Knappheitsparadoxie

In der Klassischen Wirtschaftslehre besteht Konsens über den Knappheitsbegriff. Er wird als ein Axiom behandelt, also eine gültige Wahrheit, die keines Beweises bedarf. Lehrbücher und Unterrichtsmaterialien vermitteln diese ‚Wahrheit` gleich zu Beginn in den einleitenden Ausführungen. Einige Beispiele dafür:

„Wenn die Knappheit der Produktionsmittel, die für die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse eingesetzt werden können, als das zentrale ökonomische Problem bezeichnet wird, so ist damit nichts weiter gemeint als die simple Tatsache, dass wir nicht im Schlaraffenland leben…“[1] 

Eines der Standardlehrbücher formuliert: „Knappheit ist zentrales Charakteristikum aller Wirtschaftsgesellschaften,Knappheit ist das Grundgesetz der Ökonomie…“[2]

Die Autoren begründen das Knappheitsgebot damit, dass die Summe der menschlichen Bedürfnisse die Produktionsmöglichkeiten übersteige. Der Bankenverband [3] beginnt seine erläuternden Ausführungen des Schulmaterials vom Dezember 2017 mit der Aussage:

„Unabhängig vom jeweiligigen Wirtschaftssystem besteht in jeder Gesellschaft eine Diskrepanz zwischen den Bedürfnissen der Menschen einerseits und den zu ihrer Befriedigung geeigneten Gütern andererseits…Letztendlich kann die Ökonomie als die Lehre vom Mangel und der Knappheit bezeichnet werden.“

Diese kurzen Zitate konfrontieren den ökonomisch interessierten Leser mit den drei Schlüsselbegriffen Knappheit – Mangel – menschliche Bedürfnisse. Knappheit versteht sich als Postulat endlicher Ressourcen,  dem stehen unendliche menschliche Bedürfnisse entgegen, die nicht befriedigt werden können. Mangel wird synonym zu Knappheit verwendet, obwohl Mangel im Überfluss möglich ist, wie die Mitarbeiter von Tafeln berichten können! [4] Verweise auf eine grundlegende Verteilungsproblematik und auf eine Überflußproduktion konterkariert die Klassische Ökonomie mit der Universalisierung der Knappheitsdrohung. [5] Die Knappheitsvorstellung selbst ist ein historisches Produkt des 17./18. Jahrhunderts, denn:

„War die Abstimmung des Bedarfs mit den zugänglichen Produkten in der feudal-absolutistischen Gesellschaft weitgehend direkt von den Erträgen und den Maßgaben einer ‚standesgemäßen Lebenshaltung‘ bestimmt, führt die Verallgemeinerung des durch das abstrakte Medium Geld vermittelten marktförmigen Tauschs dazu, dass alle Güter und Leistungen auf dem Markt prinzipiell für jeden verfügbar sind.“[6]

Die Klassiker John Locke ( 1632-1704), A.Smith (1723-1790) und vor allem Ricardo (1772-1823) führen  das Knappheitsgebot in die Wirtschaftstheorie ein, indem sie den Menschen anthropologisch verankerte natürliche Eigenschaften zuordnen. Solche Eigenschaften sind der Tausch sowie die Erwartung der Erfüllung von Bedürfnissen.

Wie wird nach Lehrbuchmeinung das Knappheitsproblem angegangen? Wie erfährt der Produzent von den Konsumwünschen des Konsumenten? Welche besonderen ausgefeilten Wünsche sollen befriedet werden? An welchem Ort, zu welchen Kosten, zu welcher Menge? Warum soll der Produzent den Wünschen des Kunden nachgehen? Alle diese Fragen beantwortet der Markt!  Hier erfährt der Produzent von den Kundenwünschen, und hier erfüllt er sie auch, weil – und A.Smith betont dies explizit! – der Produzent den egoistischen Wünschen des Konsumenten nur aus einem Grund  nachkommt: aus dem egoistischen Motiv des Geldverdienens! Glauben Sie nicht an den netten Spruch des Metzgers, er hätte Ihnen zuliebe das zarteste Stück Rindfleisch ausgesucht, er möchte Sie nur aus kommerziellen Gründen als Kunden behalten!

