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André Au: Sprache als Trennlinie der Mensch-Tier-Beziehung? Wie Roger Fouts Sprachexperimente den Mythos der Sprache als Alleinstellungsmerkmal des Menschen verwarf

vorgelegt als Bachelorarbeit am Institut für katholische Theologie der Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

Seit Anfang der 2000er Jahren entwickeln sich die Human-Animal-Studies (abgekürzt HAS) im deutschsprachigen Raum zu einem größer werdenden wissenschaftlichen Forschungsfeld (Chimaira Arbeitskreis 2011: 21ff.). Doch schon der Begriff der Human-Animal-Studies zu Deutsch „Mensch-Tier-Studien“ stellt eine der grundlegenden Herausforderung in Bezug auf die Beziehung von Menschen und Tieren dar. Menschen bilden als homo sapiens eine biolo-gisch definierte Art. Der Begriff der Tiere hingegen stellt ein Sammelsurium an verschiedensten unterschiedlichen Arten dar, die vielfältiger sind, als es der Begriff „Tiere“ abdecken könnte.
Die Sprache ist im Bezug der HAS von großer Relevanz, da sie lange Zeit als Trennlinie zwischen Menschen und Tieren galt. Der Mensch hebt sich insofern vom Tier ab, dass er in der Lage ist, Sprache zu nutzen, um sein vernunftbegabtes Wesen unter Beweis zu stellen (vgl. Chimaira Arbeitskreis 2011: 9). Dementsprechend wird Tieren jegliche Vernunft abge-sprochen und sie werden den Menschen untergeordnet (vgl. Chimaire Arbeitskreis 2011: 9). Die Verknüpfung von Sprache und Vernunft wurde in der Philosophie häufig als Trennline zwischen dem Menschen und dem Tier verstanden. Das Tier spricht nicht, also denkt es auch nicht. Aus dieser Argumentation heraus begründeten namhafte Philosophen wie Aristoteles, Hobbes und Descartes die Vorherrschaft des Menschen über die Tiere. Daraus resultierte eine immer weiter steigende Entrechtung der Tiere.
Dieses Paradigma, dass zwischen Menschen und Tieren eine Grenze aufgrund der Sprache zieht, soll in der folgenden Bachelorarbeit zusammengefasst werden unter dem Satz: Sprache als Trennlinie der Mensch-Tier-Beziehung.
Die Frage, ob Tiere eine menschliche Sprache erlernen können, blieb lange Zeit unbeantwor-tet. Die ersten modernen Versuche wurden hierbei u.a. von Heyes durchgeführt, der versucht hatte einem Schimpansen, die Lautsprache beizubringen. Dieser Versuch schlug jedoch fehl. Einen neuen Ansatz unternahm das Ehepaar Robert A. Gardner und Beatrix T. Gardner, die als neues Sprachmedium keine Lautsprache, sondern eine Gebärdensprache nutzten, die American-Sign-Langue (abgekürzt ASL). Ihre tierische Probandin hieß Washoe und gehörte zur Art der Gemeinen Schimpansen. Die Gardners untersuchten mithilfe damaliger Dokto-randen, darunter Roger Fouts, ob Schimpansen fähig sind ASL zu lernen. Die gewonnenen Forschungsergebnisse lieferten Gründe zur Annahme, dass Schimpansen in der Lage sind mit ASL zu kommunizieren und die Sprache zu verstehen.
Diese experimentelle Forschung, die von Fouts später weitergeführt wurde, bringt das Para-digma, dass Sprache ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen ist, ins Wanken. Denn soll-ten die Tiere doch fähig sein, Sprache zu erlernen, dann wären Jahrhunderte bestehender Lehrmeinungen, die zu moralischer Degradierung von Tieren führten, zu überdenken.
Die Bachelorarbeit wird das oben genannte Paradigma der Sprache als Trennlinie der Mensch-Tier-Beziehung untersuchen. Dazu muss zu Beginn auf die Herausforderung des Verständnisses des Begriffs „Tier“ eingegangen werden und eine nähere Definition für „Tiere“ geliefert werden. Darauffolgend wird auf die moralischen Sichtweisen in der Mensch-Tier-Beziehung eingegangen und wichtige Kernbegriffe, wie der Anthropozentrismus erläu-tert. Danach werden biologische und evolutionäre Erkenntnisse präsentiert, die die Nähe vom Menschen zu Tieren veranschaulichen. Im Hinblick auf das Paradigma wird untersucht, ob die Sprache ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen ist. Dafür werden Definitionen von Sprache und Kommunikation verglichen, um festzustellen, ob es sich in den Experimenten mit Washoe und anderen Schimpansen, um menschliche Sprache handelt.
Nach den Begriffserklärungen folgt ein historischer Rückblick zu verschiedenen Philosophen und die Fragen gestellt, warum die Sprache als Trennlinie zwischen Menschen und Tieren aufgefasst wird und welche Konsequenzen sich daraus ableiten. Mit dieser Vorarbeit ist der Grundstein für die Analyse der Forschung zum Sprachverständnis bei Schimpansen gelegt. Die Forschungsergebnisse der Gardners und von Fouts werden präsentiert und auf Kritik ge-gen diese geprüft. Anhand der vorher gegebenen Definitionen von Sprache und Kommunika-tion wird verglichen, ob es sich bei den Sprachexperimenten bei Schimpansen, um menschli-che Sprache gehandelt hat, bzw. warum die Einordnung in das Konzept menschlicher Spra-che schwer möglich ist. Anhand dieser Aufarbeitungen wird untersucht, ob Sprache ein Al-leinstellungsmerkmal des Menschen ist. Mit der Beantwortung dieser Frage, wird das übergeordnete Paradigma, der Sprache als Trennlinie der Mensch-Tier-Beziehung geprüft. Hier-bei wird zuerst auf die fragwürdige und zutiefst anthropozentrische Sichtweise dieses Para-digmas eingegangen, woraufhin die gesammelten wissenschaftlichen Erkenntnisse der vorhe-rigen Kapitel genutzt werden, um zu zeigen, warum das Paradigma wissenschaftlich nicht haltbar ist. Abschließend wird ein Fazit gezogen, welches die präsentierten Ergebnisse zusammenfasst und Perspektiven für eine zukünftige angepasste Sichtweise erläutert.

 

2. Die Sicht des Menschen auf die Tiere

Im kommenden Kapitel wird eine nähere Definition für den Begriff „Tier“ geliefert. Das „Tier“ steht als Sammelbegriff für tausende von verschiedenen Spezies. Daher soll erläutert werden, wie der Begriff „Tier“ in dieser Bachelorarbeit verwendet wird. Danach wird der Anthropozentrismus erklärt, der später notwendig ist, um zu zeigen, warum das Paradigma der Sprache, ein menschliches Konstrukt ist. Um eine weitere Sichtweise einzubringen, wer-den evolutionäre Befunde geliefert, die die biologische Nähe von dem Menschen und dem Tier aufzeigen. Diese werden als Hilfestellung genutzt, um die Forschungsergebnisse von Fouts zu untermauern.

2.1. Die Herausforderung des Begriffs „Tier“
Bei der Betrachtung des Begriffsverständnisses zu „Mensch“ und „Tier“ der Human-Animal-Studies fällt auf, dass die Unterschiede in der Auslegung beträchtlich sind. Auf der einen Seite wird der Mensch betrachtet, der als einzelne Spezies in den Vordergrund gestellt wird und dessen Handlungen einer herausgehobenen Betrachtung unterzogen werden. Auf der anderen Seite besteht der Begriff des Animal zu Deutsch „Tier“. Damit wird die Gesamtheit aller Tiere bezeichnet, die nach derzeitigem Wissensstand ca. 1.380.000 Tierarten umfasst, wobei die Tendenz steigend ist, da viele Tierarten noch nicht dokumentiert sind (vgl. Bundesamt für Naturschutz). Der Begriff „Tier“ ist undeutlich und wenig spezifiziert, denn er wird für die uns bekannten 1.38 Millionen Tierarten verwendet und lässt die vorhandene Ar-tenvielfalt vollständig außen vor. Schon Derrida war diese fehlerhafte Darstellung bekannt:
„Derrida geht sogar noch weiter und bezeichnet das Denken vom ›Tier‹ im allgemeinen Singular als »vielleicht eine der größten – und systematischsten Dummheiten derer, die sich Menschen nennen« (ebd.). Die Subsumtion aller nichtmenschlichen Individuen unter den Tierbegriff und den damit ver-bundenen Dualismus, welcher ›Tiere‹ in der Rolle des ›ganz Anderen‹ festschreibt, klagt Derrida als »ein erstes Verbrechen gegen die Tiere« (Derrida 2010: 80) an.“ (Chimaira Arbeitskreis 2011: 9)
Das Tier als Singular zu erfassen ist also schlicht unmöglich, da es sich um eine zu heterogene Gruppe an Subjekten handelt. Dementsprechend muss sich der Frage gestellt werden, in welchem Rahmen dieser Bachelorarbeit der Begriff „Tier“ verwendet wird. Dafür wird eine Definition von Anne Burkhard genutzt, die diese wiederum von Harman übernommen hat:

„»My attention will be focused on animal of intermediate sophistication, including dogs, cats, cows, and pigs« (Harman 2011, 726). Um nicht fälschlicherweise nahe zu legen, mit `Tier´ soll lediglich auf Haus- und `Nutztiere´ Bezug genommen werden, sollte diese Liste allerdings um weitere Tiere wie Wildschweine oder Mäuse ersetzt werden.“ (Burkhard 2014: 156)

Burkhard verweist auf diese Definition, da die oben genannten Tiere bezüglich ihrer Emp-findungsfähigkeit unstrittig sind und sie weitgehend Tiergruppen umfasst, die in direkter Interaktion zum Menschen stehen (vgl. Burkhard 2014: 156.). Weiterhin eignet sich diese De-finition für die vorliegende Bachelorarbeit, da das Fallbeispiel der Schimpansin Washoe bzw. die Schimpansen als Tierart, dieser Definition nahestehen.

