, Arbeiter und Staatsbürger.

Die Säkularisierung beseitigte diese Muster keineswegs. Viele ursprünglich religiös begründete Vorstellungen wurden in eine scheinbar wissenschaftliche, vernünftige oder gesellschaftlich nützliche Sprache übersetzt. Nun sollte der kindliche Wille nicht mehr unbedingt um des Seelenheils willen gebrochen werden, sondern im Namen von Charakterbildung, Tüchtigkeit, Ordnung und gesellschaftlicher Anpassung. Gewalt erschien als Vorbereitung auf das „harte Leben“. Wer sein Kind schone, so die dahinterstehende Logik, mache es schwach; wer es durch Härte und Strafe diszipliniere, vermittle Selbstbeherrschung und Widerstandskraft. Der Nationalsozialismus griff dieses bereits tief verankerte Erziehungsnarrativ auf, radikalisierte es und stellte es in den Dienst seiner politischen und militärischen Ziele. Die Erziehung zu Gehorsam, Härte, Opferbereitschaft und Gefühlsunterdrückung sollte Jungen zu einsatzbereiten Soldaten und Mädchen zu pflichtbewussten Trägerinnen der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft formen.

In dieser Entwicklung liegt eine der Wurzeln dessen, was später als „schwarze Pädagogik“ bezeichnet wurde: eine Erziehungslehre, die das Kind nicht als Subjekt, sondern als zu formendes Material behandelt; die seinen Eigenwillen als Gefahr begreift; die Bindung, Angst und Abhängigkeit gezielt nutzt, um Gehorsam herzustellen; und die Demütigung als pädagogisch wirksames Mittel rechtfertigt. Besonders in der europäischen Neuzeit verband sich diese Erziehung mit militarisierten Staats- und Gesellschaftsordnungen. Pünktlichkeit, Härte, Pflichterfüllung, Unterordnung und die Unterdrückung von Gefühlen galten sowohl im Elternhaus als auch in Schule, Militär und Verwaltung als Tugenden.

Die Grundannahmen dieser Erziehungstradition wirken bis heute im gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein fort, auch wenn sie meist nicht mehr als geschlossenes pädagogisches Konzept vertreten werden. Sie begegnen uns in scheinbar selbstverständlichen Sätzen wie „Ein Klaps hat noch keinem geschadet“  oder „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, hast du zu tun, was ich sage“. Gerade die letzte Wendung bringt ein hierarchisches Familienverständnis zum Ausdruck, in dem Versorgung nicht als elterliche Verantwortung, sondern als Gegenleistung für Gehorsam erscheint. Auch die Vorstellung, Kinder müssten durch Strenge auf das Leben vorbereitet werden, folgt noch der älteren Logik von Abhärtung, Unterordnung und Willensbrechung. Solche Narrative verharmlosen nicht nur körperliche und seelische Gewalt, sondern deuten kindliche Bedürfnisse nach Schutz, Nähe und Selbstbestimmung als Schwäche, Ungehorsam oder mangelnde Disziplin.

Damit wird verständlich, warum Fuchs die Geschichte der Kindererziehung nicht als kulturgeschichtliches Nebenthema behandelt. In ihr spiegeln sich die grundlegenden Herrschaftsverhältnisse einer Gesellschaft. Wo die Unterwerfung des Kindes als notwendig gilt, liegt für ihn die Vorstellung nahe, auch andere Menschen müssten geführt, diszipliniert verachtet oder zu ihrem vermeintlich eigenen Besten beherrscht werden. Die patriarchale Familie kann so zum Modell politischer Ordnung werden: oben die starke, mächtige Elternautorität, unten die abhängigen, gehorsamspflichtigen Kinder. Autoritäre Herrscher bedienen sich bis heute dieses Bildes, wenn sie sich als „Väter der Nation“ inszenieren und von den Bürgerinnen und Bürgern Loyalität, Dankbarkeit und Unterwerfung verlangen.