„Eine Marktwirtschaft ist ein überaus komplexer Mechanismus zur Koordinierung von Menschen, Handlungen und Geschäftsbeziehungen durch ein System der Preise und Märkte. Zugleich stellt der Marktmechanismus ein Kommunikationsmedium zur Sammlung des Wissens und der Aktivitäten von Milliarden unterschiedlicher Einzelpersonen dar. Ohne jede zentrale „Intelligenz“ und ohne Vorausberechnung löst der die Probleme der Produktion und Verteilung mit ihren Milliarden unbekannter Variablen und Beziehungen, die jeden schnellsten Supercomputer unserer Tage bei weitem überfordern würde.“[7]

Der Markt dient jedoch nicht nur als Steuerungsfunktion zwischen Kunde und Produzent, er erfüllt ebenso eine Allokations – und Anpassungsfunktion. Beide sorgen für ein Optimum an gesamtwirtschaftlicher Effizienz und erfüllen damit eine Optimierung der Kosten-Nutzen-Relation. Der Wettbewerb zwischen Produzenten führt über den Anreiz der Gewinnmaximierung zu technischen Verbesserungen und zu einer permanenten Innovation einer Volkswirtschaft. Gewinnorientierung beim Konsumenten ( ich möchte das billigste und beste Fleisch / Maximal- und Minimalprinzip) und Produzenten führen zu einem Marktgleichgewicht. Kostenvorteile durch Skaleneffekte führen zu einer Erhöhung des Angebots, zu einer Preisreduzierung und somit zu einer Vergrößerung der Bedürfniserfüllung, also zu Wachstum von Produktion und Konsum – bei bestehender universaler Knappheitsdrohung!?                                                                                                                                      

Die Darstellung zeigt verkürzt, aber essentiell die Knappheitsparadoxie auf. Mit zunehmender Bedürfnisbefriedigung durch technische Innovationen, Gewinnanreize im Wettbewerb, die Anreize für technische Entwicklungen bewirken, durch damit verbundene Effizienzsteigerungen usw. bewegen wir uns in eine Spirale zunehmender Bedürfnisbefriedigung bei gleichzeitiger Knappheit! Wir bekämpfen demnach den Mangel durch Mästung, um festzustellen, dass der Mangel nie behoben sein kann, weil er unendlich ist.

Befassen wir uns wieder mit den stillschweigend vorausgesetzten Prämissen der Knappheitsgebot. Wir erinnern uns: Bedürfnisse – Mangel –Knappheit. Was spricht für die These unendlicher Bedürfnisse? Einmal der Anstieg der Weltbevölkerung[8]:      

Als der Autor dieser Zeilen im Jahre 1952 geboren wurde, teilten 2,5 Mrd. Menschen sein Leben auf der Erde. Zur Zeit leben ca 7,7 Mrd. Menschen, Tendenz steigend. Wie aus der Graphik ersichtlich wird, leben ca. 60 Prozent in Asien, das seit dem Paradigmawechsel durch Deng in China sowie dem Wirtschaftswachstum der sog. Tigerstaaten ein enormes Bedürfnispotential befriedigen muss. Wer wie ich Asien bereist hat, wird bestätigen, dass westliche Konsumgewohnheiten  unhinterfragt zum Vorbild gereichen. Noch wichtiger bei der Betrachtung dieser Sachlage erscheint die Altersstruktur der emerging markets.Das Medianalter bezeichnet  jenes Lebensalter, das die Stichprobe so teilt, dass höchstens 50 % ihrer Mitglieder jünger und höchstens 50 % älter sind als dieses Lebensalter. Es wird als Kennzahl benutzt, um die Alterung, zum Beispiel  in verschiedenen Staaten zu beschreiben. Die folgende Tabelle vergleicht das Medianalter verschiedener konsumrepräsentativer Staaten inclusiver der Prognosen für die Jahre 2030 und 2050. Die reichen Staaten zeigen in der Tendenz eine Überalterungstendenz gegenüber den aufstrebenden Staaten, deren Konsumbedarf sich an westlichen Standards orientiert und der noch lange nicht gesättigt scheint.[9]

Land201520302050
Welt              29,633,036,1
Deutschland45,947,650,3
Frankreich41,243,344,3
Niederlande42,144,546,3
China37,043,048,0
Malaysia27,734,140,2
Vietnam30,436,942,0
Philippinen24,127,531,8
Kambodscha24,128,534,3
USA37,639,842,0
Japan46,351,553,2