2.2. Anthropozentrische und weitere Sichtweisen auf die Tiere
Ein zentraler Punkt in der Debatte um die Beziehung zwischen Menschen und Tieren stellt die Frage dar, wie Menschen Tiere behandeln sollten. Ein bedeutender zentraler Begriff ist der Tierschutz: „Unter dem Oberbegriff des Tierschutzes firmieren gemeinhin sämtliche Bestrebungen und Massnahmen [sic!], Leben, Wohlbefinden, Unversehrtheit und Würde des Tieres zu schützen.“ (vgl. Stucki 2016: 32). Hierbei muss zwischen Tier- und Artenschutz differenziert werden. Der Tierschutz bezieht sich auf das Tier als Individuum, welches zu schützen gilt. Der Artenschutz hingegen betreibt den Erhalt von Tierarten als Gesamtheit (vgl. Stucki 2016: 32). Im Rahmen der Tierethik und des Tierschutzes wird diskutiert, wie weit die oben angesprochenen Maßnahmen und Bestrebungen bzw. auf welcher moralischen Grundlage diese Bestrebungen fußen.
„Zur Diskussion in der Umwelt-, Tier-, und Naturethik steht dann, wie menschliches Verhalten ge-genüber einer nicht menschlichen Natur begründet werden und welcher Wert (oder sogar Eigenwert) der Natur dabei anerkannt werden kann und muss. Die moralische Debatte auf diesem Feld bezieht sich damit vor allem auf die Reichweite des Schutzanspruches. Worin genau liegt der Wert von ein-zelnen Lebewesen? Ist er nur instrumentell und damit im Nutzen für den Menschen zu verorten oder kommt der Natur oder einzelnen Bereichen ein eigener inhärenter Wert zu?“ (Lanzerath 2018: 107)
Zusammengefasst stellt eine Grunddebatte der Tierethik die Frage dar, welchen Wert Tiere haben bzw. ob sie einen Wert haben und wie auf Grundlage dieses Wertes mit Tieren umge-gangen werden sollte. Zu der Frage des Wertes von Tieren gibt es in der Tierethik verschiedene Ansätze wie dieser zu beurteilen ist. Der Anthropozentrismus erkennt keinen Eigenwert der Tiere an und beurteilt Tiere nach ihrem Nutzen für den Menschen (vgl. Krebs 2008; Stu-cki 2016: 33). Des Weiteren gibt es den Physiozentrismus, der den Eigenwert der Natur be-jaht, jedoch dabei unterschiedliche Positionen vertritt, wie weit dieser Eigenwert reicht (vgl. Krebs 2008). Die verschiedenen Strömungen innerhalb des Physiozentrismus vertreten jedoch unterschiedliche Ansichten darüber, aus welchem Grund dieser Wert existiert und für welche Tierarten dieser Eigenwert zutrifft. Zum Physiozentrismus gehört der Pathozentris-mus und der Biozentrismus. Im Rahmen des Pathozentrismus wird die Leid- bzw. Empfin-dungsfähigkeit eines Tieres in den Vordergrund gestellt (vgl. Stucki 2016: 64). Der Biozentrismus sieht alle Lebewesen um ihrer selbst willen als moralisch relevant an (vgl. Stucki 2016: 64). Er ist damit auch weitergefasst als der Pathozentrismus, da er ebenfalls Tiere ein-bezieht, die als nicht empfindungsfähig wahrgenommen werden (vgl. Stucki 2016: 64).

2.3. Evolutionäre Ansätze zur Beziehung von dem Menschen und dem Tier
Der Mensch beansprucht eine Sonderstellung in der Natur und galt lange als Krönung der Schöpfung. Die von Darwin eingeführte Evolutionstheorie führte dazu, dass der Mensch in das Reich der Tiere gesetzt wurde. Durch moderne Molekulartechnik können Verwandt-schaftsverhältnisse von Arten besser erfasst werden. Daher soll im Folgenden die evolutionäre Nähe von den Menschen zu den Tieren veranschaulicht werden. Diese Erkenntnisse liefern im späteren Aufschluss darüber, wie z.B. Schimpansen in der Lage sind, Gebärdensprache zu erlernen. In der biologischen Betrachtung sollen insbesondere Gemeinsamkeiten im Kommunikations- und Sozialverhalten gezeigt werden. Menschen und Tiere können nicht wie Artgenossen miteinander sprechen, dennoch ist ein gegenseitiges Verstehen möglich. So sagt, z.B. Schwärzer:
„Evolutionäre Verhaltensforscher können belegen, dass der Mensch ‚Anlagen‘ besitzt, die ihm helfen, besser mit den Tieren umzugehen. Durch die Gehirnfunktionen sind Menschen in der Lage, sich in die ihnen am nächsten verwandten Tiere hineinzuversetzen und so, z.B. Reaktionen von Vögeln oder anderen Säugetieren besser voraussehen.“ (Schwärzer 2019: 30)
Bei der gemeinsamen Kommunikation zwischen dem Menschen und dem Tier ist für beide Seiten vorteilhaft, dass evolutionäre Gemeinsamkeiten in Hinblick auf Emotionsausdrücke bestehen. Die gemeinsamen emotionalen Ausdrücke hatte schon Darwin in seinem Werk „The Expression of the Emotions in Man and Animals“ festgestellt. Er selbst beschreibt zum Beispiel das Lachen des Menschen, das große Ähnlichkeiten zum Lachen von verschiedenen anderen Affenarten aufweist (vgl. Darwin 1872: 362). Die Ähnlichkeiten, die menschliche Expressionen von Emotionen zu denen von Tieren hatten, veranlasste Darwin zu folgender Feststellung:
„We have seen that the study of the theory of expression confirms to a certain limited extent the conclusion that man is derived from some lower animal form, and supports the belief of the specific or subspecific unity of the several races.“ (Darwin 1872: 367)

Die ähnlichen Gefühlsausdrücke von Menschen und Tieren stellen also für Darwin einen weiteren Beweis für die gemeinsame Entwicklungsgeschichte von Menschen und Tieren dar, wonach Menschen und Tiere gemeinsame Vorfahren haben. Neuere Forschungen lassen nach Kotrschal die Aussage zu, „dass die Sozialfähigkeit von Menschen und anderen Wirbeltieren in sehr ähnlichen, stammesgeschichtlich oft herkunftsgleichen Strukturen und Mechanismen wurzelt.“ (Kotrschal 2012: 55) Grund hierfür sei insbesondere in Bezug auf Wirbeltiere, zu denen der Mensch gehört, dass die schon vorhandenen Gehirnstrukturen nicht verändert, sondern zumeist erweitert werden. Daher basieren Wirbeltiere grundlegend auf einem ge-meinsamen Bauplan (vgl. Kotrschal 2012: 57). Dies führt in der Praxis dazu, dass Menschen und Tiere in ähnlicher Weise ihr Sozialverhalten lernen, was bei den meisten Spezies in ei-ner frühen Lebensphase geschieht (vgl. Kotrschal 2012: 61 f.).
Das Erlernen des Sozialverhaltens lässt sich u.a. durch den Prozess der Synchronisation erklären. Die Synchronisation beschreibt den Prozess, motorische Bewegungen anderer Indivi-duen nachzuahmen (vgl. Schlegel 2014). Zuständig sind dafür die Spiegelneuronen im menschlichen Gehirn, durch diese können motorische Bewegungen anderer erkannt und ko-piert werden (vgl. Schlegel 2014). Hierbei handelt es sich um ein unbewusstes Handeln.
„Automatische motorische Synchronisation nehmen wir auch an uns selbst wahr. Wir machen die Bewegungen des anderen zu den eigenen, wenn wir uns unwillkürlich in den Körper von anderen versetzen und synchron bewegen, oder wenn sich unsere Körperhaltung unbewusst mit der von Ge-sprächspartnern abstimmt. Darum ist Gähnen ansteckend und auch Lachen. Bei letzterem entsteht zusätzlich emotionale Einstimmung und Stimmungsübertragung, gemeinsames Lachen schafft emoti-onalen Konsens. Das ist auch bei Affen so, sie lachen, wenn sie miteinander spielen. Es entstehen Sympathie und Empathie.“ (Schlegel 2014)
Zusammenfassend besitzen der Mensch und viele Tiere einen grundlegend gleichen Aufbau des Gehirns und den damit verbundenen Mechanismen wie z.B. die Synchronisation, die beispielsweise für das Erlernen von Sozialverhalten notwendig sind.
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Im vorherigen Kapitel wurde die Herausforderung des Begriffsverständnisses „Tier“ gezeigt und durch eine von Burkhard übernommene Definition im Rahmen dieser Bachelorarbeit geklärt. Für die Bachelorarbeit wichtige Begriffe wie beispielsweise der Anthropozentrismus und Pathozentrismus wurden erklärt und bieten eine Basis für die spätere Betrachtung des Paradigmas. Abschließend wurde die biologische Nähe zwischen dem Menschen und dem Tier anhand verschiedener evolutionärer Beispiele gezeigt.

