
Detlef Baer: Klimaschutzmaßnahmen müssen sozialverträglich sein, … wirklich?
Die heißen Tage sind vorbei – vorerst! Bis zur nächsten Hitzewelle oder bis zur nächsten Überschwemmung wird das Thema Klimaschutz politisch-medial wohl wieder nach hinten geschoben werden. Doch halt: Klimaschutz wird durchaus thematisiert, allerdings häufig unter einem besonderen Vorzeichen: Klimaschutzmaßnahmen müssen sozialverträglich sein!
Derartige Aussagen finden wir beispielsweise bei Olaf Scholz („Klimaschutz ohne soziale Gerechtigkeit wird scheitern.“), bei Robert Habeck („Klimaschutz muss sozial gerecht sein, sonst wird er politisch nicht durchzuhalten sein.“) und bei Friedrich Merz („Wir brauchen Klimaschutz, aber er muss bezahlbar und sozialverträglich bleiben, damit die Mitte der Gesellschaft nicht überfordert wird.“). Noch pointierter formulierte es der ehemalige Finanzminister und FDP-Vorsitzende Christian Lindner in einem Interview mit der Bild-Zeitung: „Klimaschutz ist was für Profis.“
Im Grunde führen zwei Beweggründe zu derselben Aussage, dass Klimaschutz sozialverträglich sein müsse. Zum einen – und damit spreche ich die Gutmeinenden an – geht es darum, Klimaschutzmaßnahmen politisch überhaupt durchsetzen zu können. Eine zweite Gruppe legt den Schwerpunkt eher auf ein Abwarten und betrachtet Klimaschutz als nachrangige Aufgabe, während wirtschaftliches Wachstum Vorrang haben soll. Der Kampf gegen den Klimawandel kostet Geld. Dass allerdings auch der Klimawandel selbst enorme Kosten verursacht, wird oft erst in Zeiten von Extremwetterereignissen wahrgenommen – und selbst dann häufig nur vorübergehend.
Dabei kaschiert die Aussage, Klimaschutz müsse sozialverträglich sein, eine wesentliche Tatsache:
Klimawandel ist sozialunverträglich!
Schauen wir auf die Tatsachen:
„Hitzeopfer in der Notaufnahme in Köln-Merheim am Sonntag, 28. Juni: Die Polizei hat am Montag eine Bilanz nach dem Hitze-Wochenende gezogen: Rund 120 Menschen starben in Köln – offenbar wegen der Hitze.“
Wer waren die Opfer? Wir haben keine Sozialstatistik dazu. Wir wissen jedoch, dass vor allem ältere Menschen betroffen waren. Dazu ein Zitat aus einer Schweizer Zeitung:
„Nirgends wird es so heiß wie in städtischen Hitzeinseln. Daten zeigen: Ärmere Menschen sind davon stärker betroffen.“
Es sind nicht nur ältere Menschen, die der Hitzewelle verstärkt ausgesetzt sind. Der Klimawandel belastet insgesamt ärmere Menschen stärker, weil
- sie häufiger in dicht bebauten Stadtquartieren mit wenig Grünflächen leben,
- ihre Wohnungen sich im Sommer stärker aufheizen und Kühlungsmöglichkeiten oft fehlen oder finanziell nicht realisierbar sind,
- finanzielle Mittel für Maßnahmen zum Hitzeschutz häufig begrenzt sind,
- sie seltener über Rückzugsmöglichkeiten in kühlere Regionen oder klimatisierte Räume verfügen,
- sie häufiger gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt sind und dadurch besonders empfindlich auf extreme Hitze reagieren.
Und wer leistet Hilfe? Am heißen Freitag, den 26. Juni, kam es in Aachen zu 324 Einsätzen, an einem gewöhnlichen Wochenende sind es etwa 200. Am Samstag stieg die Zahl auf 370. Rettungsdienste und medizinisches Personal leisten unter solchen Bedingungen Außergewöhnliches. Der Gedanke an Sozialverträglichkeit spielt in solchen Situationen kaum noch eine Rolle – gefragt ist schnelle und wirksame Hilfe.