Mit der zunehmenden Alterung der Bevölkerung verlagern sich Konsumgewohnheiten und Sparquote, abhängig auch von der Einkommenshöhe insgesamt.[10]

Die Bedürfnisstruktur läßt sich also nicht pauschalisierend als unendlich klassifizieren. Wäre es so,  müssten Ersparnisse als Rücklagen für späteren Konsum deklariert werden, eine zunehmende Loslösung des Finanzmarktes von der realen Wirtschaft müsste demnach als Widerspruch gelten. Selbst temporäre Engpässe bei der Konsumerfüllung wie z.B. im Bausektor würden nach der reinen Lehre produktive Kräfte in diesen Bereich anziehen und für einen Ausgleich sorgen. Wäre die Gier nach Bedürfnisbefriedigung tatsächlich unendlich, so müsste dies auch bei den Besitzenden gelten. Eine Ersparnis für Sicherheit wie in China, das kein hinreichendes Sozialsystem kennt, wäre erklärbar, nicht jedoch vermehrte Anlagen in Aktien, Hedge-Fonds, Rohstoffe, Währungen usw. Die Schere zwischen Investitionen und Anlagen in reale Wirtschaftszweige und spekulative Anlagen auf den Finanzmärkten geht auch nach der Lehman-Pleite weiter. Die Entwicklung der Finanztransaktionen verhöhnt den Knappheitsbegriff in elementarer Weise.

Der eigentliche Skandal verbirgt sich noch hinter den Wachstumszahlen der Finanzwirtschaft in der Struktur der Geldanlagen der dt. Bevölkerung!  Ende 2018 betrug das Geldvermögen der deutschen Haushalte 6,2 Billionen Euro, verteilt nach folgenden Anlagen:

Die Verteilung von Vermögen ist in Deutschland sehr ungleich[11]:

Rund 35% der Bevölkerung besitzen demnach kein Vermögen, die über 6 Billionen Euro Ersparnis in Anlageformen wie Bargeld, Fonds, Aktien, Bausparkassen oder Lebensversicherungen betreffen 2/3 der deutschen Bevölkerung, und auch dabei gibt es Ungleichheit! 6 Billionen Ersparnis als Zeichen von Knappheit und Nichterfüllung unbegrenzter Bedürfnisse? Die klassische Wirtschaftslehre dogmatisiert eine Lehrmeinung, deren Gültigkeit in der Mangelzeit des 18.Jahrhhunderts Gültigkeit beanspruchen konnte. Die Aufrechterhaltung des Knappheitsdogmas und  des Dogmas unendlicher Bedürfnisse kaschiert die ungleiche Verteilung sowie die Manipulation von Bedürfnissen!

Was spricht  gegen die Vorstellung unendlicher Bedürfnisse?

Zunächst einmal ein ökonomisches Gesetz selber! Hermann Heinrich Gossen schrieb 1854 sein Hauptwerk mit dem Titel: „Die Entwicklung der Gesetze des menschlichen Verkehrs, und der daraus fließenden Regeln für menschliches Handeln.“ Das erste Gossensches Gesetz lautet:

„Die Größe eines und desselben Genusses nimmt, wenn wir mit der Bereitung des Genusses ununterbrochen fortfahren, fortwährend ab, bis zuletzt Sättigung eintritt. Mit jeder weiteren Mengeneinheit eines Gutes, das konsumiert wird, nimmt der zusätzliche Nutzen pro Mengeneinheit (Grenznutzen) ab.“[12]