 

3. Die Bedeutung von Sprache und Kommunikation

Zu Beginn dieses Kapitels werden die Begriffe Kommunikation und Sprache definiert. Beides sind keine in der Wissenschaft feststehenden Begriffe (vgl. Fiehler 1990: 99). Daher werden verschiedene Sprach- und Kommunikationstheorien bzw. deren wichtigsten Aspekte erläutert sowie die drei Hauptpositionen der Spracherwerbstheorien vorgestellt.

3.1. Definition von Kommunikation
Wie zuvor festgestellt, gibt es verschiedene Arten Kommunikation zu definieren. Fiehler selbst greift mehrere Definitionen von Sprache auf. Eine davon stammt von Lewandowski:
„Die zentrale wissenschaftliche Konzeptualisierung des Kommunikationsprozesses besteht darin, Kommunikation als einen (zweckrationalen) Austausch von Informationen unter Verwendung eines Zeichensystems aufzufassen. Die Grundvorstellung dabei ist, dass durch Kommunikation Wissensde-fizite über Sachverhalte der Welt ausgeglichen werden. Das zentrale Mittel hierfür ist die (wahre) Aussage. »Kommunikation ist zwischenmenschliche Verständigung, intentional gesteuerte Mitteilung oder gemeinsam machen von Information mit Hilfe von Signalen, Zeichensystemen, vor allem durch Sprache in Zeichensituationen.« (Lewandowski 1976: 321)“ (Fiehler 1990: 107)
Diese Variante eines Kommunikationsmodells gehört zu den Theorien, die auf der Conduit-Metapher basieren. Die Conduit-Metapher beschreibt eine Kommunikationstheorie nach Reddy. Nach dieser beschreibt Kommunikation einen Prozess, indem ein Sprecher Informa-tionen in Wörter ausdrückt und diese einem Empfänger zukommen lässt, welcher versucht die Bedeutung der Wörter zu verstehen (vgl. Zinken 2016: 202).
Neben der Erklärung von Kommunikation durch das Conduit-Modell gibt es weitere unter-schiedliche Varianten Kommunikation zu definieren und zu interpretieren. So können in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen jeweils unterschiedliche Definitionen ge-funden werden (vgl. Merten 2013: 9). Diese Annahme von Merten findet sich nicht nur in seinem Werk zur Definition von Kommunikation, sondern auch Fiehler greift auf unter-schiedliche Kommunikationstheorien aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zu-rück. Die Aufarbeitung dieser Theorien würde im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen und sie alle stehen meist im Bezug zum Menschen, d.h. sie erklären meist die Kommunikation von Menschen. Daher wird im Folgenden mit einer Erweiterung der Conduit-Metapher gearbeitet, da sie sich auch eignet, Kommunikation zwischen Tieren bzw. Tieren und Menschen zu erklären.
Das bedeutet, Kommunikation ist der Austausch von Informationen über ein Übertragungs-medium, welches Informationen vom Sender zum Empfänger leitet. Das Übertragungsmedi-um kann wie in Lewandowskis Definition ein Zeichensystem oder Sprache sein, aber auch Signale.

3.2. Definition des Begriffs der Sprache anhand von Bühler und Hockett
Bevor das Fallbeispiel des Spracherwerbs der Schimpansin Washoe aufgegriffen wird, muss geklärt werden, was Sprache ausmacht und wie sie definiert wird. Hierbei muss im Vorhinein gesagt werden, dass es keine festgelegte Definition der Sprache gibt, sondern es auch hierbei einen wissenschaftlichen Diskurs gibt, was Sprache ausmacht und wie sie erworben wird (vgl. Beyer, Gerlach 2018: 6). Sprache wird häufig über ihre Funktion definiert (vgl. Beyer, Gerlach 2018: 6).
Nach Bühler hat die Sprache drei Mitteilungsarten, die eine bestimmte Funktion im Hinblick auf die Kommunikation zu anderen Menschen einnehmen (vgl. Beyer, Gerlach 2018: 6). Bühler stellt die Sprache als Werkzeug dar, als sogenanntes „organum“ (Bühler 1965: 24).

Abbildung 1: Sprachmodell nach Bühler (Bühler 1965: 25)

Die Sprache bildet hierbei den Mittelpunkt zwischen dem oben genannten Sender, in der Abbildung „einer“ sowie „der andere“ als Empfänger. Den dritten Punkt bilden hierbei „die Dinge“, die von Beyer und Gerlach erwähnten externen Gegenstände bzw. Zustände. Hierbei versteht Bühler die Sprache als eine Kausalkette (vgl. Bühler 1965: 25). Der Sender empfängt einen äußeren Reiz, und vermittelt über die Sprache diesen Reiz weiter an den Emp-fänger. Dieser kann dadurch, z.B. zu einer Handlung aufgefordert werden (vgl. Bühler 1965: 25).
Die oben erwähnten Mitteilungsfunktionen nach Bühler sind somit:
1. Die Ausdrucksfunktion: Der Sender kann seinen Zustand mitteilen (vgl. Beyer, Ger-lach 2018: 6)
2. Darstellungsfunktion: Externe Gegenstände oder Zustände können beschrieben wer-den (vgl. Beyer, Gerlach 2018: 6)
3. Appelfunktion: Der Sender kann den Empfänger zu einer Handlung auffordern (vgl. Beyer, Gerlach 2018: 6)

Bei Bühler wird Sprache anhand seiner Funktion definiert. Eine differenziertere Auswahl an Kriterien zur Sprache bietet Hockett (vgl. Beyer, Gerlach 2018: 7). Er unterscheidet zwi-schen den folgenden Funktionen: „(…) Bedeutungshaltigkeit, Losgelöstheit vom Ereignis, Willkürlichkeit der Einheiten, Diskretheit, Produktivität, Wiederholung und Rekursion (…)“ (Beyer, Gerlach 2018: 7f.).
„Bedeutungshaltigkeit“ bedeutet, dass Wörter als Symbole für real existierende Objekte oder Sachverhalte fungieren (vgl. Beyer, Gerlach 2018: 7). „Losgelöstheit vom Ereignis“ drückt aus, dass auch ohne die Anwesenheit der realen Objekte, über diese gesprochen werden kann (vgl. Beyer, Gerlach 2018: 7). Als „Willkürlichkeit der Einheiten“ wird die willkürliche Zu-teilung von Wörtern als Symbol für ein Objekt beschrieben (vgl. Beyer, Gerlach 2018: 7). Das ein Stift als Stift beschrieben wird ist zufällig, wichtig ist hierbei, dass in einer Spra-chengemeinschaft eine klare Vorstellung der Wortbedeutungen vorherrschen. Die „Diskret-heit“ bezieht sich auf die Abgrenzbarkeit von Wörtern oder anderen sprachlichen Ausdrü-cken, es muss klar verständlich sein, an welcher Stelle ein Wort beginnt und endet (vgl. Beyer, Gerlach 2018: 7). Weiterhin muss sich die Sprache durch „Produktivität“ auszeichnen. Das bedeutet, dass die Sprache immer neue Äußerungen hervorbringen kann und modifizierbar ist (vgl. Beyer, Gerlach 2018: 8). Die mögliche Erweiterung eines Satzes durch neue Teilsätze durch die Verwendung von z.B. „und“ ist die von Hockett angesprochene „Wie-derholung“ (vgl. Beyer, Gerlach 2018: 8). Abgeschlossen wird dieses Konstrukt durch die „Rekursion“, der Möglichkeit sprachliche Strukturen in andere sprachliche Strukturen einzu-betten, durch z.B. Relativsätze (vgl. Beyer, Gerlach 2018: 8).
Die Definition von Hockett wird später relevant, wenn das Fallbeispiel der Schimpansin Washoe analysiert und überprüft wird, inwieweit es sich bei dem Experiment um Sprache handelt.

3.3. Drei verschiedene Theorien des Spracherwerbs
In diesem Kapitel werden verschiedene Theorien zum Spracherwerb vorgestellt. Die unter-schiedlichen Theorien setzen sich mit der Fragestellung auseinander, wie der Mensch beson-ders im Kindesalter Sprache erlernen kann. Der kindliche Spracherwerb stellt die Wissen-schaft hierbei vor Herausforderungen oder wie Beatrice Primus es formuliert: „Wie kann ein Kind in so kurzer Zeit auf der Grundlage einer kleinen Menge an Sprachdaten (engl. poverty of stimulus) seine Muttersprache erwerben?“ (Primus 2018: 11)
Im Bereich des Spracherwerbs bei Menschen gibt es drei große, vorherrschende Theorien. Diese sind der Nativismus, Behaviorismus und Interaktionismus. Die Nativisten glauben, dass Kinder von Geburt an eine angeborene Sprachfähigkeit haben, die es ihnen ermöglicht, Sprache und ihre Regeln zu erlernen (vgl. Kauschke 2012: 139f.). Diese Annahme bildet die Grundlage für Chomskys Theorie der Universalgrammatik, die besagt, dass die angeborene Fähigkeit zur Spracherkennung und -anwendung in den genetischen Code eines jeden Men-schen eingebaut ist (vgl. Primus 2018: 11). Die Universalgrammatik besteht aus einer Verkettungs- und einer Kopieroperation, die es dem Menschen ermöglichen, verschiedene sprachliche Ausdrücke miteinander zu kombinieren und an verschiedenen Stellen eines Sat-zes zu verwenden (vgl. Primus 2018: 11). Chomsky geht davon aus, dass diese Fähigkeit vor ca. 100.000 Jahren beim Menschen entstanden ist (vgl. Primus 2018: 11). Die Theorie ist jedoch umstritten, da sie nicht empirisch falsifiziert werden kann (vgl. Primus 2018: 14).Der Behaviorismus geht davon aus, dass jedes Verhalten erlernt wird (vgl. Erdin 2021: 29). So wird nach den Behavioristen auch die Sprache erlernt:

„Auch Sprache, so wurde behauptet, wird durch Assoziation, Imitation und Verstärkung erlernt“ (Erdin 2021: 29). In Bezug auf Kinder sagt Skinner, dass sie wie ein weißes Blatt auf die Welt kommen und Sprache durch den Input von außen erlernen (vgl. Nor, Rashid 2018: 162). Der Spracherwerb ließe sich also durch die operante Konditionierung erklären, bei der durch Belohnung und Bestrafung, gewünschtes Verhalten gefördert wird (vgl. Erdin 2021: 29). Skinner erklärt mit seinem Ansatz jedoch nicht die dahinterliegenden mentalen Prozesse für den Spracherwerb (vgl. Nor, Rashid 2018: 162). Der Behaviorismus scheitert an der Komplexität der Sprache, da er sich nur für simple Lernziele eigne (vgl. Erdin 2021: 29). Beim Interaktionismus werden die nativistische und behavioristische Spracherwerbstheorien vereint, indem er die biologischen und sozialen Faktoren in der Sprachentwicklung betont: „interaction theory recognizes that both environmental and biological factors are important in language development.“ (Rudd, Lambert 2011: 830) Dabei besitzen Kinder laut Interaktionismus eine angeborene kognitive Fähigkeit zur Sprachentwicklung und sind auf soziale Interaktion angewiesen (vgl. Rudd, Lambert: 2011: 830).

Zuletzt wurden verschiedene Theorien zur Definition von Sprache und Kommunikation be-trachtet. Als Herausforderung gilt, dass es verschiedene Definitionen und Theorien gibt, die sich je nach Disziplin unterscheiden. Abschließend wurden die drei größten Spracherwerbs-theorien Nativismus, Behaviorismus und Interaktionismus vorgestellt.

4. Sprache als Trennlinie der Mensch-Tier-Beziehung

Nachdem wichtige Schlüsselbegriffe wie Kommunikation und Sprache definiert wurden, wird das Paradigma der Sprache als Trennline der Mensch-Tier-Beziehung ausgeführt. Hier-für wird Bezug genommen auf Philosophen wie Aristoteles und Descartes. Beide verneinen das Vorkommen von Sprache bei Tieren und sehen diese als den Menschen untergeordnet an. Zuerst wird dieser philosophische Standpunkt vorgestellt und darauf Bezug genommen, wa-rum es sich um eine anthropozentrische Sichtweise handelt.

4.1. Sprache als Ausdruck des eigenen Bewusstseins
Die Betrachtung der Sprache als Alleinstellungsmerkmal des Menschen, beschäftigt nicht nur die Frage, ob allein der Mensch zur Sprache fähig ist. Vielmehr resultiert seit Beginn der Differenzierung des Menschen als sprachbegabtes Wesen und Tieren als nicht-sprachbegabte Wesen eine Hierarchisierung dieser beiden Gruppen.
Aristoteles beschreibt zwei Arten der Sprache, „logos“ und „phone“. „Logos“ ist die Sprache des Menschen, durch die er seine Vernunft ausdrücken kann. Tiere hingegen besitzen nur „phone“ und können lediglich Schmerz und Lust ausdrücken (vgl. Kurth 2011: 86). Aus die-sem Unterschied heraus begründet Aristoteles, warum nur der Mensch ein politisches Wesen ist (vgl. Kurth 2011: 86). Der Gedanke, dass Bewusstsein und Sprache eng verknüpft sind, findet sich nicht nur bei Aristoteles. Hobbes setzt den Menschen über das Tier, da nur der Mensch fähig sei, seinen Willen durch Sprache zu äußern (vgl. Chimaira Arbeitskreis 2011: 9f.). Die radikalisierte Form dieses Gedankens findet sich bei Descartes, der das Tier als Ma-schine sieht, die keinen eigenen Geist besitzt und daher frei nach menschlichem Willen be-nutzt werden kann (vgl. Chimaira Arbeitskreis 2011: 10).
Diese verschiedenen Positionen zeigen nach dem Chimaira Arbeitskreis, „dass die Frage nach dem Logos in allen Epochen die zentrale Grenzlinie darstellte, durch die ›der Mensch‹ von ›dem Tier‹ abgegrenzt werden sollte.“ (Chimaira Arbeitskreis 2011: 11)
Der Logos, der hierbei das vernunftbegabte Bewusstsein des Menschen darstellt, leitet sich häufig aus der Fähigkeit zur Sprache heraus. Kurth fasst diese Positionen zusammen, indem er beschreibt, dass Menschen aufgrund der Sprache als „Subjektcharakter“ (Kurth 2011: 93) verstanden werden. Diesen Subjektcharakteren stehen jene nichtmenschlichen, nicht-sprachfähigen Tiere gegenüber, die reine Objekte im Auge des Subjektcharakters sind (vgl. Kurth 2011: 93f.).
Mit der Differenzierung von dem Menschen und dem Tier in sprachbegabte und nicht-sprachbegabte Wesen fand in der Geschichte nicht nur eine reine Kategorisierung im Hin-blick auf die Fähigkeiten statt, sondern es wurde die Hierarchisierung des Menschen als überlegenes Wesen vorangetrieben (vgl. Kurth 2011: 93f.).

4.2. Sprache als einzigartige Fähigkeit des Menschen
Im vorherigen Kapitel wurde aufgezeigt, warum Sprache bzw. der damit einhergehende Lo-gos als Trennlinie zwischen Menschen und Tier verstanden wird, und welche Konsequenzen dies in Hinblick auf die Mensch-Tier-Beziehung mit sich bringt. Nämlich, dass Tiere auf-grund der fehlenden Sprache als Wesen angesehen werden, die dem Menschen nicht gleich-gestellt werden können. Im Folgenden soll veranschaulicht werden, warum Tieren die Fähigkeit zur Sprache aberkannt wird.
Wenn von Sprechen die Rede ist, wird in erster Linie die Lautsprache verstanden. Versuche unserem nächsten Verwandten, dem Schimpansen die Lautsprache beizubringen, sind ge-scheitert. Dies versuchten Keith und Catherin Heyes bei der Schimpansin Viki. Diese brachte jedoch am Ende des Sprachtrainings die vier schlecht artikulierten Worte „cup“, „up“, „ma-ma“ und „papa“ zustande (vgl. Dornenzweig 2015: 155). Nach diesem Experiment wurde die Annahme erhärtet, dass Tiere kognitiv nicht in der Lage sind Sprache anzuwenden (vgl. Dor-nenzweig 2015: 155). Nach dem Nativismus ist Sprechen eine rein menschliche Fähigkeit, die unter anderem in seiner Genetik begründet liegt (vgl. Primus 2018: 11). Noam Chomsky sprach im Nativismus von einem Sprachorgan, dass beim Menschen vor ca. 100.00 Jahren aufgetreten sein soll (vgl. Primus 2018: 11). Doch liefert Dornenzweig die Begründung wa-rum, z.B. die Schimpansin Viki keine Lautsprache erlernen konnte:
„Dabei war das Problem lediglich das allzu menschliche Medium: Schimpansen ist menschliche Lautbildung anatomisch gleich aus mehreren Gründen kaum möglich (vgl. Falk 1975). Die Interpreta-tion des Schweigens oder der schwer verständlichen Laute der Schimpansen als Zeichen von man-gelnder Intelligenz erinnert somit an den herablassenden Umgang mit gehörlosen Menschen oder Menschen mit Sprachproblemen, der sich noch in der englischen Phrase ›deaf and dumb‹ widerspie-gelt, in der sich die Bedeutungen ›stumm‹ und ›intellektuell eingeschränkt‹ überlagern.“ (Dornen-zweig 2015: 155f.)
Dornenzweig kritisiert hierbei die Maßstäbe, mit denen Menschen die Kommunikation anderer Lebewesen bewerten. Kommunizieren können andere Tierarten, doch die Sprache wird als rein menschlich wahrgenommen, da sie nur an den Menschen gemessen wird. Dornenzweig fasst diese Haltungen folgend zusammen:
„1.) Was nichtmenschliche Tiere unter sich an Artikulationen betreiben, ist keine Sprache; und 2.) ›richtige‹, d. h. hier mit unhinterfragter Selbstverständlichkeit: menschliche Sprache können nicht-menschliche Tiere nicht erlernen.“ (Dornenzweig 2015: 151)
Beide von Dornenzweig formulierten Annahmen sind anthropozentrisch geprägt, denn ande-re Kommunikation wie die zwischen Tierarten wird nicht anerkannt und es besteht die For-derung, dass Tiere, um richtig zu sprechen, die menschliche Sprache anwenden müssen. Hierbei wird Tieren ein Kommunikationsmedium abgesprochen, was, wie in Kapitel 4.1. dargestellt, zu deren Entrechtung führt. Dabei besitzt der Mensch wie in Kapitel 2.3 ange-führt, die natürliche Veranlagung andere Lebewesen zu verstehen.

Kapitel 4 geht tiefer in das Paradigma der Sprache als Trennlinie der Mensch-Tier-Beziehung ein und beschreibt die bis heute anhaltenden Vorurteile gegenüber tierischer Kommunikation und die dahinterliegende anthropozentrische Sichtweise.