Obwohl diese familiären und politischen Gewaltverhältnisse zunächst auf patriarchale Herrschaftsstrukturen verweisen, die vor allem mit männlicher Autorität und väterlicher Machtausübung verbunden werden, warnt Fuchs vor einer vorschnellen geschlechtlichen Zuordnung der tatsächlichen Gewaltpraxis. Nicht nur Väter, sondern auch Mütter übten und üben körperliche und seelische Gewalt gegen Kinder aus. Die von ihm herangezogenen internationalen Untersuchungen zeigen, dass mütterliche Gewalt keineswegs ein Randphänomen darstellt und bei bestimmten Formen gewaltvoller Disziplinierung ähnlich häufig oder teilweise häufiger erfasst wird als väterliche Gewalt. Die Ergebnisse unterscheiden sich allerdings nach Land, Untersuchungsmethode und Art der Gewalt. Fuchs’ Hinweis ist dennoch bedeutsam: Patriarchale Erziehungsmuster werden nicht ausschließlich von Männern weitergegeben. Auch Mütter können gesellschaftlich verankerte Vorstellungen von Gehorsam, Härte und Unterordnung übernehmen und an die nächste Generation vermitteln. Patriarchat bezeichnet somit nicht allein die unmittelbare Herrschaft einzelner Männer, sondern eine kulturelle Ordnung, deren Normen von Menschen unterschiedlichen Geschlechts verinnerlicht und reproduziert werden können.

Die Gegenwart: Gewalt gegen Kinder ist noch immer eine globale Normalität

Die historische Rückschau könnte zu der beruhigenden Annahme verleiten, gewaltvolle Erziehung sei ein überwundenes Relikt. Die aktuellen internationalen Daten widersprechen leider dieser Vorstellung. UNICEF schätzt, dass weltweit rund 1,6 Milliarden Kinder – etwa zwei von drei Kindern – regelmäßig gewaltvolle Bestrafung durch Eltern oder andere Betreuungspersonen zu Hause erleben. Rund 1,2 Milliarden Kinder sind körperlichen Strafen ausgesetzt. Selbst unter Kindern unter fünf Jahren erfahren nahezu 400 Millionen regelmäßig körperliche Bestrafung oder psychische Aggression. Etwa 330 Millionen der unter Fünfjährigen werden körperlich bestraft.

Unter „gewaltvoller Disziplinierung“ versteht UNICEF sowohl körperliche Strafen als auch psychische Aggression. Dazu gehören Schlagen, Ohrfeigen oder Bestrafung mit Gegenständen ebenso wie Anschreien, Beschimpfen, Erniedrigen und das Belegen eines Kindes mit abwertenden Namen. Die Daten zeigen zudem, dass körperliche und psychische Gewalt häufig gemeinsam auftreten. Gewaltfreie Erziehungsmethoden werden von vielen Eltern durchaus angewandt, jedoch oft nicht anstelle, sondern zusätzlich zu gewaltvollen Methoden.

Besonders ernüchternd ist, dass etwas mehr als ein Viertel der befragten Mütter und primären Betreuungspersonen körperliche Strafe weiterhin für notwendig hält, um Kinder angemessen zu erziehen. Gewalt ist also nicht nur das Ergebnis situativer Überforderung. Sie wird vielfach noch immer durch soziale Normen, überlieferte Erziehungsbilder und moralische Überzeugungen gestützt.

Diese Zahlen sind allerdings mit methodischer Sorgfalt zu lesen. Die internationalen Schätzungen beruhen vor allem auf standardisierten Haushaltsbefragungen wie den Multiple Indicator Cluster Surveys und teilweise auf Demographic and Health Surveys. Die Erhebungen wurden nicht in allen Ländern im selben Jahr durchgeführt, und für manche Staaten fehlen vergleichbare Daten. Zudem handelt es sich häufig um Angaben von Erwachsenen darüber, welche Erziehungsmethoden im Haushalt innerhalb eines bestimmten Zeitraums angewandt wurden. Von einer lückenlosen, zeitgleichen Weltzählung kann daher nicht gesprochen werden. Dennoch ist das Gesamtbild eindeutig: Gewalt gegen Kinder ist kein historisches Randphänomen und keine Ausnahme weniger Staaten, sondern die weltweit häufigste Form von Gewalt gegen Minderjährige.

Auch die Weltgesundheitsorganisation kommt zu einem ernüchternden Ergebnis. Sie weist darauf hin, dass Kinder, die ausschließlich gewaltfreie Formen der Grenzsetzung erleben, weltweit eine absolute Minderheit bilden. Körperliche Strafen finden sich über geografische, religiöse, kulturelle und ökonomische Grenzen hinweg. Sie sind in Familien, Schulen, Betreuungseinrichtungen und teilweise sogar in Straf- und Justizsystemen verankert. Die Vorstellung, Gewalt sei nur in armen, sogenannten „unterentwickelten“ oder kriegsbetroffenen Ländern verbreitet, ist unhaltbar und täuscht über die dunkle globale Realität hinweg.