Der Begriff der Sättigung passt freilich nicht zur reinen Lehre des Knappheitsaxioms. Das Gossensche Gesetz wird deshalb auf die Gütligkeit sog. Primärgüter eingeschränkt. Der Genuß einer Kirschtorte verliert in der Tat seinen Genuß nach der dreimaligen Wiederholung, aber gilt dies auch für mentale, sinnliche oder soziale Anreize? Bleiben wir zunächst bei dem ersten Sättigungsgebot und beschränken uns dabei auf die zum Leben  notwendigen Produkte. Nach der Logik der Klassischen Volkswirtschaftslehre unter Beachtung des ersten Gossensches Gesetzes müsste eine Sättigung in der Lebensmittelproduktion und im Lebensmittelkonsum eintreten, wenn die Grundbedürfnisse befriedigt worden sind. Mit der gesicherten Grundversorgung durch Bäckereien, Metzgereien und Supermärkte wäre dies gewährleistet. Ein Wachstum dieser Produktionsstätten macht volkswirtschaftlich keinen Sinn, es sei denn, andere (Unter-)Konsumenten ausserhalb würden versorgt. Auch der Konsument würde sich irrational verhalten und die Gebote des homo oeconomicus einer sinnvollen Kosten – Nutzen- Relation verletzen, würde er über den Sättigungsgrad hinaus konsumieren. Die Realität lehrt uns leider etwas anderes!

„Jährlich landen  etwa 11 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll.  Das ist eine unvorstellbar hohe Zahl! Pro Person macht das 81,6 Kilogramm im Jahr oder 225 Gramm pro Tag – das ist so viel wie ein halbes Brot, das wir täglich einfach wegwerfen.

Wenn wir nun daran denken, dass weltweit über 870 Millionen Menschen hungern und wir pro Jahr umgerechnet rund 235 € in die Tonne werfen, wird deutlich: Unsere Wahrnehmung und vor allem auch Wertschätzung von Nahrungsmitteln muss sich drastisch ändern!

Im Jahr 1950 machten Ausgaben für Lebensmittel noch 50 Prozent des Haushaltseinkommens aus – heute sind es nur noch 9,5 Prozent. Essen wird hierzulande also immer erschwinglicher und somit sinken auch die Hemmungen, etwas wegzuwerfen.

Doch nicht nur Zuhause werfen wir Lebensmittel weg. Auch in der Landwirtschaft und im Handel entstehen hohe Verluste: Obst und Gemüse werden bereits auf dem Feld aussortiert, weil sie in Form, Farbe oder Größe abweichen oder zu niedrige Preise erzielen. Empfindliche Lebensmittel – z. B. Erdbeeren – verderben beim Transport oder während der Lagerung und gelangen so nicht mehr in den Verkauf – sondern in die Tonne.“[13] 

Der Beliebtheit des Brotes und dem Wachstumsgedanken in diesem Bereich wird durch folgende Quelle  Rechnung getragen[14]:

Überproduktion und Wegwerfgesellschaft konterkarieren die Vorstellung einer unendlichen Bedürfnisskala. Marktwirtschaften enthalten immanent einen Hang zur Überproduktion, weil im Wettbewerb stehende Produzenten das Verhalten der Konsumenten nicht genau voraussehen können. Auch will keiner ein genau auf die notwendige Kalorienzufuhr verteiltes Einheitsbrot- ich höre schon den Vorwurf der Zentralverwaltungswirtschaft. Die Produktion von Gütern dient jedoch nicht mehr zur alleinigen Sättigung unter Berücksichtigung eines vielfältigen Geschmacksangebots! Hier kommt die zweite begriffliche Verwechslung unserer Apologeten der Klassischen Volkswirtschaftslehre zum Vorschein: die Vermengung der Begriffe Bedürfnis und Begierde! Philipp Blom berichtet in seinem lesenswerten Buch „Gefangen im Panoptikum“ über den Neffen von Sigmund Freud Edward Bernay, ein gefragter Werbefachmann, der seine Manipulationsfähigkeiten auch Industrie und Politik offenbarte. Barney veröffentlichte 1928 sein Buch „Propaganda“, aus dem P.Blom zitiert:

„Die bewusste und intelligente Maipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Masse ist ein wichtiges Element der demokratischen Gesellschaft…Wir werden regiert, unser Geist wird geformt, unsere Ideen werden uns suggeriert – alles von Männern, von denen wir noch nie gehört haben…In fast jeder Handlung unseres täglichen Lebens, ob im Bereich von Politik und Geschäft, in unserem sozialen Verhalten oder unserem ethischen Denken, werden wir von einer relativ kleinen Anzahl von Personen dominiert, welche die mentalen Prozesse und die sozialen Muster der Masse verstehen. Sie sind die Drahtzieher, die unsere öffentliche Meinung kontrollieren.“[15]

