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Eine abstrakte Idee wird kommunal weitergedacht: Oder was haben Hanf und Flachs mit Kreislaufwirtschaft zu tun?

Autoren: Raphaela Kell / Stefan Mingers

Angesichts zunehmender Rohstoffengpässe und fragiler Lieferketten, die teils abzureißen drohen, steigen die Rohstoffpreise immer weiter und wichtige industrielle Vorprodukte stehen nicht mehr in ausreichendem Maße und rechtzeitig zur Verfügung.  Immer stärker drängt sich die Frage auf, wie unsere Wirtschaftsregion mehr wirtschaftliche Resilienz und Unabhängigkeit von den internationalen Rohstoffmärkten sowie mehr wirtschaftliche Stabilität durch regionale Wertschöpfungsketten erlangen kann. Darüber hinaus drängen die sich anbahnenden und bereits spürbaren Folgen des Klimawandels und sich weiter zuspitzende Umweltprobleme auf eine Neuausrichtung unseres Wirtschafts- und Konsumsystems.

Das Konzept der Circular Economy (Kreislaufwirtschaft), für welches sich immer mehr Städte zu interessieren beginnen, erscheint aktuell als ein hoffnungsvoller Ausweg aus dieser multiplen Krisensituation.  Doch die kommunale Umsetzung der Circular Economy-Idee stellt Politik, Wirtschaft und Verwaltung vor enorme Herausforderungen.

Wie beginnt man solch einen hochkomplexen Transformationsprozess?

Setzt man in den Regionen lediglich politische Anreize und wartet ab, bis sich günstige unternehmerische Konstellationen ergeben? So beispielsweise die zufällige Ansiedlung eines Recyclingunternehmens oder einiger Start-Ups, die nachhaltige Primär- und/oder Sekundärrohstoffe herstellen oder weiterverarbeiten können und damit mehr oder weniger zufällig die Recyclingquoten einer Kommune erhöhen? Oder kann der Transformationsprozess geplant werden?

Wir wissen, dass einige Städte wie Amsterdam, Antwerpen, Malmö, Glasgow, Göteborg, Ljubljana, Helsinke oder Rotterdam bereits vorzeigbare und vielleicht auch kopierbare Erfahrungen für diverse Kreislaufprojekte vorweisen können. Auch das von dem deutschen Chemiker Michael Braungart und dem US-amerikanischen Architekten William McDonough bereits in den 1990er Jahren entwickelte und weltweit in vielen Städten und Regionen mit großem Erfolg in die Praxis umgesetzte Cradle to Cradle (C2C) Konzept kann hilfreich sein, Inspirationen und Ideen für einzelne branchen- und unternehmensspezifische Circular Economy-Projekte abzuschauen. Um den dringend benötigten Transformationsprozess jedoch signifikant beschleunigen zu können und nicht auf zufällig sich günstig gestaltende Unternehmenskonstellationen zu warten, bedarf es einer Circular Economy Strategie!

Eine Stadt oder eine Region wird nicht dann zur Circular Economy Stadt/Region, wenn sich zufällig einige Unternehmen ansiedeln, die einen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft leisten können. In einer Circular Economy Region sollten möglichst alle Branchen und Unternehmen sukzessive und konsequent so arbeiten und produzieren (lernen), dass die von ihnen hergestellten und in der Produktion verwendeten Materialien möglichst aus der Region kommen und in dieser verbleiben. Daher sollten alle verwendeten Materialien entweder zu 100% recyclebar oder kompostierbar sein. Idealerweise sollten möglichst viele der für die regionale Produktion und den regionalen Handel benötigten Primär- und Sekundärrohstoffe und industriellen Vorprodukte aus der Region kommen.