5. Das Erlernen von Sprache bei der Schimpansin Washoe

Bevor auf den Spracherwerb bei der Schimpansin Washoe eingegangen wird, muss die damalige Forschungssituation wiedergegeben werden. Das sogenannte Projekt Washoe wurde von Robert und Beatrix Gardner ins Leben gerufen. Robert Allen Gardner war Wissenschaft-ler und Professor für experimentelle Psychologie, während seine Frau Beatrix Gardner Etho-login war. Für ihr Projekt zur Erforschung zum Spracherwerb von Schimpansen bekamen sie eine Schimpansin zur Verfügung gestellt, die sie Washoe nannten (vgl. Fouts, McKenna 2011: 19). Anstatt Washoe in einem Labor aufwachsen zu lassen, wurde Washoe von den Gardners und ihren Doktoranden aufgezogen (vgl. Fouts, McKenna 2011: 20). Dies wird als Cross-Fostering bezeichnet. Hierbei ziehen Angehörige einer Spezies ein Junges einer ande-ren Spezies auf. Washoe wurde hierbei, wie ein Familienmitglied behandelt und lernte die American-Sign-Language abgekürzt ASL (vgl. Fouts, McKenna 2011:19). Nach Beendigung der Forschung durch die Gardners wurde Roger Fouts für Washoe verantwortlich. Mit ihr zusammen ging er an die University of Oklahoma. Dort betrieb er mit ihr und anderen Schimpansen weitere Forschung in Hinblick auf den Erwerb von ASL. Im Nachfolgenden werden die Forschungsergebnisse der Gardners sowie von Roger Fouts in Bezug auf Washoe und weiteren Schimpansen veranschaulicht. Hierbei soll chronologisch dargestellt werden, wie der Spracherwerb bei Washoe und anderen Schimpansen ablief. Danach soll Kritik an der Forschung der Gardners betrachtet und reflektiert werden.

5.1. Aufbau des Projekts Washoe und Lehrmethoden von ASL
Während Washoe bei den Gardners lebte, erlernte die Schimpansin die ASL auf unterschied-liche Art und Weise. Zum einen durften alle Beteiligten des Projekts, also die Gardners und ihre Doktoranden, darunter auch Roger Fouts, nur in der ASL kommunizieren, wenn sie auf dem Grundstück der Gardners und in Anwesenheit von Washoe waren (vgl. Fouts, Mills 1998: 30). Die Gardners versuchten den Kontakt zu anderen Sprachen so gering wie möglich zu halten, wie z.B. im Fall von medizinischen Untersuchungen (vgl. Gardner R.A., Gardner B.T. 1969: 666). Die Gardners stützen sich auf verschiedene Methoden, um Washoe ASL beizubringen.
Eine dieser Methoden ist die Nachahmung (vgl. Gardner R.A., Gardner B.T. 1969: 666). Wie in dieser Bachelorarbeit festgestellt, erlernen viele Tierarten ihr Sozialverhalten durch das Nachahmen älterer Artgenossen. So wurde Washoe zum Nachahmen ihrer Bezugspersonen ermutigt (vgl. Gardner R.A., Gardner B.T. 1969: 666). Dabei wurde auch sogenannte „delay-ed imitation“ (Gardner R.A., Gardner B.T. 1969: 667) beobachtet, wobei Washoe Zeichen nachgeahmt hat, von denen die Gardners ausgingen, dass sie deren Bedeutung verstand, aber die Zeichen erst zu einem späteren Zeitpunkt erlernte. Dazu kam, dass Washoe beim soge-nannten „babbling“ (Gardner R.A., Gardner B.T. 1969: 667) unterstützt wurde. Babbling zu Deutsch „plappern“ beschreibt den Versuch von Washoe ASL anzuwenden, obwohl sie teil-weise falsche bzw. unvollständige Zeichen benutzte (vgl. Gardner R.A., Gardner B.T. 1969: 667). Dies kann mit einem Kleinkind verglichen werden, das sprachlich falsche Ausdrücke benutzt, die jedoch für das Umfeld verständlich sind. Ein Beispiel wäre „Dada“ o.ä. als Aus-druck für Papa. Hierbei war es wichtig Washoe dabei zu unterstützen ASL zu nutzen, auch wenn Zeichen nicht immer korrekt waren. Daraus ergaben sich verschiedene Abwandlungen von Zeichen die Washoe benutze (vgl. Gardner R.A., Gardner B.T. 1969: 668). Als weitere Trainingsmethode wurde die instrumentelle Konditionierung genutzt. Hierbei wurde Washoes Verhalten und ihr Nutzen von ASL durch Belohnung, in diesem Fall z.B. Kitzeln, unter-stützt (vgl. Gardner R.A., Gardner B.T. 1969: 669).

Um festzustellen, ob Washoe ein Zeichen gelernt hatte, setzten die Gardners auf folgende Methode:
„When a new sign was introduced we waited until it had been reported by three different observers as having occured in a appropriate context and spontaneously (that is with no prompting other than a question such as `What is it´ or `What do you want´“ (Gardner R.A., Gardner B.T. 1969: 670)
Wenn drei der Beobachter Washoes Zeichen der Situation entsprechend und als spontan an-erkannt haben, wurden die Zeichen auf einer Checkliste eingetragen. Wenn Washoe eines der Zeichen auf der Checkliste 15 Tage am Stück spontan und im Kontext der Situation oder des Gesprächs korrekt anwandte, galt das Zeichen als erlernt (vgl. Gardner R.A., Gardner B.T. 1969: 670).

Neben dem alltäglichen Beobachten von Washoes Nutzung von ASL, wurden von Roger Allen Gardner unterschiedliche Double-Blinde-Verfahren konzipiert, um Washoes ASL-Verständnis zu prüfen (vgl. Fouts, McKenna 2011: 21). Hierbei zeigten die Mitarbeiter der Gardners Washoe unterschiedliche Abbildungen von Objekten zu denen Washoe, dann das richtige Zeichen formen sollte. Weder Washoe noch dem Laboranten war während des Ver-suchs klar, welche Zeichen drankommen würden (vgl. Fouts, McKenna 2011: 21).
Insgesamt kann die Lehrmethode, dem interaktionistischen Spracherwerb zugeordneten wer-den. Denn zum einen, besteht die vorrausgehende Annahme, dass Washoe die biologische Voraussetzung besitzt, ASL zu lernen. Andererseits wird ihr durch eine Mischung aus ope-ranter Konditionierung und sozialer Interaktion, die Gebärdensprache beigebracht.

5.2. Forschungsergebnisse des Projekts Washoe unter Roger A. Gardner und Beatrix T. Gardner
Die Entwicklung von Washoes Spracherwerb in Form von ASL zeichnet sich nicht nur durch das Erlernen verschiedener Zeichen aus, sondern durch das Kombinieren von Zeichen und dem Verständnis von Wenn-Dann-Schlussfolgerungen. Im Folgenden sollen Washoes Fort-schritte in der ASL unter Federführung der Gardners betrachtet werden.
Bis zum 22. Monat des Projekts lernte Washoe insgesamt 30 verschiedene Zeichen der ASL (vgl. Gardner R.A., Gardner B.T. 1969: 670). Insgesamt lag die Spanne von genutzten Zei-chen im 22. Monat bei ca. 28 Zeichen, die in den letzten 20 Tagen genutzt wurden (vgl. Gar-dner R.A., Gardner B.T. 1969: 670). Nach 51 Monaten beherrschte Washoe 132 Zeichen der ASL (vgl. Gardner R.A., Gardner B.T. 1975: 244). Zu diesem Zeitpunkt wurde ein erweiter-tes Experiment zu Washoes Sprachverständnis durchgeführt. Hierbei wurden sogenannte „Wh“ – Fragen gestellt, die Washoe beantworten sollte. Die „Wh“-Fragen sind vergleichbar mit deutsche „W“-Fragen, also z.B. Wer, Was, Wann, Warum. Hierbei sollte untersucht werden, wie Washoe unterschiedliche Bausteine eines Satzes benutzt (vgl. Gardner R.A., Gardner B.T. 1975: 251). Die hierbei verwendeten Zeichen wurden in einer Tabelle einge-fügt, die 13 Kategorien umfasste. Der Sprachtest stammte von Roger Brown und wurde vorher von ihm an Kindern im frühkindlichen Alter durchgeführt. Die Testergebnisse von Washoe wurden mit denen von Browns Studie verglichen. Hierbei stellte sich heraus, dass Washoe, wäre sie ein Vorschulkind, eine fortgeschrittene sprachliche Kompetenz aufweist (vgl. Gardner R.A., Gardner B.T. 1975: 255).

Abbildung 2: Genutzte Zeichen von Washoe während des Experiments (Gardner R.A., Gardner B.T. 1975: 251)
Zusätzlich zur Grammatik und Vokabular von Washoe beobachteten die Gardner Entwick-lungen in Hinblick auf die Semantik von Wörtern und deren Transfer. So benutze Washoe, als sie noch wenige Wörter beherrschte, manche Worte doppelt (vgl. Gardner R.A., Gardner B.T. 1969: 670; Gardner R.A., Gardner B.T. 1975: 247). Ein Beispiel ist das Zeichen für Blume, welches Washoe auch im Kontext von geruchsintensiven Situationen nutze. Hierbei gingen die Gardners davon aus, dass das Zeichen von Blume als Ersatz für das noch nicht erlernte Zeichen von Geruch gebraucht wurde (vgl. Gardner R.A., Gardner B.T. 1969: 670). Weiterhin zeigte sich der Transfer von Washoes Gebrauch von Zeichen auf unterschiedliche Objekte oder Situationen gleicher Art (vgl. Gardner R.A., Gardner B.T. 1969: 671). So nutzte sie das Zeichen für Blume nicht nur für die von den Gardners gezeigten Blumen, sondern wandte das Zeichen auch für andere Blumenarten an, die sie auffand (vgl. Gardner R.A., Gardner B.T. 1969: 671). Ähnliches zeigt sich in Hinblick auf das Zeichen für öffnen. Die Gardners brachten Washoe dieses Zeichen in Bezug auf drei bestimmte Türen bei. Washoe weitete diesen Begriff später auf alle Türen des Hauses der Gardners aus (Gardner R.A., Gardner B.T. 1975: 247).