Zitieren wir Philipp Blom, der die Quintessenz der Gedankengänge Bernays‘ für unser Konsumentenverhalten bzw. die  Konsumentenverführung zieht:

„Die Priester dieser Religion wissen, dass erfolgreicher Konsum nicht so funktioniert wie Hunger, der regelmäßig befriedigt werden muss, aber auch befriedigt werden kann, sondern wie Sex – psychologischer, subtiler und gleichzeitig mächtiger, überwältigender als jeder Hunger von Menschen, die regelmäßig zu essen bekommen…Was aussieht wie die rationale Entscheidung eines informierten Konsumenten, ist tatsächlich das Resultat lebenslanger, engmaschiger Verführungsstrategien.“[16]

Die Befriedigung von Grundbedürfnissen, sogar darüber hinaus von kulturellen, sozialen oder mentalen  Bedürfnissen, die mit materiellen Gütern verbunden sind wie z.B. Reisen zu Freunden oder Familienangehörigen, unterliegen nicht dem Knappheitsgebot! Unsere Erde gibt diese notwendigen Ressourcen frei, nicht jedoch die Ressourcen, die zur Befriedigung fremdbestimmten, vermeintlich persönlichen Nutzen fördernden Konsums scheinbar erforderlich sind.Die Verknüpfung  von gesellschaftlicher Anerkennung mit materiellem Besitz kommt nirgendwo besser zum Ausdruck als im Werbeslogan nebenan.[17] Unser Verbraucherverhalten, offiziell als intrinsisches  menschliches Bedürfnis deklariert, wird infiltriert durch Konsum fördernde Maipulationen, die suggerieren, dass mit dem Konsum dieses oder jenes Produktes ein ureigenes Bedürfnis befriedigt wird.

FAZ: Der Bettelmann als Fürst an Bord.

Luxuskreuzfahrt zum Schnäppchenpreis: Das ist kein Traum, sondern wird bei Überführungstouren zur bezahlbaren Wirklichkeit…[18]

Der Bettelmann muss immerhin 4860 Euro pro Person hinblättern, erfüllt sich aber einen Traum, auf den er ohne die Werbung wahrscheinlich nie gekommen wäre.

Vielleicht entspricht der Traum von einer Luxuskreuzfahrt nicht intrinsischen Bedürfnissen, sondern ist Ergebnis einer Werbung, die weissagt, dass das Bedürfnis nach Erholung und Bildung, vielleicht auch Geselligkeit durch eine Kreuzfahrt gesteigert wird. Zugleich erhöht sich der Stellenwert im Freundeskreis, der Anstieg auf der Achtungsskala erhöht sich, der Schönheit der Natur zum Trotz [19]:

„Laut dem Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) lagen die Investitionen in Werbung im Jahr 2018 mit rund 26,79 Milliarden Euro leicht unter dem Vorjahreswert. Für 2019 rechnet Zenithmedia damit dass das Volumen der Werbeeinnahmen deutscher Medien bei mehr als 21 Milliarden Euro liegen wird…Die Werbetreibenden mit den höchsten Werbeausgaben sind der Konsumgüterkonzern Procter & Gamble, Süßwarenhersteller Ferrero und der Automibilkonzern Volkswagen, gefolgt von der Telekom und dem Kosmetikkonzern L’Oréal.“ [20] Weltweit betrugen die Werbeausgaben im Jahr 2018 rund 613,3 Milliarden $, bis zum Jahr 2022 wird ein Anstieg um vier Prozent auf  727,4 Milliarden $ erwartet.“

Eigentum an Gütern oder Zugang zu Gütern?