Bilanzieren wir die letzten Jahre hinsichtlich der Auswirkungen des Klimawandels:
Jedes Jahr veröffentlicht das Robert Koch-Institut (RKI) die Zahl der hitzebedingten Sterbefälle. Errechnet wird sie aus der Übersterblichkeit während heißer Wochen. Im vergangenen Jahr starben demnach an heißen Tagen rund 2.500 Menschen mehr als üblicherweise, in Jahren mit vielen Hitzetagen wie 2018 waren es sogar rund 9.000.
Auf dem Totenschein dieser Menschen stehen Diagnosen wie Schlaganfall, Nierenversagen oder Herzinfarkt – also die unmittelbaren Folgen extremer Hitze. „Wir lassen damit unerwähnt, dass die Menschen an Hitze und damit auch an der Klimakrise gestorben sind“, sagt Schmid.
Klimakrise als Todesursache?
Hitzewellen werden durch die Klimakrise weltweit intensiver und länger. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es in Deutschland insgesamt nur drei Jahre mit mehr als zehn Hitzetagen (1976, 1994 und 1995). Seit der Jahrtausendwende registrierte der Deutsche Wetterdienst bereits ein Dutzend Sommer mit mehr als zehn Hitzetagen – die meisten davon seit 2015. Der Trend geht eindeutig nach oben.
2026 veröffentlichte die World Weather Attribution (WWA) ihren Final Scientific Report. Die folgende Grafik verdeutlicht den zunehmenden Trend.

Gerade Städte in Mitteleuropa unterliegen verstärkt den klimatischen Veränderungen. Auch dieser Bericht verweist auf besonders benachteiligte Bevölkerungsgruppen:
Vulnerability to heat ranges across society from elderly people living alone to populations facing socioeconomic disadvantage and chronic illness, including homeless people and migrants, highlighting the need for adaptive, equity-focused heat-health policies.
Wenn der Kampf gegen den Klimawandel wirklich sozialverträglich gestaltet werden soll, dann muss auch nach dem Verursacherprinzip gefragt werden.
„Der reichste Teil der Weltbevölkerung ist laut einer Studie für doppelt so viele CO₂-Emissionen verantwortlich wie die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit. Für den Konsumrausch einer Minderheit zahlen die Ärmsten den Preis“, kritisiert Oxfam.
Spätestens jetzt folgt häufig das Argument, der Hauptverursacher sei China. Deutschland sei schließlich nur für rund zwei Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich, China dagegen für knapp 30 Prozent.
Berücksichtigt man jedoch die Bevölkerungsgröße, ergibt sich ein differenzierteres Bild. Beim Pro-Kopf-Ausstoß liegt China mit etwa 8,0 Tonnen CO₂ pro Jahr hinter Deutschland mit rund 9,2 Tonnen. Noch deutlich höher liegen die Vereinigten Staaten mit etwa 16,1 Tonnen CO₂ pro Kopf.
Die Frage nach einer sozialverträglichen Klimapolitik darf deshalb nicht nur lauten, welche Belastungen Klimaschutzmaßnahmen verursachen. Ebenso muss gefragt werden, welche sozialen Folgen entstehen, wenn Klimaschutz unterbleibt. Denn die Folgen des Klimawandels treffen gerade jene Menschen besonders hart, die am wenigsten zu seiner Entstehung beigetragen haben.
Quellen:
https://www.bild.de/bild-plus/politik/inland/politik-inland/christian-lindner-klimaschutz-ist-was-fuer-profis-und-nicht-fuer-kinder-60573006.bild.html
https://www.ksta.de/koeln/hitze-bilanz-polizei-spricht-von-120-toten-am-wochenende-in-koeln-1314125?nocache=1782744061563
https://www.srf.ch/news/schweiz/ungleichheit-in-den-staedten-hitzeinseln-treffen-aermere-staerker
https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/hitzewelle-in-deutschland-die-klimakrise-steht-nicht-auf-dem-totenschein-a-673a20b1-39a0-4c01-bca0-2471e172e9a5
https://www.worldweatherattribution.org/fossil-fuel-emissions-have-rapidly-worsened-european-heatwaves-in-just-a-few-decades/
https://www.tagesschau.de/ausland/oxfam-klima-reich-arm-101.html
https://www.co2online.de/klima-schuetzen/co2-ausstoss-der-laender/