5.3. Weiterführende Forschung von Roger Fouts
Das Projekt Washoe unter Leitung der Gardners endete im Oktober 1979, als Roger Fouts mit Washoe zum Institut für Primatenforschung der Universität von Oklahoma ging. Dort erweiterte er seine Forschung, indem er weiteren Schimpansen die ASL beibrachte. Hierzu unterrichtete er u.a. die Schimpansen Booee, Thelma, Bruno und Cindy, die im Forschungs-institut in Oklahoma aufgewachsen sind. In seiner weiteren Forschung war es Fouts wichtig zu zeigen, dass nicht nur Washoe ASL erlernen konnte, sondern weitere Schimpansen dazu fähig waren (vgl. Fouts 1973: 978). Dafür brachte Fouts ihnen zu Anfang zehn unterschiedli-che Zeichen der ASL bei (vgl. Fouts 1973: 978). Bei einem abschließenden Double-Blind-Testverfahren untersuchte Fouts wie gut die Schimpansen die beigebrachten Worte erlernt hatten (vgl. Fouts 1973: 979). Hierbei zeigte sich, dass die Schimpansen unterschiedlich schnell und motiviert lernten. So konnte z.B. der Schimpanse Booee fast 90% der Zeichen richtig einordnen (vgl. Fouts 1973: 979). Die Schimpansin Cindy hingegen schloss am schlechtesten den Test ab, mit einer Erfolgsrate von 26,4% (vgl. Fouts 1973: 979). Für die unterschiedlichen Leistungen machte Fouts die Lernbereitschaft und den Aufbau des Testverfahrens verantwortlich. So hatten Booee und Cindy eine hohe Lernbereitschaft, wohinge-gen Thelma und Bruno wenig Einsatz zeigten (vgl. Fouts 1973: 979). Trotz Cindys hohem Einsatz schnitt sie am schlechtesten ab, was Roger Fouts auf ihre Art und Weise des Lernens zurückführte:
„Thus, some of the differences in the mean acquisition times of the four chimpanzee may have been because of their individual behavior during acquisition. This might also explain Cindy´s poor perfor-mance in the double blind test. In acquisition Cindy thrived on the close attention and praise of the experimenter. However, in the box test the attention and praise were not used.“ (Fouts 1973: 979).
Dass Cindy keine Belohnung durch Aufmerksamkeit erhielt, kann also ein Grund sein, warum sie beim Double-Blind-Test schlecht abschnitt. Doch zeigt die Studie, dass Washoe nicht nur eine Ausnahme war, sondern dass andere Schimpansen ebenfalls in der Lage waren ASL zu verstehen und anzuwenden. Neben der Forschung, ob Schimpansen ASL erlernen konnten, beobachtete Fouts ebenfalls das Nutzen von ASL bei Schimpansen untereinander. So konnte Fouts nachweisen, dass Washoe ihrem Adoptivsohn Loulis mehrere Zeichen von ASL beibrachte (vgl. Fouts et al. 1989: 285). Die Forschergruppe um Roger Fouts verwende-te in der Umgebung von Loulis nur Lautsprache und Gesten. Diese Gesten waren jedoch nicht der ASL zugehörig (vgl. Fouts et al. 1989: 282). Hierbei gab es eine Ausnahme: „(…) (with the exception of seven question signs, WHO, WHAT, WHERE, WHICH, WANT, SIGN and NAME).“ (Fouts et al. 1989: 282) Hierbei zeigte sich, dass Loulis nach 29 Mona-ten 17 Zeichen und nach 63 Monaten 47 Zeichen der ASL beherrschte, die ihm von Washoe beigebracht wurden (vgl. Fouts et al. 1989: 285). Washoe agierte hierbei nicht nur als eine Art Vorbild zum Nachahmen, sondern sie gab von sich aus die Zeichen an Loulis weiter:

„During the first three days that they were together, Washoe often turned toward Loulis, signed COME, approached, and then grasped his arm and retrieved him. During the next five days, she signed COME, and only approached Loulis. Then, after the first eight days, Washoe no longer ap-proached but only signed COME while orienting and looking at Loulis until he responded by coming to her. COME was among the first signs that Loulis came to use.“ (vgl. Fouts et al. 1989: 286)

Im Verlaufe der Forschung zeigte sich, dass Schimpansen auch untereinander die ASL nut-zen. Loulis benutzte nicht nur ASL in Kommunikation mit seiner Adoptivmutter Washoe, sondern auch mit der Schimpansin Moja (vgl. Fouts et al. 1989: 284).

5.4. Zusammenfassung der Forschungsergebnisse der Gardners und Fouts
Zusammen und getrennt haben die Gardners und Roger Fouts über mehrere Jahrzehnte den Spracherwerb bei Schimpansen erforscht. Durch die Forschung an Schimpansen wurden vie-le grundlegende Einblicke in die kognitiven Fähigkeiten gewonnen. Die Primatenforschung half auch der Erforschung des Menschen. Fouts und Fulwiler hatten in Zusammenarbeit mit nicht-sprechenden, autistischen Kindern festgestellt, dass sie mit ASL besser zurechtkamen und sich ausdrücken konnten, sowie nach dem Erlernen von ASL vermehrt die Lautsprache nutzten (vgl. Fulwiler, Fouts 1976: 47).
Die Forschung der Gardners und Fouts zusammengefasst lassen sich drei wissenschaftliche Erkenntnisse feststellen:
1. Schimpansen sind in der Lage, Wörter der Gebärdensprache zu erlernen und spontan sowie der Situation angemessen zu nutzen.
2. Diese Wörter werden als Satzbausteine in verschiedenen Satzvariationen genutzt.
3. Schimpansen benutzen die ASL untereinander unabhängig vom Menschen und geben diese an andere Artgenossen weiter.
Insbesondere Punkt 1 wird im späteren Verlaufe wichtig sein, wenn die Nutzung von ASL bei Schimpansen anhand der von Hockett gelieferten Kriterien für Sprache analysiert wird. Doch vorher soll die Kritik an der Erforschung des Spracherwerbes bei Schimpansen analysiert werden.

5.5. Kritik an den Forschungsergebnissen im Bereich der Sprachforschung bei Schimpansen
Die Forschung zum Spracherwerb bei Schimpansen wird oft als eine Neuauflage des „klugen Hans“ verstanden.
„Der kluge Hans war ein Pferd im frühen 20. Jahrhundert, dessen Halter der festen Auffassung war, dass das Tier rechnen und komplexe Fragen beantworten könne, die es in Hufschlägen kodiere. Eine genauere Untersuchung ergab jedoch, dass das Pferd nur Fragen korrekt beantworten konnte, deren Antwort die fragende Person ebenfalls kannte, und auch dies nur, wenn es die Person sehen konnte – allerdings unabhängig davon, welche Person fragte.“ (Dornenzweig 2015: 160)
Dem klugen Hans ähnlich, wird den Gardners und Fouts vorgeworfen, dass sie durch ihre Interaktion mit den Schimpansen ein gewünschtes Verhalten hervorgerufen haben, ohne, dass die Schimpansen wirklich die Sprache verstanden (vgl. Dornenzweig 2015: 160). Weite-re Kritik kam von Herbert Terrace. Dieser zog selbst einen Schimpansen namens Nim auf und brachte ihm Gebärdensprache bei. Jedoch war die Nutzung von Gebärdensprache kein Zeichen für ein tieferes Sprachverständnis in Bezug auf die Syntax einer Sprache (vgl. Snowdon 1990: 219). Darüber hinaus würde die Anwendung der ASL von den Gardners über-interpretiert werden:
„Terrace criticized the Gardners for overly interpreting the utterances of Washoe. For example, the use of `water bird´ to describe a swan might also refer to `water´ and to `bird´ as separate entities seen together, and not be a neologism for a swan.“ (Snowdon 1990: 219)
Des Weiteren wird kritisiert, dass bei Schimpansen häufig ASL als Antworten auf Fragen ihrer Bezugspersonen verwendet werden und nicht selten repetitiv sind (vgl. Snowdon 1990: 219). Ebenfalls wird angezweifelt, ob das Verständnis von Zeichen bei Schimpansen symbolisch ist, bzw. ein Transfer von einem Zeichen auf mehrere Objekte stattfindet (vgl. Snowdon 1990: 219). Damit ist gemeint, ob z.B. Schimpansen erlernen können, das Zeichen für Tür nicht auf eine bestimmte Tür anzuwenden, sondern andere Objekte als Tür identifizieren können.
In einem Interview äußert Noam Chomsky, ein Vertreter der Nativismus-Theorie, seine Kri-tik zu den Sprachexperimenten mit Schimpansen.:

„Namely, if apes have this fantastic capacity, surely a major component of humans extraordinary biological success (in the technical sense), then how come they haven’t used it?“ (Chomsky, Cucchi-aro 2008)

Weiterhin kritisiert er, dass z.B. der Schimpanse Nim häufig zufällige Zeichenkombinatio-nen der ASL nutzte, um eine Banane als Belohnung zu bekommen (vgl. Chomsky, Cucchiaro 2008). Zusammenfassend werden bei der Kritik an den Sprachexperimenten einerseits die Forschenden sowie die Probanden selbst angezweifelt. Bei den Forschenden wird kritisiert, dass sie durch unzureichende Methodik, wie z.B. die nahe Beziehung von Washoe zu ihren Bezugspersonen die Forschung verfälschen würden (vgl. Dornenzweig 2015: 166). Weiterhin wird den Probanden, also den Schimpansen unterstellt, sie würden wie der „kluge Hans“ agieren. Sie verstehen die Sprache nicht, sondern passen ihr Verhalten an, um Belohnungen zu erhalten. (vgl. Snowdon 1990: 219). Chomskys Kritik hingegen zielt auf den evolutionä-ren Aspekt ab, warum Schimpansen, wenn sie die kognitive Kapazität für die Gebärdenspra-che besitzen, diese nicht in freier Wildbahn nutzen.