Hinter dem Dogma unbegrenzter Bedürfnisse verbirgt sich der Gedanke, dass Bedürfnisbefriedigung mit dem Besitz von Gütern verbunden sei. Mit der Industrialisierung und dem Lösen feudaler Fesseln emanzipierte sich vor allem das Bürgertum und grenzte sich von Adel und niedrigen Schichten durch Besitz ab. Besitz in Form von Eigentum wurde zum Eingangstor für Wohlstand, Abgrenzung, Markenzeichen des gesellschaftlichen Stellenwerts, Eigentum  wurde Fetisch. Apologeten des Kapitalismus würden sofort einwenden, dass Gesellschaftsexperimente besitzeinschränkender Formen zu Armut, Ungerechtigkeit und Unterdrückung führten. Als wenn es nur diese zwei Pole gäbe! Jede Stadtbücherei teilt ihren Besitz an Büchern, jede Zug- oder Busfahrt bedeutet Verzicht auf die Nutzung eines besitzenden Verkehrsmittels. Jedes e-book vervielfältigt Leserschaft. Der Besitz von Gütern dient der auf Wachstum basierenden Wirtschaftsideologie, in vielen Fällen macht er gar keinen Sinn. In den Haushalten der USA gibt es ca 80 Millionen Bohrmaschinen, die durchschnittliche Nutzungsdauer einer Bohrmaschine im ganzen Leben beträgt 13 Minuten! Eine österreichische Studie beschäftigte sich mit der Nutzungs-, Verweil- und Lebensdauer von Gebrauchsgütern.[21] Dabei entspricht die Nutzungsdauer der Zeitspanne zwischen dem Zeitpunkt der ersten und letzten Nutzung durch dieselbe Person, Familie oder Organisation. Die Verweildauer bezeichnet die Zeitspanne, die ein Gegenstand bei einer Person verbringt. Die Lebensdauer entspricht der Dauer der Verwendbarkeit des Gegenstands. Die folgende Graphik zeigt die Nutzungsdauer von alltäglichen Gütern [22]:

Interessant wird die Differenz zwischen der Erwartungshaltung an die Nutzungsdauer und der realen Nutzungsmöglichkeit [23]:

Die Autoren gelangen zu der Schlußfolgerung:

„Das bedeutet zugleich, dass eine immer kürzer werdende Nutzungsdauer ein Problem darstellt, das von der gesamten Gesellschaft in Angriff genommen werden muss…

Zugleich darf aber nicht außer Acht gelassen werden, dass dieser Prozess auch bewusst beschleunigt wird. Vor allem die gezielte Werbung ist durchaus als bewusste Strategie zur Verkürzung der Nutzungsdauer zu verstehen. Unsere Interpretation der Ergebnisse zeigt außerdem auf, wie die zwei großen Narrative – die „geplante Obsoleszenz“ und die „Wegwerfgesellschaft“ – den Prozess viel mehr beschleunigen, als ihn zu verlangsamen.“

Es besteht eine symbolische Verknüpfung von sozialen Werten und Waren, gekoppelt an Eigentum und Besitz .Wird das Auto auf den Status des Transportmittels reduziert, wäre dies der Niedergang der Autoindustrie und der Aufstieg von car-sharing-Konzepten. Gleiches gilt für viele Produkte und auch Lebensformen. Ungehemmtes Wachstum zur Befriedigung der Bedürfnisse der Menschheit stößt in der Tat an ökologische Grenzen. Eine eingrenzende Nutzung von vorhandenen Gütern durch eine  sharing-economy wäre ein kleiner erster Schritt. Der erreichte Fortschritt ermöglicht eine Versorgung aller Menschen auf hohem Niveau, nicht die Versorgung aller mit allem! Menschliche Bedürfnisse werden auch nicht allein über Güterbesitz befriedigt. Die Bereitstellung von Parks und Ermöglichung von Spaziergängen in der Stadt übertrifft in der Jahressumme  den Erholungswert manchen Mallorca-Urlaubs. Die Rückbesinnung auf Stadtkultur beginnt in kleinen Schritten, wie folgende Nachricht zeigt [24]:

„Seit geraumer Zeit gibt es politische Bestrebungen, die Aussenwerbung in den Städten einzuschränken oder gar zu verbieten. Ihren Ursprung hat die Bewegung in der brasilianischen Grossstadt São Paulo, wo 2007 der damalige bürgerliche Bürgermeister Gilberto das «Gesetz der sauberen Stadt» umsetzte und damit Aussenwerbung vollständig verbot. Darauf verschwanden innert Jahresfrist 15’000 Werbeplakatwände und 300’000 grosse Ladenfront-Beschriftungen. In den USA sind seit Jahrzehnten Bundesstaaten wie Alaska, Hawaii, Maine oder Vermont frei von Aussenraumwerbung. In Europa entschloss sich 2014 Grenoble in Frankreich als erste Stadt zu diesem Schritt. In der französischen Alpenstadt wurden 326 Anzeigetafeln entfernt, weil «unsere Bewohner den öffentlichen Raum selber gestalten möchten», sagte damals der grüne Stadtpräsident.“

