Wie die Corona-Zeit sinnvoll überwinden? Von Detlef Baer

Auch in der aktuellen Situation sind wir noch aktiv und unsere Vereinsmitglieder machen sich viele Gedanken rund um das Thema Corona. Ihren Gedanken möchten wir einen Platz auf unserer Website geben.

Wie die Corona-Zeit sinnvoll überwinden?

von Detlef Baer

Ohne meine sicherlich bald erscheinenden Memoiren vorwegzunehmen möchte ich meinen bisherigen Überwindungsgang zur Corona-Krise darlegen und hoffentlich nicht in voller Gänze zur Nachahmung anregen.

Aber der Reihe nach, beginnend im März 2020, genauer an dem Dienstag den 10.März. Corona hatte sich bereits angekündigt, doch waren – vor allem vorab gebuchte- Flüge ins Ausland noch möglich. Für den folgenden Mittwoch plante ich einen Besuch meines Sohnes in Barcelona, der schon mehr oder weniger in halber Quarantäne saß und den nicht nur deshalb mein Besuch als angenehme Abwechslung erfreuen würde. Der Konjunktiv deutet bereits das Scheitern an, und es passierte am Vortag der Abreise, als ich in einer Apotheke noch letzte Alka – Selzer und andere Medikamente kaufte. Die Apothekerinnen bedienten mich sehr nett, der Preis stimmte und trotz des heftigen Regens erfreute mich das baldige Treffen mit zwei Freunden in einem nahegelegenen Café. Das einzige unerfreuliche war die letzte abgeflachte Stufe der Apotheke, glatt, rutschig und –für mich chancenlos. Ein Fall mit Schrei, den viele Aachener für ein Erdbeben gehalten haben mussten! So wahrscheinlich auch der Rettungswagen des Krankenhauses, der unglaublich schnell zur Stelle war und meine geprellte Schulter mit angehängtem zertrümmerten Oberarm in den OP-Raum brachte. Not-OP, Schmerzen, zwei Tage Krankenhaus und wegen Corona-Bettenfreihaltung schnell nach Hause. Gut, meine Frau ist gelernte Krankenschwester, also Glück im Unglück, und viele Dinge kann man zu Corona-Zeiten eh nicht machen. Nach drei Wochen gingen erste Spaziergänge, langsam zwar, den operierten Arm in der Schlinge haltend, aber immerhin. Weitere längere Spaziergänge folgten, leider mit der Erkenntnis neuer, anderer Schmerzen. Diesmal streikte die rechte Leiste, und sie meldete sich täglich heftiger. Also wieder zum Arzt, Untersuchung und nächster dringender OP-Termin. Die Frage, ob ich jetzt wegen zwei Operationen innerhalb von 7 Wochen einen Rabatt bekäme, wurde nicht beantwortet. Also wieder, diesmal an einem Freitag, Einlieferung, Narkose, OP, Aufwachraum und Entlassung am nächsten Tag. Nicht schön, aber zu einem praktischen Zeitpunkt, denn ich verpasste wohl nicht viel. Zu Hause konnte ich nicht wie die vielen Nachbarn den Garten auf Vordermann/Frau bringen, konnte nicht saugen, keinen Müll raustragen oder kochen, nur essen und trinken ging. Es gab auch Veränderungen, sehr angenehme sogar. Ich telefonierte viel mit Freunden, die ich lange nicht gesprochen hatte, ich las viele Bücher, hörte auf einmal französische Chansons und … aber dazu weiter unten mehr.