5.6. Reflektion der Kritik
Im Folgenden werden die drei Hauptkritikpunkte am Spracherwerb bei Schimpansen reflek-tiert. Begonnen wird mit der Kritik an mangelnder Methodik. Terrace Kritik zielt hierbei darauf ab, dass die nahe Beziehung der Gardners zu Washoe, die produzierten Forschungser-gebnisse verfälscht bzw. von den Gardners zu wohlwollend interpretiert werden. Terrace selbst brachte dem Schimpansen Nim Chimpsky die ASL bei. Hierbei setzte er jedoch im Gegensatz zu den Gardners nicht auf ein familiäres Umfeld wie im Falle von Washoe:
„After many discussions, I persuaded the group to adopt an eclectic policy. Intentional biting, scratching, hitting, breaking, and so on were considered to be unacceptable behavior that had to be punished accordingly. All teachers were asked to confront Nim and provide some kind of punishment for such actions. Those teachers who wanted to join Carol in using the time-out box were free to do so on an experimental basis. Other teachers were encouraged to punish Nim in the manner with which they felt most comfortable.« (Terrace: 59f. zitiert nach Dornenzweig 2015: 165)
Die Behandlung war also eine deutlich andere als die, die Washoe erfahren hat, die nach eigenen Aussagen der Gardners in einem familiären Umfeld aufgezogen wurde (vgl. R.A. Gardner, B.T. Gardner 1969: 666). Daher wird beim Experiment mit Nim, die häufig wech-selnde Zahl an Lehrern kritisiert sowie die fehlende soziale Bindung zu den Laboranten (vgl. Dornenzweig 2015: 164f.). In einer Studie von O’Sullivan and Yeager, die ebenfalls Nim untersuchten, wurde festgestellt, dass er zu einem deutlich verbesserten Sprachverhalten neigte, wenn er sich in einer komfortablen Situation befand (vgl. Snowdon 1990: 219).
Die Kritik von Terrace hält Dornenzweig für ein paradoxes Forschungsverhalten, dass dazu führt, dass Schimpansen niemals als Gebärdensprecher akzeptiert werden:
„Unsere Forderung nach reproduzierbarem individuell-originellem Verhalten scheint nahezu paradox: Ein antwortendes Subjekt, das pünktlich für die Messung von sich aus frei spricht, lässt sich offenbar nicht ohne Weiteres herstellen. Und so wird in diesen Experimenten besonders deutlich, dass hier nicht harte Fakten objektiv beobachtet und neutral beschrieben und schließlich behutsam interpretiert werden, sondern unsere Fragestellungen und Rahmen bestimmte Subjekte und Handlungen überhaupt erst ermöglichen – oder unmöglich machen.“ (Dornenzweig 2015: 164)
Weiterführende Untersuchungen, die nicht nur mit Schimpansen durchgeführt wurden, son-dern u.a. mit Orang-Utans zeigen, dass das soziale Umfeld ein entscheidender Faktor für die korrekte Ausübung von ASL ist (vgl. Snowdon 1990: 219). Generell kann die Kritik von Ter-race aus methodischer Sicht nachvollzogen werden. Eine solche Nähe zu einem Probanden, in dem Fall Washoe, kann dazu führen, dass der eigene Blick getrübt wird. Jedoch wurden über die Zeit der Studie mehrere Double-Blind-Testverfahren durchgeführt, die das Zeichenrepertoire von Washoe und deren komplexere Nutzung belegen (vgl. Gardner R.A., Gardner B.T. 1975: 251). Hierbei kann angezweifelt werden, wie weit das Verständnis von ASL bei Schimpansen reicht, was nicht restlos geklärt werden kann. Trotzdem führt Dornenzweig an, dass es komplexere Gespräche zwischen Nim und anderen Forschenden gab (vgl. Dornen-zweig 2015: 166). Der nächste Vorwurf hinsichtlich des „klugen Hans“-Effekts stimmt da-hingehen, dass die oben genannten Schimpansen Washoe oder Nim teilweise mit instrumen-teller Konditionierung, also mit einem Belohnungssystem in ASL unterrichtet wurden. Je-doch ist hierbei fraglich, ob die spätere Anwendung von ASL im Zusammenhang mit Beloh-nungen steht. Im Beispiel von Washoe und ihrem Adoptivsohn Loulis konnte Washoe keine Belohnung erwarten, dafür dass sie Loulis in ASL unterrichtete bzw. mit ihm kommunizierte. Die aufgezeichneten Berichte von Fouts lassen darauf schließen, dass von Washoe und später Loulis ASL spontan angewandt wurde (vgl. Fouts et al. 1989: 291). Der Vorwurf des „Klugen Hans“-Effekts lässt sich also in einer Forschungssituation ohne Belohnung, wie sie im Falle von Loulis vorkam, nicht halten. Zwar muss darauf hingewiesen werden, dass auch die zuvor genannten Schimpansen Washoe, Booee oder Thelma zwar beim Lernen von ASL Beloh-nungen erhielten, jedoch wie Fouts später berichtet ASL auch untereinander nutzten, also ebenfalls in einer Situation, in der sie keine Belohnung erwarten konnten (vgl. R.S. Fouts, D.H. Fouts 1993: 31). Chomsky stellte in seinem Zitat die Frage, warum Schimpansen in der Natur, also ohne Zuhilfenahme des Menschen, keine Zeichensprache nutzen würden. Die Frage wurde jedoch schon 1968 von Jane Goodall beantwortet. In ihren Aufzeichnungen zum Verhalten von Schimpansen am Gombe-Fluss beschrieb Goodall die Nutzung von Zeichen, um z.B. um Essen zu bitten (vgl. Goodall 1968: 192). Hierbei handelt es sich zwar nicht um eine komplexe Ausführung wie in Form einer Gebärdensprache. Jedoch ist es falsch zu be-haupten, sie würden keine Gesten zur Kommunikation nutzen. Hierbei muss die Unterschei-dung zwischen affektiven Gesten und kontrollierten Gebärden beachtet werden: „As a non-spoken form of communication, gestures allow us to express a certain meaning with our body, which is different from the ineffective action.“ (Shang 2022: 3). Die Bitt-Gesten, die Goodall beschreibt, zeigen, dass es sich nicht um affektive Handlungen, sondern kontrollier-te und zielgerichtete Gebärden handelt.
Weiterhin ist die Frage nach der Nutzung von ASL bei Schimpansen in freier Wildbahn kein Gegenargument gegen ihre kognitive Fähigkeit ASL auszuüben. Fouts beobachtete mit sei-nem Forschungsteam insgesamt 5.200 Konversationen mit ASL bei Schimpansen unterei-nander (vgl. R.S. Fouts, D.H. Fouts 1993: 31).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der „Kluge Hans“-Effekt im Hinblick auf den Spracherwerb von Washoe und anderen Schimpansen wie Loulis nicht haltbar ist. ASL wurde von Schimpansen unabhängig von Belohnung und spontan unter Artgenossen genutzt, wodurch das Argument des „Klugen-Hans“ entkräftigt wurde. In Hinblick auf die Methodik der Forschung soll noch einmal Dornzweigs Kritik an Terrace aufgegriffen werden. Die For-derung ein soziales Wesen wie den Schimpansen oder andere Affen in einem sterilen, wis-senschaftlichen Umfeld zu platzieren und hierbei auf reproduzierbare Ergebnisse zu hoffen, bei schlechter Behandlung der Probanden, ist nicht zielführend. Würde man die Forschungs-situation umdrehen und versuchen menschlichen Kindern ASL so beizubringen, wie es z.B. bei Nim versucht wurde, dann würde vermutlich nicht hinterfragt werden, warum die Resultate zum Spracherwerb schlecht ausfallen.
Ein Kritikpunkt, der noch nicht analysiert wurde, ist wie weit das Verständnis von ASL bei Schimpansen reicht, bzw. ob bei der Nutzung von Sprache geredet werden kann. Diese Frage soll im nächsten Kapitel untersucht werden, auch in Hinblick auf die titelgebende Fragestel-lung, ob die Sprache, das Alleinstellungsmerkmal des Menschen ist.
*
Im vorherigen Kapitel wurden die unterschiedlichen Experimente von den Gardners sowie von Fouts präsentiert. Deren Forschung wurde u.a. anhand der Kritik von Terrace und Chomsky geprüft und reflektiert. Zu der Kritik kann ausgeführt werden, dass sie im Hinblick auf Methodik einen Doppelstandard setzt, wie Dornenzweig es beschreibt. Im Nachfolgen-den wird das in den Experimenten gezeigte Sprachverhalten von Schimpansen anhand von Bühlers und Hocketts Sprachtheorien geprüft.