Die von Fuchs hervorgehobene positive europäische Entwicklung muss deshalb differenziert betrachtet werden. Im historischen und globalen Vergleich ist Europa – insbesondere Nord- und Teile Westeuropas – tatsächlich die Region, in der sich die deutlichste und institutionell am stärksten abgesicherte Abkehr von der schwarzen Pädagogik vollzogen hat. Schweden verbot 1979 als erster Staat weltweit sämtliche körperlichen Strafen gegen Kinder. Weitere europäische Länder folgten. Bis 2025 hatten 39 Staaten in Europa und Zentralasien körperliche Bestrafung in allen Lebensbereichen, einschließlich der Familie, gesetzlich untersagt.

Insofern ist Fuchs’ Beobachtung berechtigt: Der europäische Raum bildet den bisher sichtbarsten regionalen Schwerpunkt einer Entwicklung, die das Kind zunehmend als eigenständigen Träger von Menschenrechten anerkennt. Gewaltfreie Erziehung wird hier zumindest rechtlich und öffentlich immer stärker zur Norm. In mehreren europäischen Ländern ist die Vorstellung, Eltern hätten ein Züchtigungsrecht, innerhalb weniger Jahrzehnte von einer gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit zu einer rechtlich und moralisch problematisierten Praxis geworden. Auch wenn Fuchs die Vorreitererrolle Europas betont, lässt sich erfreulicherweise eine positive Tendenz auch in anderen Kontinenten feststellen: Mittlerweile haben weltweit rund 70 Staaten ein vollständiges gesetzliches Verbot körperlicher Bestrafung beschlossen. Dazu gehören auch Länder in Lateinamerika, Afrika und im asiatisch-pazifischen Raum. Thailand, Laos, Südafrika, Kolumbien, Japan, Südkorea, Nepal, Togo, Tunesien, Uruguay, Brasilien und weitere Staaten stehen für kinderrechtliche Reformbewegungen außerhalb Europas.

Doch ein umfassendes gesetzliches Verbot körperlicher Bestrafung bedeutet noch nicht, dass tief verwurzelte gewaltförmige Traditionen im Umgang mit Kindern aus der gesellschaftlichen Praxis verschwunden sind. Besonders deutlich zeigt sich die Kluft zwischen rechtlicher Norm und gelebter Wirklichkeit an der äußerst schmerzhaften und mit langfristigen gesundheitlichen Folgeschäden verbundenen weiblichen Genitalverstümmelung, die trotz gesetzlicher Verbote und internationaler Ächtung in verschiedenen Ländern weiterhin praktiziert wird. Auch medizinisch nicht notwendige Eingriffe an den Genitalien von Jungen werfen grundlegende kinderrechtliche Fragen nach körperlicher Unversehrtheit, Einwilligungsfähigkeit und späterer Selbstbestimmung auf. Diese Beispiele verdeutlichen, wie beharrlich sich kulturell, religiös oder gesellschaftlich legitimierte Eingriffe in die körperliche Integrität von Kindern halten können.

Selbst in Europa, wo neben gesetzlichen Gewaltverboten zunehmend durch öffentliche Aufklärung, niedrigschwellige Familienhilfen, Armutsbekämpfung, wirksame Schutzsysteme und praktische Unterstützung für Eltern präventiv gearbeitet wird, bleibt die Realität ernüchternd: Nach neueren UNICEF-Auswertungen erlebt noch nahezu jedes dritte Kind körperliche Bestrafung durch Eltern oder andere Betreuungspersonen. Psychische Aggression betrifft in den untersuchten Ländern zwischen 36 und 69 Prozent der Kinder. Die rechtliche Abkehr von Gewalt ist somit vielerorts weiter fortgeschritten als der tatsächliche Wandel des Erziehungsalltags.

Europa ist daher weder ein bereits gewaltfreier Kontinent noch das einzige Gebiet gesellschaftlicher Veränderung. Es ist vielmehr die Region, in der die rechtliche und kulturelle Delegitimierung körperlicher Züchtigung bislang am weitesten vorangeschritten ist. Gerade dieser Prozess ist für Fuchs’ These von großer Bedeutung: Wenn sich Erziehungsnormen und -praktiken historisch verändern können, dann sind auch die psychischen und kulturellen Grundlagen gesellschaftlicher Gewalt nicht unveränderlich. Die Menschheit ist nicht dazu verdammt, die tradierten Muster von Unterwerfung und Gewalt endlos zu wiederholen.

 

Wie frühe Ohnmacht politisch wirksam werden kann

Fuchs verbindet seine historische Bestandsaufnahme mit einer psychodynamischen Erklärung. Kinder sind existenziell auf ihre Eltern und andere Bezugspersonen angewiesen. Erleben sie gerade durch diese Menschen Gewalt, Demütigung oder emotionale Vernachlässigung, können sie sich gegen die Verursacher ihres Leids kaum zur Wehr setzen. Eine mögliche Folge besteht darin, dass sie nicht nur die konkrete Gewalt, sondern auch die dahinterstehende Ordnung verinnerlichen: Der Mächtige bestimmt, der Schwächere muss sich fügen. Eigene Angst, Verletzlichkeit und Wut können dabei abgespalten und später gegen sich selbst oder andere gerichtet werden.

