E-Scooter: Fortbewegungsmittel der Zukunft oder grüngewaschene Stolperfalle?

vorgelegt als Essay am Institut für Politische Wissenschaft der RWTH-Aachen University.

Seien Sie für einen Moment ehrlich, liegt ihnen Nachhaltigkeit und Umwelt-schutz am Herzen? Ja? Dann seien Sie jetzt besonders ehrlich! Sind sie schon mal mit einem E-Scooter gefahren? Ja? Glauben Sie, dass diese E-Scooter auch nachhaltig und umweltschonend sind? Dann könnten Sie nach diesem Essay von sich selbst enttäuscht sein.

Am 4. Oktober 2019 ist das schwedische Unternehmen Voi auch in Aachen mit ihren E-Scootern an den Start gegangen. Damit will auch die Stadt Aachen eine Alternative zum Auto in der Innenstadt anbieten, wie es beispielsweise Düsseldorf und Köln in den Monaten zuvor getan haben (vgl. Aachener Zeitung 2019: o.S.). Doch ebenso wie viele Studien sind auch die Bewohner*innen und Nutzer*innen in der Kaiserstadt gespaltener Meinung was die E-Scooter angeht.

Nachdem die Bundesregierung am 15. Juli 2019 die Verordnung für Elektro-kleinstfahrzeuge veröffentlichte, waren die Weichen gestellt für eine Straßenzulassung der E-Scooter in Deutschland. Mit diesem Tag dürfen „Elektrokleinstfahrzeuge mit Lenkstange und max. 20km/h bauartbedingte[r] Höchstgeschwindigkeit“ (Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur 2019: o.S.) auf dem Radweg fahren. In diesem Zusammenhang siedelten sich auch die E-Scooter-Leih-Firmen in den deutschen Großstädten an. Mittlerweile gibt es vier große Player in Deutschland. Diese sehen darin eine große Chance für den Klimaschutz und die Nachhaltigkeit des Landes. Sie sprechen von vielen Vorteilen, die sich durch die Nutzung der Roller ergeben. Ob diese Roller aber wirklich so nachhaltig und klimafreundlich sind, soll in diesem Essay hinterfragt werden.

Argument #1: E-Scooter sind ein adäquate Alternative zum Auto
Schon seit Einführung der E-Scooter gibt es Statistiken die zeigen, dass ledig-lich 34% der deutschen Autofahrer den Umstieg zum Tretroller gewagt haben, hierbei handelt es sich jedoch nur um ein einmaliges Ausprobieren (Stand September). Im ersten Moment scheint diese Zahl enorm, es handelt sich immerhin um ein Drittel der Autofahrer, doch diese Zahl fällt monatlich und die Anzahl der Fußgänger und Fahrradfahrer die auf die Alternative setzen steigt stetig an (vgl. Utopia 2019: o.S.). Auf eine erste Umfrage der Benutzer*innen in Frankreich, welches Verkehrsmittel sie genutzt hätten, stünde kein E-Scooter zur Verfügung, antworteten diese wie folgt: 47% der 4382 Befragten wären sonst zu Fuß gegangen, 29% hätten den ÖPNV genutzt und nur 8% wären mit dem Auto gefahren (vgl. TAZ online 2019, o.S.). Diese Befragung zeigt deutlich die Verteilung wer die E-Scooter als „Alternative“ nutzt.
Denn E-Scooter bieten nicht den unbeschwerten Transport fern ab von Wetter- oder anderen Umwelteinflüssen und stellt für die meisten Autofahrer*innen keine richtige Alternative dar.
Ein Problem ist also die Zielgruppe. Grade die niedrige Alterbeschränkung spricht eben genau die falsche Zielgruppe an. Für eine*n 14-Jährige*n Jugendliche*n bietet ein E-Scooter keine Alternative zum Auto sondern höchstens zum ÖPNV oder zum Fahrrad. Dadurch nutzen eben genau die Personen einen Roller, die bereits nachhaltiger Unterwegs sind als die meisten Autofahrer*innen (vgl. Utopia 2019, o.S.).
Es wird also klar, dass das Angebot nicht von der eigentlichen Zielgruppe an-genommen wird und somit neue Verkehrsteilnehmer*innen die bereits verstopften Innenstädten befahren.

Argument #2: E-Scooter sind eine klima- und umweltfreundliche Alternative zum Auto
Hier ein kleines Rechenbeispiel:
Ein E-Scooter stößt auf 100 km 0,5 kg CO2 aus, ein benzinbetriebenes Auto auf der gleichen Strecke durchschnittlich 11kg CO2. Klingt im ersten Moment sehr gut, was hier aber fehlt sind alle weiteren Stationen die vernachlässigt werden, damit dieser E-Scooter auch fahrtüchtig an Ort und Stelle steht. Dazu zählt die Menge CO2 die bei der Erzeugung der Energie ausgestoßen wird mit dem der E-Scooter „getankt“ wird, so wie der Transport der so genannten „Juicer“, welche die leeren aber auch teilweise halbleeren Roller mit einem benzinbetriebenen Laster oder Transporter abholen und aufgeladen wieder in der Stadt verteilen. Wenn man dies mit einberechnet, kommt auch der E-Scooter auf einen CO2-Ausstoß von 12,5 kg und hat damit das Auto eingeholt (vgl. Utopia 2019, o.S.).
Ein weiterer klimaunfreundlicher Punkt ist der in den E-Scootern verbauten Lithium-Ionen-Akku. Dieser enthält teilweise Rohstoffe von deren Abbau eine große Belastung für die menschliche Gesundheit und die Natur ausgeht. Von den ethischen und menschenungerechten Bedingungen in den Ländern wird an dieser Stelle abgesehen. Außerdem werden die Akkus aus Kostengründen ziemlich unwahrscheinlich mit Ökostrom geladen sondern mit günstigerem Strom aus Braunkohletagebaus oder von anderen wenig umweltfreundlichen Versorgern (vgl. Umweltbundesamt 2019, o.S.)

