Wenn Lebensmittelpreise „ehrlich“ wären…

Dass Lebensmittel, insbesondere tierische, viel zu billig verkauft werden, ist mittlerweile wohl den Allermeisten bewusst. Die Uni Augsburg hat kürzlich berechnet, wie viel zu billig. Unter Einbezug von Treibhausgas-Ausstoß, Stickstoffeinsatz und Energieverbrauch wurden die externen Kosten von Lebensmitteln ermittelt und sowohl in eine Steigerung des Erzeugerpreises als auch des Verbraucherpreises umgerechnet.

Pflanzliche Produkte aus konventionellem Landbau sollten in Anbetracht der externen Kosten einen um 28 % gesteigerten Erzeugerpreis haben; pflanzliche Bio-Produkte nur um 6 %. Der Aufschlag auf Ladenpreise fällt etwas geringer aus, da der Preis von der Erzeuger- zur Verbraucherebene ansteigt, während die externen Kosten bestehen bleiben. Auf den Verbraucherpreis konventionell-pflanzlicher Lebensmittel müssten 6 % aufgeschlagen werden, auf biologisch-pflanzliche Produkte immerhin nur noch 1 %. Aber besonders tierische Lebensmittel lösen hohe externe Kosten aus, vor allem durch den Anbau von Futter, den Energieverbrauch zur Haltung und den tierischen Metabolismus. Hier müsste der Preisaufschlag am höchsten sein. Konventionell erzeugte Milch müsste demnach einen 96 % höheren Er-zeugerpreis bzw. 32 % höheren Verbraucherpreis haben; auf Bio-Milch müsste 35 % beim Erzeuger bzw. 12 % im Laden aufgeschlagen werden. Fleisch und weitere tierische Produkte aus konventioneller Haltung müssten einen etwa um 196 % höheren Erzeugerpreis haben (damit einen etwa 43 % höheren Verbraucherpreis). Fleisch aus biologischer Erzeugung schneidet zwar ein bisschen besser ab (da dort kein Mineraldünger und weniger Industriefutter eingesetzt wird), ist aber im Erzeugerpreis trotzdem 82 % und im Verbraucherpreis 18 % zu günstig.

Würde Fleisch wirklich so viel kosten, wie es unsere Erde aufgrund von Umweltfolgeschäden tatsächlich „kostet“, würde der Speiseplan vieler Menschen garantiert anders aussehen. Vielleicht würde sich so auch der nachhaltige Speiseplan durchsetzen, der in der Lancet-Studie zur gesunden und nachhaltigen Ernährung der Weltbevölkerung (Food in the Anthro-pocene: the EAT-Lancet Commission on healthy diets from sustainable food systems) empfohlen wird – nur durchschnittlich 14 g rotes Fleisch, 29 g Geflügel und 250 g Milchproduk-te, dafür aber 300 g Gemüse (natürlich mit leichten Schwankungen je nach Lebensstil) sollten laut dieser Studie pro Tag verzehrt werden, um sowohl den Planeten als auch uns gesund zu halten. Denn nicht nur die Umwelt – auch wir Menschen leiden unter dem fleisch- und zuckerlastigen Ernährungsstil, der hierzulande häufig gelebt wird. Wie es ein Kommentar zur Studie so treffend auf den Punkt gebracht hat: Die menschlichen Kosten unseres aktuellen Lebensstils sind, dass etwa eine Milliarde Menschen hungern müssen, während zwei Milliarden Menschen sich ungesund ernähren und dadurch erkranken.

Das ist auf keinen Fall tragbar, und doch scheinen sowohl wir in unserem Alltag, als auch die Entscheidungsträger die sozialen und ökologischen Konsequenzen unserer Ernährung zu vergessen. Schon 2007 wurde eine Lancet-Studie herausgegeben, die den Einfluss der Nahrungsmittelproduktion auf den Klimawandel untersucht und herausgefunden hat, dass die industrielle Fleischproduktion den größten Einflussfaktor überhaupt darstellt; dennoch ist die Lebensmittelproduktion auf einem neuen Hoch, das Problem hat sich lediglich intensiviert. Möglicherweise würde eine gerechtere Preispolitik, aufbauend auf den Erkenntnissen der Uni Augsburg, endlich ein lange überfälliges weitläufiges Umdenken auslösen, das zu einer gerechteren Lebensmittelverteilung, einer gesünderen Lebensweise und einer für den Planeten tragbaren Landwirtschaft führt. Bis dahin geben uns diese beiden Studien die Aufgabe, selbst über unsere kleinen und großen Entscheidungen im Alltag nachzudenken – denn das Gelingen eines Wandels liegt, wie bei so oft, mal wieder an uns.

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