Einst eroberten die Autos die Städte, inzwischen findet eine Rückeroberung der Stadtkulturen in Städten wie Kopenhagen und Oslo statt, Tendenz steigend. Das setzt eine win-win-Situation voraus, also schnelle öffentliche Verkehrsmittel und  Fahrradwege, zu Lasten des Autoverkehrs, zugunsten von guter Luft und staufreier Fortbewegung. Dieser Umkehrungsprozeß im Denken ruft natürlich Gegenkräfte auf den Plan, die gleichen Kräfte, die die Misere verursachten. Immerhin kommt somit eine Wertediskussion  zustande, eine Hinterfragung des Nutzens bestimmter materieller Güter für die Lebensqualität von Gesellschaften. Eine letzte Information incl. Graphik verdeutlicht, dass in den sog. entwickelten Ländern die Güterproduktion und Güternutzung alle Knappheitsgrenzen übersprungen hat [25]:

„Ab dem 2. August 2017 lebten wir auf Pump. In diesem Fall nicht finanziell, sondern ökologisch. Denn auf dieses Datum fiel 2017 der Tag, an dem wir so viele Ressourcen verbraucht haben, wie die Welt sie uns in einem Jahr zur Verfügung stellt. Das errechnete die NGO Global Footprint Network. Damit fiel der sogenannte Welterschöpfungstag erneut auf einen sechs Tage früheren Termin als im Vorjahr.“

Wie weiter oben ausgeführt, liegt der Verbraucherdurst von Ländern von emerging markets wie Indien, Malysia u.a. noch in den Anfangsschlucken.

Diese Fakten machen deutlich, dass wirtschaftliches Denken eine Umkehr erfahren muss. Die herkömmliche Wirtschaftstheorie mit den gängigen Statements von Wachstum, Knappheit und unendlicher Bedürfnisstruktur taugt nicht mehr als Zukunftswissenschaft! Die folgenden Thesen fassen einige Aussagen zusammen und dienen als Anregung des Nachdenkens über alternatives wirtschaftliches Denkenund Handeln.

Thesen zur Knappheitsparadoxie

  • Knappheit wird mit Mangel gleichgestellt und ignoriert damit die Verteilungsproblematik
  • Eine  unendliche Bedürfnisskala basiert auf der Wachstumsideologie
  • Die Vorstellung einer knappen Güterversorgung basiert auf der Eigentumsideologie. Nicht der Besitz von Gütern, sondern der Zugang zu Gütern vermindert Knappheit
  • Bekämpfung der Knappheit dient als ideologische Rechtfertigung für wettbewerbsorientierte Schaffung von Synergieeffekten zwecks besserer Kosten-Nutzen – Relationen. Der Widerspruch von einer auf Basis von Gewinn und Eigentum produzierenden Wirtschaft, als Anreiz für technologische Verbesserungen proklamiert , und der Knappheit von Gütern wird verkannt. Wachstum kennt in dem System keine Grenzen, Knappheit wohl.
  • Wären die Bedürfnisse unendlich, gäbe es keine Sättigung, Konsumanreize durch Werbung wären überflüssig, Konjunkturprogramme zur Ankurbelung des Konsums stünden im Widerspruch und eine Kapitalanhäufung, die keinen Niederschlag in der realen Wirtschaft erfährt wäre ebenso ineffektiv wie die Überschuldung von Staaten, Haushalten und Unternehmen
  • Die Knappheitsideologie beachtet nicht die wahren Knappheitsmomente der Begrenzung durch natürliche Ressourcen
  • Die Knappheitsideologie ist Preis regulierend, nicht Werte orientiert.
  • Die Knappheitsideologie erweist sich als eine temporär geltende Wirtschaftsauffassung, die ihre Verdienste in dem sprunghaften Anstieg der Produktivität der Güterproduktion, der technologischen Reife sowie der globalisierten Vernetzung der Weltgesellschaft proklamieren kann. Sie erfährt durch den verschäften, Krisen zuspitzenden Wettbewerb um den Zugang von Ressourcen, die klimatischen Auswirkungen ungehemmten Wachstums sowie die Folgen weltweiter ungerechter Verteilung selber ihre Grenzen
  • Lösungsansätze der wahren Knappheitsproblematik bieten der Ausbau der sharing economy, also Zugang zu Produkten statt Besitz, Verteilungsgerechtigkeit und Sicherheit durch ein ausreichendes Grundeinkommen, Deklarierung  und steuerliche  Berücksichtigung externer Kosten bei Produkten, Umlenkung von Produktionstätigkeiten  in humangesellschaftliche  oder kulturelle Dienstleistungen, Ausbau genossenschaftlich organisierter Produktionsstätten, Förderung dezentraler Energiegewinnung, Förderung des Nachhaltigsbewußtseins durch Beteiligung, Haftung  und Erziehung, Ausbau einer zivilisatorischen, unideologischen und toleranten Gesellschaft…