Solche Erfahrungen führen – und dies betont Fuchs mehrfach – keineswegs zwangsläufig zu späterer Gewalttätigkeit. Sie können jedoch die Anfälligkeit für autoritäre Vorstellungen, Feindbilder und die Abwertung vermeintlich Schwächerer erhöhen. Politische oder extremistische Gruppen bieten hierfür mögliche Anschlussstellen: Sie versprechen Zugehörigkeit, Orientierung, Anerkennung und Teilhabe an Macht. In der Kindheit erlebte Ohnmacht, Angst und diffuse Wut können dadurch politisch umgedeutet und gegen Minderheiten, politische Gegner oder andere als fremd markierte Gruppen gelenkt werden.

Fuchs stützt diese Argumentation auf Studien und Biografien von Gewalttätern, Extremisten, Terroristen und autoritären politischen Führern. Bei den meisten der untersuchten Personen finden sich schwere familiäre Belastungen, emotionale Vernachlässigung, körperliche Gewalt oder autoritäre Erziehungsstrukturen. Solche biografischen Befunde können zwar keine unmittelbare Kausalität zwischen einer belasteten Kindheit und späteren politischen Verbrechen, Gewalttätigkeit oder empathielosem Verhalten beweisen. Sie legen jedoch nahe, Kindheitserfahrungen als mögliche psychische Voraussetzung nicht nur politischer Gewalt, sondern auch eines grundlegenden Misstrauens, eingeschränkter Empathiefähigkeit und sozialer Beziehungsprobleme ernst zu nehmen. Solche Prägungen können das Zusammenleben, die Bereitschaft zu Kooperation und Solidarität sowie den konstruktiven Umgang mit Konflikten erschweren und damit auch für demokratische Gemeinschaften von Bedeutung sein. Gerade deshalb sollten diese Zusammenhänge systematischer erforscht werden. Über Fuchs’ eigenen Untersuchungsrahmen hinaus wäre zudem zu erforschen, ob und inwieweit destruktive oder gewaltgeprägte Kindheitserfahrungen auch die Fähigkeit zu Fürsorge und zu einem empathischen Zugang gegenüber Tieren und der natürlichen Mitwelt beeinträchtigen können. Damit könnten frühe Beziehungserfahrungen nicht nur für die Entwicklung friedensfähiger und demokratischer Gemeinschaften, sondern ebenso für die Entstehung einer sozial und ökologisch verantwortlichen Gesellschaft von Bedeutung sein.

Kindheit als Friedens- und Demokratiepolitik

Fuchs’ Ansatz könnte die Friedens- und Demokratieforschung um eine bislang vernachlässigte biografische Dimension erweitern.

Seiner These zufolge beginnt Kriegsprävention nicht erst bei diplomatischen Verhandlungen, Rüstungskontrolle oder internationalen Sicherheitsordnungen, sondern bereits bei den psychischen Voraussetzungen späteren politischen Handelns. Entscheidend ist demnach, ob Menschen frühe Erfahrungen von Ohnmacht, Demütigung und Gewalt später in Herrschaftsbedürfnisse, Feindbilder und politische Aggression übersetzen? Dies betrifft sowohl politische Führungspersönlichkeiten, die über Krieg und Frieden entscheiden, als auch diejenigen, die bereit sind, Gewaltbefehlen zu folgen, andere Menschen zu entmenschlichen und im Namen einer Nation, Ideologie oder Gruppe zu töten.

Damit stellt sich eine grundlegende, bislang noch nicht hinreichend erforschte Frage: Sind Menschen, die in einer weitgehend gewaltfreien, verlässlichen und emotional tragfähigen Umgebung aufgewachsen sind, in gleichem Maße für kriegerische Gewalt, autoritären Gehorsam und die Entmenschlichung vermeintlicher Gegner empfänglich wie Menschen, deren Kindheit von Gewalt, Demütigung, emotionaler Vernachlässigung oder existenzieller Unsicherheit geprägt war?