Argument #3: E-Scooter sind nachhaltig
Der erste Punkt der gegen die Nachhaltigkeit der E-Scooter spricht, ist die Le-bensdauer der E-Scooter. Mit 28 Tagen durchschnittlicher Lebensdauer erfüllen sie nicht die angesetzten 114 Tage nach denen ihre Anschaffung nachhaltig wäre (vgl. McKinsey 2019, S.2). Dies liegt vor allem an der Nutzung der Roller. Unzählige Bilder zeigen wie sie in Gebüschen, Straßengräben oder an Flussufern liegen. Die Fahrer*innen lassen sie da liegen wo sie grade wollen, oder sie werden vandalisch beschädigt oder ganz kaputt gemacht.
Dazu kommen die bereits erwähnten Lithium-Ionen-Akkus, welche alles andere als nachhaltig hergestellt werden. Die Gewinnung der Rohstoffe ist endlich und beim jetzigen explosionsartigen Ausbau der E-Mobilität, ist es fast unmöglich eine nachhaltige Herstellung der Akkus zu gewährleisten (vgl. Umweltbundesamt 2019, o.S.).
Im Zusammenhang mit der kurzen Lebensdauer und den Lithium-Ionen-Akkus gibt es ein weiteres Problem. Die Entsorgung der Akkus. Diese gestaltet sich nämlich als äußerste gefährlich. Grade defekte Akkus, können Brände auslösen und sind nur durch schwierige Verfahren recyclebar (vgl. Umweltbundesamt 2019, o.S.).

Anhand der Argumentation lässt sich interpretieren, dass die E-Scooter weder nachhaltig, noch klima- oder umweltfreundlich sind und somit kein Fortbewe-gungsmittel der Zukunft sind. Alles von ihnen beworbene, lässt sich anhand bereits empirisch untersuchter Statistiken widerlegen, oder spiegelt sich im Alltag wieder. Nicht nur in Deutschland gehen Städte und Gemeinden gegen die Elektroroller vor, in Mailand wurden sie vor wenigen Wochen ganz verboten und aus der ganzen Stadt entfernt (vgl. Utopia 2019, o.S.). Doch wohin mit dem ganzen Elektroschrott wenn die E-Scooter aus den Städten verschwinden? Vor dieser Frage stehen die grüngewaschenen Firmen und Anbieter und sind plötzlich nicht mehr so nachhaltig wie versprochen.

Literaturverzeichnis

Aachener Zeitung, Jetzt kann man E-Tretroller in Aachen ausleihen, 2019, online im Internet unter: https://www.aachener-zeitung.de/lokales/aachen/unternehmen-voi-startet-in-aachen-den-verleih-von-e-scootern_aid-46237765, [zugegriffen am 20.11.2019].

Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Elektrokleinstfahrzeuge – Fragen und Antworten, 2019, online im Internet unter: https://www.bmvi.de/SharedDocs/DE/Artikel/StV/Strassenverkehr/elektrokleinstfahrzeuge-verordnung-faq.html, [zugegriffen am 20.11.2019].

McKinsey, Micromobility’s 15,000-Mile Checkup, 2019, online im Internet unter: https://www.mckinsey.de/~/media/McKinsey/Locations/Europe%20and%20Middle%20East/Deutschland/News/Presse/2019/2019-01-30%20Micromobility/McKinsey_Micromobility_January%202019n.ashx, [zugegriffen am 16.11.2019].

TAZ online, E-Scooter in Städten, Ökologisch desaströs, 2019, online im Internet unter: https://taz.de/E-Scooter-in-Staedten/!5610555/, [zugegriffen am 13.12.2019].

Umweltbundesamt, E-Scooter momentan kein Beitrag zur Verkehrswende, 2019, online im Internet unter: https://www.umweltbundesamt.de/e-scooter-momentan-kein-beitrag-zur-verkehrswende#textpart-1, [zugegriffen am 13.12.2019].

Utopia, Bilanz nach 11 Wochen E-Scooter: der grüne Lack ist ab, 2019, online im In-ternet unter: https://utopia.de/e-scooter-deutschland-nachhaltig-154938/, [zugegriffen am 13.12.2019].

Utopia, E-Scooter: Straßenzulassung und was du sonst beachten musst, online im Internet unter: https://utopia.de/ratgeber/e-scooter-strassenzulassung-und-was-du-sonst-beachten-musst/, [zugegriffen am 13.12.2019].

E-Scooter, Greenwashing, Mobilität, Verkehrswende