Als Wirtschaftsregion müssen wir einen Überblick darüber erhalten, was in der Region hergestellt, verkauft und in welchen Größen entsorgt wird, wie diese Produkte in einem Circular Economy-Management eingebunden werden können, was für den regionalen Bedarf in der Region hergestellt werden könnte, welche Wertstoffe wir in der Region behalten und recyeln müssen und welche Infrastrukturbausteine für eine optimale, regionale Kreislaufwirtschaft benötigt werden.

Aus der Perspektive der Unternehmen bedeutet der Einstieg in diesen Transformationsprozess, dass möglichst alle in der Produktion verwendeten Materialien/ Rohstoffe daraufhin überprüft werden müssen, ob und inwieweit sie den Kriterien einer Kreislaufwirtschaft entsprechen. Wenn sie diese Kriterien nicht erfüllen, sollten Unternehmen die benötigten Materialien durch kreislauftaugliche austauschen. Wir benötigen in der Region ein Wirtschafts- oder Unternehmensagreement, in dem sich die regional ansässigen Unternehmen verpflichten, ihr maximal Mögliches dafür zu tun, gemäß den Kriterien der Circular Economy zu produzieren. Dies gilt für neu sich ansiedelnde Unternehmen ebenso wie für bereits ansässige.

Politik, Wirtschaft und Verwaltung benötigen eine Art Roadmap, d.h. ein vielschichtig geplantes Transformationskonzept, in dem aufbauend auf einer branchen- und regionalspezifischen Rohstoff- bzw. Materialbedarfsanalyse, geplant und festgelegt wird, welche Unternehmen für den regionalen Bedarf zusätzlich benötigt werden und wie gegenwärtige und künftige ansässige Unternehmen auf der kommunalen Ebene optimiert miteinander kooperieren müssen, um die regionalen Recycling- und/oder Konsistenzpotenziale maximal zu erhöhen. Hierzu bedarf es vor allem einer großen unternehmerischen Transparenz im Hinblick auf die verwendeten und hergestellten Materialmixe, wie dies im Cradle-to-cradle Konzept gefordert und umgesetzt wird. Die Wirtschaftsregionen müssen dafür Sorge tragen, dass Synergien und Kooperationen geschaffen werden, in denen Unternehmen Anreize erhalten ihre Produktion gemäß des Circular Designs umzustellen. Gleichzeitig muss hier die Akteur*innenvernetzung (z.B. Circular Hub) mit dem Ziel forciert werden, die Hürden des Innovationsprozesses zu verringern. Hierzu bedarf es einer weitsichtigen Planung branchenspezifischer und branchenübergreifender, regionaler Wertschöpfungsketten, in der die Voraussetzungen für die regionale Produktion von Primär- und Sekundärrohstoffen sowie industrielle Vorprodukte für diese Wertschöpfungsketten geschaffen werden. Das heißt, dass entsprechende produzierende Unternehmen für die Rohstofferzeugung, –weiterverarbeitung, –vermarktung gezielt gesucht, angesiedelt und unterstützt werden sollten. Und letztlich müssen Unternehmen gefunden werden, die die Produkte nach deren Gebrauch im Sinne des zirkulären Gedankens weiternutzen, recyclen oder entsorgen.

Um potenzielle regionale und zirkuläre Wertschöpfungsketten optimal auf einander auszurichten und miteinander abzustimmen, brauchen die Regionen sowohl einen Überblick darüber, was und wie jetzt bereits produziert und konsumiert wird als auch ein Zukunftskonzept darüber, was in der Region an Primärrohstoffen produziert und weiterverarbeitet bzw. auch konsumiert werden könnte.

Das klingt zunächst nach einer abstrakten, diffusen Idee von einem künftigen revolutionären Wirtschaftskonzept, mit dem nur die Wenigsten ein konkretes Transformations-Vorhaben verbinden können. Übersetzen wir diese abstrakte Idee von Kreislaufwirtschaft in ein beispielhaftes, für die Region Aachen konkret denkbares Kreislaufkonzept, indem wir zunächst nur eine Branche aus dem obigen Branchen-Cluster herausgreifen und auf ihre Kreislaufwirtschaftspotenziale hin abtasten.