Die systematische Erforschung dieser Frage könnte wesentlich dazu beitragen, die psychischen Voraussetzungen von Kriegsbereitschaft besser zu verstehen und die Friedensprävention um eine bislang vernachlässigte biografische und psychologische Dimension zu erweitern. Gesellschaften könnten dadurch stärker dafür sensibilisiert werden, politische Führungspersönlichkeiten und Bewegungen nicht allein anhand ihrer geopolitischen Begründungen zu beurteilen, sondern auch danach zu fragen, welche Vorstellungen von Macht, Stärke, Feindschaft und Unterwerfung in ihrer Sprache und ihrem Handeln erkennbar werden. Kriegsrhetorik, die Entmenschlichung von Gegnern und die Unfähigkeit, Ambivalenzen, Kränkungen oder Interessengegensätze gewaltfrei zu bearbeiten, müssten dann auch als mögliche Hinweise auf destruktive psychische und soziale Dispositionen ernst genommen werden. Eine solche Perspektive könnte dazu beitragen, vorgeschobene Sachargumente von tiefer liegenden biografisch begründeten Macht-, Rache- oder Vernichtungsimpulsen besser zu unterscheiden und kriegstreibenden Bestrebungen frühzeitiger entgegenzutreten.

Für die Demokratieentwicklung stellt sich entsprechend die Frage, unter welchen Bedingungen Vertrauen, Empathie, Ambiguitätstoleranz, Kooperationsbereitschaft und die Anerkennung der Gleichwertigkeit anderer Menschen entstehen können. Diese Fähigkeiten besitzen eine emotionale und biografische Grundlage. Ein Kind, dessen Nein grundsätzlich gebrochen wird, lernt eine andere politische Grammatik als ein Kind, dessen Grenzen ernst genommen werden. Ein Kind, das nur dann Zuwendung erhält, wenn es sich unterordnet, kann Gehorsam mit Zugehörigkeit verbinden. Ein Kind, das für Fehler beschämt oder bestraft wird, kann Kritik später als Angriff auf seine gesamte Person erleben. Ein Kind, das keine verlässliche Wiedergutmachung erfährt, kann Schwierigkeiten entwickeln, Schuld anzuerkennen, ohne in Selbstvernichtung oder Gegenangriff zu geraten.

Autoritäre politische Angebote sprechen genau solche unbewussten Erfahrungen an. Der starke Führer verspricht Ordnung, Schutz und eindeutige Zugehörigkeit. Er nimmt den Einzelnen die Last von Unsicherheit und Selbstverantwortung. Gleichzeitig benennt er Schuldige, auf die Angst und Wut gelenkt werden können. Die emotionale Attraktivität autoritärer Bewegungen lässt sich daher nicht allein durch politische Unwissenheit erklären. Aus der Psychologie ist bekannt, dass Menschen im Erwachsenenalter mitunter partnerschaftliche oder soziale Beziehungen eingehen, die in wesentlichen Zügen vertraute Muster ihrer frühen Elternbeziehungen wiederholen. Was aus der Außenperspektive belastend oder destruktiv erscheint, kann sich innerlich vertraut und damit paradoxerweise sicher anfühlen. Übertragen auf den politischen Raum könnte dies erklären, weshalb autoritäre Führungsfiguren und hierarchische Gemeinschaften auf manche Menschen eine besondere Anziehungskraft ausüben: Sie knüpfen möglicherweise an früh verinnerlichte Erfahrungen von Zugehörigkeit, Gehorsam, Angst und Schutz an.

Deshalb reicht demokratische Bildung als reine Wissensvermittlung nicht aus. Kinder können lernen, wie ein Parlament funktioniert, und gleichzeitig in Schule oder Familie erfahren, dass ihre eigene Stimme nichts zählt. Sie können Menschenrechte auswendig lernen und erleben, dass Erwachsene über ihren Körper verfügen dürfen. Eine glaubwürdige Demokratiepädagogik muss demokratische Prinzipien in Beziehungen erfahrbar machen. Beteiligung, Respekt, nachvollziehbare Regeln, Schutz vor Demütigung und das Recht auf Widerspruch sind keine pädagogischen Zugeständnisse, sondern frühe Erfahrungen demokratischer Kultur.

Das bedeutet nicht, Kinder müssten grenzenlos entscheiden dürfen oder Erwachsene dürften keine Verantwortung übernehmen. Gewaltfreie, demokratische Erziehung ist nicht mit Orientierungslosigkeit oder Beliebigkeit gleichzusetzen. Kinder brauchen Schutz, Halt, Regeln und verantwortliche Erwachsene. Der Unterschied liegt darin, ob Grenzen durch Beziehung, Erklärung und verlässliche Führung vermittelt oder durch Angst, Erniedrigung und Schmerz erzwungen werden. Autorität muss nicht verschwinden, aber sie muss sich legitimieren, begrenzen und am Wohlergehen des Kindes orientieren.

