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Raphaela Kell: Die blinde Stelle der Kreislaufwirtschaft: Warum Forschung allein keine Transformation erzeugt

Die Kreislaufwirtschaft hat in den vergangenen Jahren einen bemerkenswerten Aufstieg erlebt. Kaum ein Nachhaltigkeitskonzept wird derzeit in Wissenschaft, Politik und Förderlandschaft so intensiv diskutiert wie die Circular Economy. Universitäten gründen Kompetenzzentren, Forschungsinstitute entwickeln neue Werkstoffe, digitale Plattformen und Stoffstrommodelle, und auf europäischer Ebene fließen Milliardenbeträge in Forschungs- und Innovationsprogramme. Die wissenschaftliche Dynamik ist beeindruckend.

Gleichzeitig drängt sich jedoch eine unbequeme Frage auf: Warum bleibt die praktische Transformation vielerorts hinter den wissenschaftlichen Möglichkeiten zurück?

Denn trotz tausender Forschungsprojekte, Pilotvorhaben, Reallabore und Innovationsprogramme sind viele Unternehmen, Verwaltungen und regionale Akteursnetzwerke noch weit davon entfernt, die Potenziale der Kreislaufwirtschaft systematisch zu nutzen. Zahlreiche zirkuläre Technologien sind marktreif, neue Materialien stehen zur Verfügung, digitale Werkzeuge existieren bereits – und dennoch verlaufen viele Stoffströme weiterhin linear.

Die Ursachen hierfür liegen nicht primär in einem Mangel an Innovationen. Vielmehr deutet sich an, dass die Kreislaufwirtschaft zunehmend an einer strukturellen Transferlücke leidet.

Die Erfolgsgeschichte der Forschung

Zunächst muss anerkannt werden, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft in den vergangenen Jahren Außergewöhnliches geleistet hat. Kaum ein anderes Nachhaltigkeitsthema wurde derart interdisziplinär bearbeitet.

Materialwissenschaften entwickeln recyclingfähige Werkstoffe und biobasierte Alternativen. Ingenieurwissenschaften erforschen neue Rückgewinnungs- und Aufbereitungsverfahren. Informatik und Datenwissenschaften arbeiten an digitalen Produktpässen, Stoffstromanalysen und KI-gestützten Matching-Systemen. Wirtschafts- und Sozialwissenschaften analysieren Governance-Strukturen, Geschäftsmodelle und Transformationsprozesse.

Insbesondere die Hochschullandschaft hat die Kreislaufwirtschaft in bemerkenswerter Weise vorangetrieben. Viele der heute diskutierten Lösungen wären ohne die wissenschaftliche Vorarbeit der vergangenen Jahre nicht denkbar.

Gerade deshalb lohnt sich jedoch ein kritischer Blick auf die nächste Entwicklungsphase.

Die eigentliche Herausforderung liegt nicht mehr nur in der Innovation

Die öffentliche Debatte suggeriert häufig, dass die Kreislaufwirtschaft vor allem unter einem Innovationsdefizit leide. Tatsächlich spricht vieles dafür, dass sich aktuell die Problemlage verschiebt.

Nicht die Entwicklung neuer Technologien stellt heute die größte Herausforderung dar, sondern deren Verbreitung, Anwendung und institutionelle Verankerung.

Viele kleine und mittlere Unternehmen wissen bis heute nur wenig über verfügbare kreislauffähige Materialien, neue Recyclingtechnologien oder digitale Stoffstromlösungen und vor allem über deren betriebswirtschaftlichen Nutzen. Zahlreiche Kommunen verfügen weder über ausreichende Kenntnisse zu zirkulären Beschaffungsstrategien noch über die personellen Kapazitäten, um entsprechende Instrumente zu entwickeln. Selbst innerhalb einzelner Branchen existieren häufig erhebliche Informationsdefizite hinsichtlich verfügbarer Lösungen und bestehender Marktpotenziale.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Synergien und Matchings zur optimalen Nutzung regionaler Materialströme können vielerorts noch gar nicht hergestellt werden, weil die dafür notwendigen digitalen Infrastrukturen, Datenplattformen und Koordinationsstrukturen fehlen. Während digitale Plattformen in anderen Wirtschaftsbereichen längst selbstverständlich sind, steckt die intelligente Vernetzung von Stoffströmen in vielen Regionen noch in den Kinderschuhen.

Die Folge ist ein paradoxes Bild: Während in Forschungsverbünden bereits über digitale Materialpässe, KI-gestützte Stoffstromoptimierung oder Urban Mining diskutiert wird, kämpfen viele Unternehmen noch mit den grundlegenden Fragen der praktischen Umsetzung und damit, welchen konkreten wirtschaftlichen Nutzen ihnen die Umstellung auf zirkuläre Materialien und Produktionsweisen überhaupt bietet.

Die Wissensproduktion entwickelt sich schneller als ihre gesellschaftliche Diffusion.

Die Projektlogik als strukturelles Problem

Ein wesentlicher Grund hierfür liegt in der Architektur des gegenwärtigen Innovationssystems.

Ein großer Teil der Kreislaufwirtschaftsforschung wird über zeitlich befristete Drittmittelprojekte finanziert. Diese Projekte erzeugen wertvolle Erkenntnisse, bauen Netzwerke auf und entwickeln Demonstratoren. Gleichzeitig endet ihre institutionelle Wirkung häufig mit dem Auslaufen der Förderung.

Nicht selten verschwinden mit Projektende:

  • Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner,
  • Kommunikationsstrukturen,
  • Datenplattformen,
  • Netzwerke,
  • Transferaktivitäten.

Die erzeugten Erkenntnisse bleiben zwar wissenschaftlich verfügbar, verlieren jedoch ihre organisatorische Anschlussfähigkeit.