Legen wir zum Besipiel unseren Fokus auf die Textilbranche und auf die ökonomisch mit ihr verbundenen Branchen, deren gemeinsames Wirken beispielswiese in einem Textil Hub koordiniert werden könnte. Im Rahmen dieses textilspezifischen Branchenspektrums ließe sich eine regionale und zirkuläre Wertschöpfungskette entwickeln und etablieren, die zu mehr Unabhängigkeit von internationaler, meist umwelt- und klimaschädlicher Baumwoll- und Textilienproduktion verhelfen, neue Unternehmen ansiedeln und damit neue Arbeitsplätze in der Region generieren helfen könnte.

Im Hinblick auf die Erzeugung eines regionalspezifischen Primärrohstoffes für eine neue regionale Textilindustrie müsste das Rad nicht einmal neu erfunden werden. Über den Südkreis Aachen, genauer das Monschauer Land, ist bekannt, dass hier traditionell Flachs (Leinen) in den letzten 2 Jahrhunderten angebaut wurde. Für die Monschauer Tuchindustrie, die im 18. Jahrhundert vorrangig Wolltuch produzierte, war die Leinentuchproduktion zum damaligen Zeitpunkt wirtschaftlich noch uninteressant. Zum einen, weil keine Produktionsmethoden bekannt waren, mit denen die Herstellung von feinerem, anspruchsvollem Leinengewebe möglich war. Zum anderen weil Leinen aufgrund der damals noch groben Faserstrukturen lediglich von der ärmeren Bevölkerung getragen wurde, die zudem ihre Kleidung selber herstellte.

Heutzutage ist Leinen ein begehrtes Textilmaterial, da wir in der Zwischenzeit aufgrund verbesserter Produktionsmethoden aus Flachsfasern deutlich feinere Leinenstoffe weben können. Warum also aktuell nicht darüber nachdenken, den Flachsanbau samt dazugehöriger Textilfabrikation und –vermarktung als Baustein einer regionalen Kreislaufwirtschaft wiederaufzubauen? Zumal die Textilbranche im Rahmen ihrer globalen Lieferketten erhebliche Klima- und Umweltbelastungen verursacht und nicht unbedingt für faire Produktionsbedingungen steht. Neben Flachs bzw. Leinen wäre auch ein regionaler Anbau von Nutz- bzw. Industriehanf in unserer Wirtschaftsregion denkbar, der nicht nur für die Textilindustrie interessant wäre, da die Hanffaser der Leinenfaser sehr ähnelt, sondern Industriehanf findet zunehmend auch Anwendung im Bausektor, der ebenfalls nach Möglichkeiten sucht, ökologisch nachhaltige und zirkuläre Materialien einzusetzen.

Regionale Wertschöpfung, die in eine Kreislaufwirtschaft integriert wird, könnte also im Hinblick auf den Textilsektor im Monschauer Land, Heinsberger Raum oder auch der Jülicher Börde beginnen, indem dortige landwirtschaftliche Flächen teilweise für den Anbau von Flachs oder Nutzhanf genutzt werden. Möglicherweise mit Hilfe der Hochschulinstitute im Bereich Textilforschung wären hanf- oder flachsverarbeitende Unternehmen/Start-ups aufzubauen, die aus diesen Rohstoffen ökologisch nachhaltige Textilfasern für örtliche Webereien herstellen, die die textilen Grundstoffe wiederum für Färbereien vorfertigen und dann an regionale Kleidungshersteller veräußern, die im Idealfall ihre Kollektionen an den regionalen Textilhandel verkaufen. Potentielle Abnehmer dieser Textilprodukte, wären neben dem Kleidungshandel beispielsweise auch Gaststätten, Kliniken, Praxen und Pflegeheime, deren Wäsche- und Arbeitskleidungbedarf die Absatzperspektiven für eine regionale Textilindustrie sichern helfen. Bei allen Produktions- bzw. Wertschöpfungsprozessen ist im Sinne einer Circular Economy zwingend erforderlich, dass alle verwendeten Materialien, inklusive Textilfarbe und eventuelle Gerbstoffe, ausschließlich ökologisch abbaubare und umweltfreundliche Stoffe eingesetzt werden, die weder das Problem von Mikroplastik verschärfen, noch eine spätere Kompostierung (nach möglichst langjähriger Nutzung der Textilien) durch verwendete Produktionstoxine erschweren oder sogar unmöglich machen. Neben der Kompostierung wäre auch die energetische Nutzung von Altkleidern im Hinblick auf eine diesbezügliche Effizienz und Ökobilanz zu überprüfen. Wirtschaftlich interessante Nebenprodukte des Leinen- und Hanfanbaus wären zudem die aus den Samen gewonnenen Öle, die in der Lebensmittelherstellung genutzt werden könnten.