Eine empathische Gesellschaft entsteht deshalb nicht allein durch moralische Appelle. Empathie wächst aus der Erfahrung, selbst gesehen worden zu sein. Wer die eigenen Gefühle wahrnehmen und regulieren kann, ist eher in der Lage, auch die Gefühle anderer anzuerkennen. Wer erfahren hat, dass Konflikte eine Beziehung nicht zerstören müssen, kann politische Auseinandersetzungen führen, ohne den Gegner entmenschlichen zu müssen. Wer als Kind Würde erlebt, entwickelt eher ein inneres Verständnis dafür, dass auch die Würde anderer unantastbar ist.

Fuchs’ Ansatz führt damit zu einer grundlegenden demokratietheoretischen Einsicht: Demokratie ist nicht nur eine Staatsform, sondern eine Beziehungskultur. Sie beginnt lange vor dem Wahlalter. Sie beginnt dort, wo ein Kind zum ersten Mal erlebt, ob Macht willkürlich oder verantwortlich ausgeübt wird.

Kinderschutz wird damit zu einem Friedens- und Demokratiefaktor. Gewaltfreie Erziehung garantiert zwar keinen Frieden und keine bessere Demokratie. Auch liebevoll aufgewachsene Menschen können aus ideologischen, materiellen oder gruppendynamischen Gründen schuldig werden. Umgekehrt werden viele misshandelte Kinder niemals gewalttätig. Dennoch beeinflusst die Qualität früher Beziehungen die Wahrscheinlichkeit, mit der Menschen Empathie, Vertrauen, Selbstregulation, soziale und demokratische Resilienz sowie die Fähigkeit zur gewaltfreien Konfliktbearbeitung entwickeln können.

Eine an Fuchs orientierte Friedens- und Demokratiepolitik müsste daher Familienunterstützung, Kinderschutz, Armutsprävention, Traumabehandlung, gewaltfreie Schulen und eine kinderrechtlich ausgerichtete Pädagogik als Bestandteile gesellschaftlicher Sicherheitsvorsorge verstehen. Investitionen in frühe Hilfen wären dann nicht nur Sozialpolitik, sondern langfristige Friedens- und Demokratiepolitik. Elternbildung wäre nicht bloß eine private Dienstleistung, sondern ein Beitrag zur Gewaltprävention. Traumatherapie wäre nicht allein individuelle Heilung, sondern auch eine Möglichkeit, transgenerationale Gewaltkreisläufe zu unterbrechen.

Bedeutung für eine zukunftsfähige und empathische Gesellschaft

Die Zukunft moderner Gesellschaften hängt in besonderem Maße von Fähigkeiten ab, deren frühe Grundlagen Fuchs untersucht. Klimawandel, Artensterben, Ressourcenknappheit, Migration, soziale Ungleichheit, Digitalisierung und geopolitische Konflikte erzeugen Unsicherheit und verlangen tiefgreifende Veränderungen. Solche Transformationsprozesse können Ängste, Verlusterfahrungen und Kontrollbedürfnisse auslösen. Wo Menschen kaum gelernt haben, Unsicherheit innerlich zu regulieren, wächst die Anfälligkeit für Verleugnung, Aggression, starre Feindbilder und autoritäre Versprechen.

Zukunftsfähigkeit ist deshalb nicht nur eine Frage technologischer Innovation oder politischer Planung. Sie ist auch eine psychische und soziale Fähigkeit. Eine Gesellschaft muss Veränderungen aushalten können, ohne in Regression und Gewalt zu flüchten. Sie braucht Menschen, die mit Begrenzungen umgehen können, ohne diese als unerträgliche Kränkung zu erleben; die kooperieren können, ohne sich dabei vernichtet zu fühlen; und die bereit sind, die Bedürfnisse zukünftiger Generationen sowie nichtmenschlichen Lebens wahrzunehmen.

Hier berührt Fuchs’ Ansatz auch die ökologische Frage. Die Haltung gegenüber Kindern und die Haltung gegenüber Natur können aus verwandten Herrschaftsmustern hervorgehen. In beiden Fällen wird ein lebendiges Gegenüber zum Objekt gemacht, das geformt, kontrolliert, genutzt oder ausgebeutet werden darf. Wer gelernt hat, eigene Bedürfnisse und Verletzlichkeit abzuspalten, kann möglicherweise auch leichter die Verletzlichkeit anderer Menschen, Tiere und Ökosysteme ignorieren. Die Beherrschung der inneren Natur und die Beherrschung der äußeren Natur können kulturell miteinander verbunden sein.