Meine Nachbarn und Freunde hatten zwar kein OP-Schicksal wie ich, entschleunigten aber auch auf ihre Weise. Viele arbeiteten im Home – Office, gingen für andere – auch uns- einkaufen, tauschten Zeitungen und Bücher aus und wagten sich an Video-Konferenzen. Anfangs wurden die Maßnahmen alle mitgetragen, aber ab April kippte so langsam die Stimmung in ein Gesundheit  – und Folgen – Abwägen. Ich persönlich verfolgte anfangs die Nachrichten mit Sondersendungen, aber inzwischen interessieren mich nur Artikel über den medizinischen Fortschritt bei der Corona-Bekämpfung. Eine Maske trage ich seit Anfang April, denn ich gehöre zu der Risikogruppe und möchte auch niemanden gefährden. Persönlich sehe ich die Chance für einen großen Paradigma-Wechsel in Politik, Gesellschaft und vor allem Wirtschaft, glaube aber nicht an die Vorstellungskraft und den Willen unserer Politiker dazu. Aber es gibt ja noch das Volk, das in der Demokratie Einflussmöglichkeiten besitzt und sie auch nutzen sollte. Und damit komme ich zum oben angedeuteten … Als ein weiteres neues Hobby – fragt mich nicht aus welcher Eingebung heraus- entdeckte ich das Verfassen von Gedichten. Mir macht das Schreiben unheimlich Spaß, einige „Ehrliche“, denen ich sie geschickt habe, fanden die Werke auch sehr schön, aber das ist zweitrangig. Wichtiger ist die Beschäftigung mit Gedanken und Worten, auch der Blick auf den ertragenden Empfänger, und ganz wichtig: es macht Spaß. Natürlich kann ich poetisch weder meine Wurzeln als ökonomisch Interessierter noch als von Corona Betroffener leugnen, deshalb erhaltet ihr – als Vorwegnahme eines Teils meiner Memoiren, zum Abschluss folgendes Gedicht:

Coronale (Nach-)Ökonomik

Wirtschaftlichen Erfolg erringen Produktivität,

Bildung und Technik als Rohstoff menschlicher Natur,

Kreativität und Wettbewerb erzielen hohe Wachstumszahlen,

knallharte Konkurrenz erfüllt das Mehrwertziel, mehr

Produktion zugunsten bessrer Wirtschaftsdaten,

das formuliert das Dogma unsrer Wirtschaftsliberalen.

Und der Staat hält sich zurück, privatisiert

und lässt die Wirtschaft laufen, der Staat

ist aus Interesse steuerlich dabei,

um allenfalls Ungleichgewicht zu kitten,

ansonsten gehört zur Wirtschaftspolitik

die Förderung des Angebots, positiv ist nur supply!

Und zeigt sich nicht erfolgreich das System?

Konsum und Wohlstand steigen, dort wo es

angewendet, leben die Bürger gut wie nie.

nicht nur im Norden dieser Welt,

selbst „kommunistische“ Chinesen

stampfen auf diesen Pfaden ihrer Wirtschaftsideologie.

Einmal gefragt, wie Wohlstand, Zustimmung,

Harmonie, Konsens und Glück,

politisch erklärbar wird,

antwortete ein erfolgsbesessener Führer

der größten Republik:

„it’s the economy, stupid“!

Und jetzt auf einmal das! Erdöl,

Zinsen und selbst Strom rutschen ins Minus,

niemals erlebt, nicht mal erahnt,

wer trägt die Schuld? Auslöser ein Virus,

bremste die übergroße Produktion, bremste die Nachfrage,

supply unterwirft sich jetzt demand![1]

Vorübergehend, so die Neoliberalen,

alte Rezepte müssen her, diesmal

mit Staat auf großem Schuldenweg,

Rückzahlung erfolgt,

auf wieder altbewährte Weise,

mit verstärkter Austerität!

Banken empfehlen, aber haften nicht für ihre Schuld,

wie jetzt bei 300 Millionen Chinesen,

investiert in schwarzes Gold, empfohlen für’s Liquide,

leider fiel der Spot-Markt in die Tiefe, vier

Milliarden Euro betrug der Kundenverlust,

Banken zählen statt Rendite jetzt die Zahl der Kunden-Suizide.[2]

Wohin geht die Reise nun? Folgt

dem Virus bald der Umweltcrash?

Wie sieht sie aus und wann erfolgt die Sicherung?

Einigt sich der Mensch mit der Natur?

Lenkt variables Wachstum in gesunde Bahnen?

Führt unser Verhalten uns zum richtigen Befund?

Worin bestehen sie, die neuen Werte?

Wie produzieren wir in Zukunft mit Bedacht?

Oder bleibt der Planet, wie er jetzt ist?

Meine Antwort, einmal gefragt, als

Bürger, nicht als Präsident:

„it is the human being, stupid Ökonomist!“


[1] Siehe dazu Artikel der FAZ vom 23.April 2020, S.23, „Die Welt der negativen Preise“

[2] Siehe dazu FAZ vom 24.April 2020, S.25, „Ölpreis ruiniert chinesische Kleinanleger“

Coronavirus, Covid19, sozioökonmische Transformation