Beitrag als PDF :


[1] Egon Sohmen, Allokationstheorie und Wirtschaftspolitik, J.V.B. Mohr, Tübingen 1976, S.2ff

[2]Ulrich  Baßeler,Jürgen Heinrich, Burkhard Utechtm Grundlagen und Probleme der Volkswirtschaft, 19.Auflage, Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart 2010

[3] https://bankenverband.de/media/uploads/2018/10/12/kapitel_1_wirtschaftsordnung_HW9ZwWl.pdf, S.7

[4]Hierzu ein Verweis auf die Startsiete der Aachener Tafel: „Wir konnten die Not in unserer Nachbarschaft nicht mehr sehen!“
…die überquellenden Abfall-Container an manchen Supermärkten auch nicht.

Darum wurde eine Gruppe Aachener Bürger aktiv. Sie wollten das Missverhältnis von menschlicher Not und Lebensmittelvernichtung ausgleichen.

[5] Siehe Scarcity

[6] ebenda S.75

[7] P.A.Samuelsonm W.D.Nordhaus:Volkswirtschaftslehre, 15.dt.Ausgabe, Wien/Frankfurt 1998, S.50f, zitiert nach +oec. Ökonomie-Grundfragen wirtschaftlichen Handelns,Prof. Dr.Dr.h.c. Hans Kaminski (Hg), Braunschweig 2005,S.174

[8] Quelle: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/familie/weltbevoelkerungsbericht-2011-jetzt-sieben-milliarden-menschen-11505983/infografik-entwicklung-der-11506563.html

[9] CIA World Factbook 2014 Schätzung

[10] https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.579692.de/18-10-3.pdf

[11] https://crp-infotec.de/wp-content/uploads/d-vermoegen-verteilung-prozentual.gif

[12] Entnommen aus dem lehrwerk von Lothar Wildmann, Einführung in die Volkswirtschaftslehre, Mikroökonomie und Wetbewerbspolitik, Module der Volkswirtschaftslehre I, 2.Auflage, München 2010, S.70ff

[13] https://blog.helpling.de/welternaehrungstag-lebensmittelverschwendung-verhindern/

[14] https://de.statista.com/infografik/3454/gewicht-der-zum-absatz-bestimmten-produktion-in-kilotonnen/

[15] Philipp Blom, Gefangen im Panoptikum, Wien-Salzburg 2017, S. 44, zitiert nach Edward Bernays, Propagande, New York, 1928, Neudruck 2005, S.37f

[16] Philipp Blom, ebenda S.42

[17] Deckblatt des gleichnamigen Buches von Dirk Schindelbeck und Volger Ilsen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1999

[18] Aus der FAZ Reiseblattbailage vom 27.02.2020

[19] https://www.spiegel.de/reise/aktuell/venedig-italien-diskutiert-erneut-bann-von-kreuzfahrtschiffen-a-1281170.html

[20] Angaben aus statista

[21] Quelle: https://www.arbeiterkammer.at/infopool/wien/Bericht_Produktnutzungsdauer.pdf

[22] Quelle ebenda

[23] ebenda

[24] https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/werbefreie-staedte-der-trend-erreicht-die-schweiz/story/13240025

[25] https://ap-verlag.de/oekologischer-fussabdruck-mehr-verbrauchen-als-vorhanden-ist/43669/