Eine empathische Gesellschaft ist in diesem Sinne keine sentimental-harmonische Gesellschaft ohne Konflikte. Empathie bedeutet nicht, jede Forderung zu erfüllen oder auf notwendige Grenzen zu verzichten. Sie bezeichnet die Fähigkeit, das Erleben eines anderen Menschen wahrzunehmen, ohne die eigene Position aufzugeben. Eine empathische Gesellschaft kann Konflikte austragen, ohne Menschen zu entwürdigen. Sie kann Verantwortung einfordern, ohne Gewalt zu reproduzieren. Sie kann Grenzen setzen, ohne den Gegner zum Unmenschen zu erklären.

Für eine solche Gesellschaft ist die gewaltfreie Kindheit keine private Nebensache, sondern eine zentrale Zukunftsressource. Kinder, die Bindungssicherheit, Schutz, Mitsprache und respektvolle Grenzsetzung erleben, erhalten bessere Voraussetzungen für Kooperation, Selbstverantwortung und Mitgefühl. Sie müssen weniger Energie darauf verwenden, frühe Ängste abzuwehren, innere Leere zu kompensieren oder ihre Würde durch Macht über andere wiederherzustellen.

Dabei darf die Verantwortung nicht allein den Eltern zugeschoben werden. Eltern handeln selbst unter sozialen, ökonomischen und biografischen Bedingungen. Überforderung, Armut, Isolation, unsichere Arbeitsverhältnisse, fehlende Betreuung, eigene Gewalterfahrungen und psychische Belastungen erhöhen das Risiko, dass Gewalt weitergegeben wird. Wer eine gewaltfreie Kindheit fordert, muss deshalb auch eine Gesellschaft fordern, die Familien trägt. Kinderschutz ohne soziale Gerechtigkeit bleibt unvollständig.

Eine zukunftsorientierte Politik müsste Eltern frühzeitig und ohne Stigmatisierung unterstützen, sichere Räume für Kinder schaffen, pädagogische Fachkräfte angemessen ausbilden und bezahlen, psychotherapeutische Hilfen zugänglich machen und Kinderrechte in allen Institutionen wirksam verankern. Sie müsste Gewalt nicht erst dann ernst nehmen, wenn sichtbare Verletzungen vorliegen, sondern auch Beschämung, Einschüchterung, emotionale Vernachlässigung und chronische Missachtung als gesellschaftlich relevante Formen der Gewalt erkennen.

Stärken, Grenzen und bleibende Bedeutung des Buches

Die größte Stärke von Die Kindheit ist politisch liegt darin, eine bislang weitgehend verdrängte Verbindung sichtbar zu machen. Fuchs sammelt ein außerordentlich umfangreiches Material aus historischer Kindheitsforschung, Kriminologie, Psychologie, Traumaforschung, Biografieforschung und Psychohistorie. Er fordert die Leserinnen und Leser dazu auf, Gewalt gegen Kinder nicht nur als individuelles Unglück, sondern als gesellschaftlich relevantes Phänomen wahrzunehmen. Zugleich sensibilisiert er für tradierte Verharmlosungsnarrative, nach denen „die eine oder andere Ohrfeige“ der eigenen Entwicklung angeblich nicht geschadet habe.

Sein Buch stellt eine unbequeme Frage: Wie realistisch ist die Erwartung, aus systematisch gedemütigten, geschlagenen und zum Gehorsam gezwungenen Kindern entstünden später selbstverständlich empathische, demokratische und friedensfähige Erwachsene? Die Frage darf nicht deterministisch beantwortet werden. Aber sie darf ebenso wenig länger ignoriert werden.

Die Grenzen des Ansatzes liegen vor allem in der Beweislage. Historische Kindheiten sind schwer zu rekonstruieren. Quellen berichten eher über außergewöhnliche Ereignisse als über alltägliche Beziehungen. Biografien politischer Führer können Kindheitserfahrungen beschönigen, dramatisieren oder ganz auslassen. Bei einzelnen von Fuchs untersuchten Personen bleiben Zusammenhänge deshalb spekulativ. Zudem besteht die Gefahr einer Auswahlverzerrung: Wenn gezielt nach belasteten Kindheiten destruktiver Akteure gesucht wird, können widersprechende Fälle zu wenig Beachtung finden.

Auch Kriege und Diktaturen dürfen nicht psychologisiert werden. Kein Kindheitstrauma erklärt für sich allein Imperialismus, Kolonialismus, Kapitalinteressen, Staatszerfall, Rüstungsdynamiken oder organisierte Propaganda. Politische Gewalt wird durch Institutionen ermöglicht, von Eliten geplant, ökonomisch finanziert und ideologisch legitimiert. Die psychische Bereitschaft einzelner Menschen ist nur eine Ebene dieses Geschehens.