Die Kreislaufwirtschaft produziert dadurch ein bemerkenswertes Paradox: Sie fordert langfristige Stoffkreisläufe, operiert aber häufig in kurzfristigen Projektzyklen.

Die Anreizstrukturen der Wissenschaft als unterschätzte Ursache

Die beschriebene Transferlücke ist jedoch nicht allein das Ergebnis befristeter Projektlogiken. Sie ist auch Ausdruck der institutionellen Anreizstrukturen des Wissenschaftssystems selbst.

Forschende werden bis heute in erster Linie an wissenschaftlichen Erfolgsindikatoren gemessen: Publikationen, Zitationen, eingeworbene Drittmittel, Patente oder wissenschaftliche Reputation bestimmen maßgeblich Karrieren, Ressourcenverteilung und institutionelle Sichtbarkeit. Der langfristige Wissenstransfer in Unternehmen, Verwaltungen oder zivilgesellschaftliche Organisationen spielt demgegenüber häufig eine nachgeordnete Rolle.

Dies ist keineswegs als Kritik an einzelnen Forschenden oder Forschungseinrichtungen zu verstehen. Vielmehr folgt die Wissenschaft damit den Regeln eines Systems, das primär auf die Erzeugung neuen Wissens und weniger auf dessen dauerhafte gesellschaftliche Diffusion ausgerichtet ist.

Gerade im Bereich der Kreislaufwirtschaft wird diese Logik zunehmend sichtbar. Während erhebliche Ressourcen in die Entwicklung neuer Technologien, Methoden und Dateninfrastrukturen fließen, sind langfristige Transferleistungen häufig nicht oder nur unzureichend finanziert. Die kontinuierliche Begleitung von Unternehmen, der Aufbau regionaler Stoffstromnetzwerke oder die dauerhafte Unterstützung kommunaler Transformationsprozesse lassen sich nur schwer in klassische Forschungslogiken übersetzen.

Hinzu kommt ein weiteres Spannungsfeld. Hochschulen und Forschungseinrichtungen werden zunehmend dazu angehalten, geistiges Eigentum zu sichern, Patente anzumelden und Verwertungspotenziale zu erschließen. Diese Entwicklung ist grundsätzlich nachvollziehbar und innovationspolitisch sinnvoll. Gleichzeitig entsteht jedoch die Frage, wie sich die notwendige wirtschaftliche Verwertung von Wissen mit dem gesellschaftlichen Anspruch einer möglichst breiten Transformation hin zu einer Kreislaufwirtschaft vereinbaren lässt.

Die Herausforderung besteht daher nicht allein darin, neues Wissen zu erzeugen. Sie besteht zunehmend darin, institutionelle Rahmenbedingungen zu schaffen, die Wissensproduktion und Wissenstransfer gleichwertig behandeln.

Diese Herausforderung betrifft auch viele der derzeit entstehenden Kompetenz- und Innovationszentren. Ihre langfristige Wirkung wird maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, über die wissenschaftliche Community hinaus dauerhafte Transferstrukturen aufzubauen und Unternehmen, Verwaltungen sowie zivilgesellschaftliche Akteure systematisch in die Nutzung der entwickelten Kompetenzen einzubinden.

Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr nur, wie neues Wissen entsteht. Entscheidend wird sein, wie dieses Wissen dauerhaft in wirtschaftliche Praxis, kommunales Handeln und gesellschaftliche Transformation übersetzt werden kann.

Von der Forschungsinfrastruktur zur Transformationsinfrastruktur

Die nächste Entwicklungsstufe der Kreislaufwirtschaft wird deshalb vermutlich weniger von neuen Technologien als von neuen Institutionen geprägt sein.

Neben Forschungszentren benötigen Regionen zunehmend Strukturen, die Wissenstransfer, Akteurskoordination und Umsetzung organisieren:

  • Kreislaufwirtschaftsagenturen,
  • regionale Circular Economy Hubs,
  • Transferzentren,
  • Material- und Innovationsplattformen,
  • Circular Economy Akademien,
  • Innovationslotsen für Unternehmen und Verwaltungen.

Ihre Aufgabe wäre nicht primär die Generierung neuen Wissens, sondern auch dessen Übersetzung in wirtschaftliche und gesellschaftliche Praxis.

Genau hier entsteht derzeit eine institutionelle Lücke.

Während die Forschungslandschaft zunehmend leistungsfähiger wird, fehlen vielerorts jene intermediären Organisationen, die Forschung, Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft dauerhaft miteinander verbinden.

Die nächste Innovationsaufgabe heißt Transfer

Die Kreislaufwirtschaft steht heute an einem Wendepunkt. Die vergangenen Jahre waren geprägt von der Entwicklung neuer Konzepte, Technologien und Methoden. Die kommenden Jahre werden darüber entscheiden, ob diese Erkenntnisse den Weg aus Forschungsprojekten, Laboren und wissenschaftlichen Netzwerken in regionale Wertschöpfungssysteme finden.

Die eigentliche Innovationsaufgabe der nächsten Dekade könnte daher nicht mehr die Entwicklung weiterer Lösungen sein, sondern die Entwicklung von Strukturen, die bereits vorhandene Lösungen in die Anwendung bringen.

Die Transformation zur Kreislaufwirtschaft wird letztlich nicht daran scheitern, dass wir zu wenig wissen. Sie könnte möglicherweise daran scheitern, wenn wir keine Institutionen schaffen, die dieses Wissen dauerhaft in gesellschaftliche Wirkung übersetzen.

Die nächste große Innovation der Kreislaufwirtschaft könnte deshalb nicht technologischer, sondern institutioneller Natur sein.

CE Hub, Kreislaufwirtschaft und Forschung