Im Rahmen einer regionalen Textil-Wertschöpfungskette könnten folgende Branchen bzw. Unternehmen in eine Kreislaufwirtschaft einbezogen werden bzw. diese gemeinsam aufbauen.

–             Landwirtschaftliche Betriebe

–             Textilproduzenten (Primärrohstoffherstellung)

–             Färbereien

–             Webereien

–             Textildesigner

–             Kleidungsproduzenten / Wäschehersteller

–             Kleidungshandel, Second Hand, Kleidertauschbörsen etc.

–             Textilrecycling-Unternehmen

–             Energieversorgungsunternehmen

–             Ölproduzenten


https://www.flaticon.com/de/suche?word=fakten&order_by=4

Fakten zur Textilbranche:

–  10% der weltweiten Treibhausgas-Emissionen entstehen bei der Herstellung von Kleidung und Schuhen. Das ist mehr als internationale Flüge und Seeschifffahrt zusammen verursachen.

–  Die heutige Textilindustrie ist für 35% aller in die Umwelt freigesetzten Mikrokunsstoffe verantwortlich (vgl. https://www.europarl.europa.eu/news/de/headlines/society/20201208STO93327/umweltauswirkungen-von-textilproduktion-und-abfallen-infografik )

– Weniger als 1% aller Textilien wird recyclet (https://www.europarl.europa.eu/news/de/headlines/society/20210128STO96607/wie-will-die-eu-bis-2050-eine-kreislaufwirtschaft-erreichen )

– Im Jahr 2021 wurden Textilien und Bekleidung im Wert von rund 49,8 Milliarden Euro in Deutschland importiert. (vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/253796/umfrage/import-von-textilien-aus-deutschland/ )

– Jede:r Bundesbürger:in besitzt etwa 95 Kleidungsstücke, von denen jedes fünfte so gut, wie nie getragen wird. In Deutschland befinden sich somit etwa 5 Milliarden Kleidungsstücke in den Kleiderschränken., von denen 2 Milliarden laut einer Greenpeace-Studie praktisch nicht oder selten getragen werden (vgl https://www.greenpeace.de/sites/default/files/publications/20151123_greenpeace_modekonsum_flyer.pdf )

– Der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen zufolge erwirbt jeder Bundesbürger pro Jahr etwa 60 neue Kleidungsstücke und gibt etwa 16 Kleidungsstücke in die Straßensammlung oder in den Altkleidercontainer – das entspricht einem Kleiderberg von rund 1,1 Millionen Tonnen Textilien pro Jahr

– Die deutsche Textil- und Modeindustrie ist eine wichtige Wirtschaftsbranche mit ca. 28 Milliarden Euro Umsatz im Jahr und mit etwa 1.400 Unternehmen mit ca. 124.000 Beschäftigten in Deutschland. (https://textil-mode.de/de/verband/branchen/ )

Circular Economy, sektorale Kreislaufwirtschaft, Zirkuläre Kreislaufwirtschaft kommunal, zirkulärer Textilsektor