Ebenso entscheidend ist, traumatisierte Menschen nicht unter einen Generalverdacht zu stellen. Die überwältigende Mehrheit misshandelter Kinder wird nicht zu Massenmördern, Terroristen oder Diktatoren. Viele entwickeln ein starkes Gerechtigkeitsempfinden und engagieren sich gerade wegen ihrer Erfahrungen für den Schutz anderer. Traumatisierung ist kein moralischer Makel und keine verborgene Gefährlichkeit.

Diese Einwände schwächen Fuchs’ Grundanliegen aber nicht. Sie helfen vielmehr, es präziser zu formulieren. Destruktive Kindheitserfahrungen erzeugen nicht zwangsläufig Krieg, Extremismus oder Diktatur. Sie können jedoch psychische Verletzlichkeiten, Beziehungsmuster und Affekte hervorbringen, die unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen politisch mobilisiert werden. Ideologien liefern die Deutung, Gruppen schaffen Zugehörigkeit, Führer bieten Projektionsflächen, Institutionen stellen Machtmittel bereit – doch frühe Erfahrungen können darüber mitentscheiden, welche politischen Angebote emotionale Resonanz finden.

Die historische Koexistenz von verbreiteter Gewalt gegen Kinder und wiederkehrender politischer Gewalt ist daher keine fertige Erklärung, sondern eine zentrale Forschungsfrage. Sie gehört meines Erachtens in die Friedens- und Konfliktforschung, in die Demokratietheorie, in die Extremismusprävention und in jede ernsthafte Debatte über die Entwicklung empathischer Gesellschaften.

Fuchs’ vielleicht wichtigste Leistung besteht darin, den politischen Blick zeitlich nach vorn und zugleich biografisch nach hinten zu erweitern. Wer Frieden schaffen will, darf nicht erst bei Soldaten und Staatsführern beginnen. Wer Demokratie stärken will, darf nicht erst auf politische Bildung im Erwachsenenalter setzen. Wer eine empathische und zukunftsfähige Gesellschaft anstrebt, muss fragen, welche Erfahrungen Kinder täglich mit Macht, Würde, Grenzen und Verletzlichkeit machen.

Das Kinderzimmer ist nicht der alleinige Ursprung der Weltpolitik. Aber die Weltpolitik beginnt auch dort.

Eine Gesellschaft, die Kinder schlägt, beschämt und zum Schweigen bringt, lehrt nicht nur einzelne Kinder eine Lektion. Sie vermittelt ein gesellschaftliches Modell: dass Macht über Würde stehen darf, dass der Stärkere den Schwächeren formen kann und dass Gewalt legitim wird, sobald sie einem vermeintlich höheren Zweck dient. Eine Gesellschaft dagegen, die Kinder schützt, ihnen zuhört und Grenzen ohne Demütigung vermittelt, schafft eine andere Grundlage. Sie lehrt, dass Macht Verantwortung bedeutet, dass Konflikte ohne Vernichtung ausgetragen werden können und dass auch der Schwächste Rechte besitzt.

Darin liegt die eigentliche politische Botschaft von Sven Fuchs’ Buch: Der Umgang mit Kindern entscheidet vielleicht nicht allein über das Wohlergehen der kommenden Generation. Aber in ihm wird mitentschieden, welche Art von Gesellschaft diese Generation später hervorbringen kann.

Literatur- und Datenhinweise

Fuchs, Sven (2019): Die Kindheit ist politisch! Kriege, Terror, Extremismus, Diktaturen und Gewalt als Folge destruktiver Kindheitserfahrungen. Heidelberg: Mattes Verlag.

Fuchs, Sven (2012): Als Kind geliebte Menschen fangen keine Kriege an. Plädoyer für einen offenen Blick auf die Kindheitsursprünge von Kriegen. Arbeitspapiere zur Internationalen Politik und Außenpolitik, Universität zu Köln.

Hardtmann, Gertrud (2019): Rezension zu Sven Fuchs: Die Kindheit ist politisch!, socialnet Rezensionen.

UNICEF (2025): Violent discipline. Globale Daten zu körperlicher Bestrafung und psychischer Aggression gegen Kinder.

UNICEF Europe and Central Asia (2025/2026): Daten und Analysen zu Gewalt gegen Kinder in Europa und Zentralasien.

World Health Organization (2025/2026): Corporal punishment of children and health sowie Corporal punishment of children: the public health impact.

End Corporal Punishment (2025/2026): Internationale Übersicht über gesetzliche Verbote körperlicher Bestrafung von Kindern.

 

 

 

 

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