6. Sprache als Alleinstellungsmerkmal des Menschen

Die zentrale Frage dieser Bachelorarbeit ist, ob Sprache als Alleinstellungsmerkmal des Menschen angesehen werden kann. Dafür wurden in den letzten Kapiteln zuerst erläutert, warum Sprache als Trennlinie zwischen dem Menschen und dem Tier verstanden wurde. Daraufhin wurde auf die Kriterien für Kommunikation und Sprache hingewiesen. Zu guter Letzt wurde anhand des Fallbeispiels der Forschung mit Washoe und weiteren Schimpansen gezeigt, wie Spracherwerb bei Schimpansen aussehen kann. Im Folgenden wird analysiert, ob die Nutzung von ASL bei Schimpansen in den gezeigten Studien als Sprache gewertet werden kann, und wie sich die Forschung von Fouts auf das langgelebte Paradigma ausge-wirkt hat.
6.1. Die Nutzung von ASL bei Schimpansen geprüft anhand von Bühler und Hocketts Sprachtheorien
Um zu prüfen, ob es sich beim Einsatz von ASL bei Schimpansen, um Sprache handelt, wer-den die genannten Kriterien aus Kapitel 4.2 von Bühler und Hockett genutzt. Bühler unter-schied drei Funktionen, die entscheidend für den Einsatz von Sprache sind: Ausdruck-, Dar-stellungs- und Appelfunktion. Bei der Ausdruckfunktion geht es um die Fähigkeit des Spre-chers, seinen eigenen Zustand mitteilen zu können. Die Schimpansin Washoe zeigte in ver-schiedenen Situationen, so zum Beispiel beim Tod ihres zweiten Jungen, einen Zustand von Trauer und nutze auch dazu passende Zeichen, die ihren Trauerzustand ausdrückten (vgl. Fouts et al. 1989: 282). Die Darstellungsfunktion bezieht sich darauf, dass externe Gegen-stände beschrieben werden können. Washoe zeigte schon in ihren ersten Jahren bei den Gardners, dass sie andere Gegenstände benennen und beschreiben kann. Hierbei konnte sie die Transferleistung erbringen, dass z.B. der Ausdruck für Blume nicht nur für die ihr speziell gezeigte Blume angewendet werden kann (vgl. Gardner R.A., Gardner B.T. 1969: 671). An-dere Individuen zu einer Handlung aufzufordern, wird bei Bühler als Appelfunktion bezeich-net. Hierbei zeigte Washoe und auch andere Schimpansen, dass sie in Kontakt mit Menschen, aber auch untereinander ASL zum Auffordern benutzen (vgl. Gardner R.A., Gardner B.T. 1969: 671; vgl. Fouts et al. 1989: 284). Anhand von Bühlers Kriterien können Schim-pansen Sprache beherrschen. Dabei muss aber gesagt werden, dass Bühler Sprache in erster Linie als Werkzeug zur Kommunikation betrachtet und weniger auf die Feinheiten von Spra-che eingeht und was diese auszeichnet. Daher werden Bühlers Kriterien für Sprache mit de-nen von Hockett erweitert. Hockett fügte als Bedingungen für Sprache hinzu, dass sie bedeutungshaltig sein müsse. Also Wörter bzw. Zeichen müssen als Symbol für real existierende Objekte oder Sachverhalte stehen. Dieses Kriterium wird erfüllt, da die Schimpansen in un-terschiedlichen Versuchen gezeigt haben, dass sie die Zeichen einem Objekt oder Sachver-halt korrekt zuordnen können (vgl. Fouts, McKenna 2011: 21; vgl. Fouts 1973: 979). Als weiteres Kriterium nennt Hockett die „Losgelöstheit vom Ereignis“. Hierbei muss vom Spre-cher über Objekte oder Sachverhalte gesprochen werden ohne deren Anwesenheit. Bei Fouts, aber auch im Projekt von Nim bei Terrace, wurde gezeigt, dass Schimpansen einerseits nach Gegenständen fragen können, wie z.B. einem Getränk, aber auch nach Handlungen, wie das Bitten darum gekitzelt zu werden (vgl. Fouts et al. 1989: 282; vgl. Dornenzweig 2015: 165). Jedoch ist dabei nicht ersichtlich, ob die Worte auch in einem hypothetischen Kontext ange-wendet wurden oder nur im Kontext des direktes Wollen eines Getränks aufgrund von Durst. Dieser Punkt bleibt also nur zu einem gewissen Maße erfüllt. Das weitere Kriterium der „Willkürlichkeit der Einheiten“ ist ein Kritikpunkt für Gebärdensprachen im Allgemeinen. Denn in der ASL haben viele Zeichen einen Bezugspunkt zu dem Objekt, das sie darstellen: „(…) so ist das Wort für ›Affe‹ in Amerikanischer Zeichensprache etwa eine stereotype Ges-te des Kratzens unter den Armen mit beiden Händen (…)“ (Dornenzweig 2015: 156). Jedoch kann dies als Konsequenz der unterschiedlichen Übertragungswege von Lautsprache und Gebärdensprache gewertet werden und stellt indes kein relevantes Kriterium für unsere Fra-gestellung dar, da es sich nicht auf die eigentliche Fähigkeit zur Sprache bezieht. Da die Schimpansen bei der ASL unterschiedliche und abgrenzbare Gesten nutzen, erfüllen sie das Kriterium der „Diskretheit“. Ein weiterer Streitpunkt ist die „Produktivität“. Denn die ASL selbst kann durch Zeichenkombinationen neue Ausdrücke hervorbringen, doch wird dies von Schimpansen genutzt? Die Diskussion kam im Verlaufe der Arbeit schon einmal auf. So kri-tisierte Terrace die Interpretation, dass Washoes Kombination der Zeichen von Wasser und Vogel sich auf einen Schwan auf einem nahegelegenen See bezogen haben soll (vgl. Dor-nenzweig 2016: 161). Hierbei kann nicht restlos nachvollzogen werden, wie weit das Ver-ständnis von Schimpansen in Bezug auf kombinierbare Satzstücke reicht. Wie in Abb. 2 aus Kapitel 5.2 zu sehen, konnten die Gardners bei Washoe verschiedene Kombinationen von Worten aus unterschiedlichen Kategorien feststellen. Jedoch ist nicht mit absoluter Sicher-heit zu sagen, wie die Wortkombinationen von den Schimpansen zu verstehen sind. Die von Hockett geforderte „Wiederholung“ wird von Schimpansen nicht erfüllt. Sie können zwar Wortkombinationen bilden, jedoch spricht auch Fouts an, dass ihnen anscheinend die Fähig-keit fehlt Sätze umzubauen und neu zu kombinieren (vgl. Fouts 1974: 480). Auch das letzte Kriterium für den Spracherwerb erfüllen Schimpansen nicht. Bei der „Rekursion“ wird als Zeichen des Sprachverständnis gefordert, dass Relativsätze gebildet werden können. Einen Nachweis für die Nutzung eines Relativsatzes bei Schimpansen konnten weder die Gardners noch Fouts erbringen.
Anhand der Kriterien von Hockett wären die Schimpansen der Sprache nicht bzw. nur unzureichend mächtig. Jedoch zeichnet sich hierbei eine Definitionsproblem ab, denn Hocketts Sprachtheorie ist nur eine von vielen. Fiehler kategorisierte Sprachtheorien wie folgt:

„(1) Sprache als Mittel (oder Werkzeug) der Verständigung
(2) Sprache als Zeichensystem
(3) Sprache als System von Regeln/Konventionen
(4) Sprache als Instrument des Denkens und der Erkenntnis der Wirklichkeit
(5) Sprache als Mittel der Fixierung und Tradierung von Wissen
(6) Sprache als Organismus
(7) Sprache als (potentiell) unendliche Menge von Sätzen“ (Fiehler 1990: 112)

Hierbei finden wir Aspekte von Bühler und Hockett wieder. Während Bühlers Theorie in die erste Kategorie gehört, kombiniert Hockett Aspekte von Kategorie (3) und (7). Schimpansen könnten mit bekannten Ergebnissen unter Kategorie (1) und (2) fallen. Die Versuche der Gardners und Fouts zeigten, dass Schimpansen die ASL als Werkzeug zur Verständigung nutzten und das dahinterliegende Zeichensystem verstanden und zuordnen konnten. Jedoch sind die derzeitig vorliegenden Erkenntnisse zum Spracherwerb unzureichend, um sie in die komplexeren Kategorien einzuordnen. Dementsprechend kann die Frage nach dem Spracherwerb bei Schimpansen nie umfassend geklärt werden, da es immer darauf ankommt, an welchen Sprachtheorien das Sprachverständnis gemessen wird.

6.2. Sprache als Alleinstellungsmerkmal des Menschen
Das vorherige Kapitel hat gezeigt, dass nicht klar eingeordnet werden kann, ob Schimpansen Sprache erwerben können. Fiehlers Kategorisierung zeigt, dass der Begriff Sprache ein brei-tes Feld an unterschiedlichen Definitionen und Funktionen abdeckt. Werden Fiehlers Kate-gorien als ein Sinnbild steigender Komplexität von Sprache betrachtet, dann kann davon ausgegangen werden, dass Schimpansen zu rudimentären Formen von Sprache fähig sind. So haben eine Vielzahl von Experimenten gezeigt, dass sie Gebärdensprache zur Kommunikation nutzen können und die dahinterliegenden Symboliken und Zeichen verstehen. Insbesonde-re Fouts Forschung zeigte, dass Schimpansen Gebärden nicht nur responsiv zu Forschungs-personal geben können, sondern auch untereinander als Kommunikationsmittel einsetzen können. Weiterhin zeigen Untersuchungen in Hinblick auf Terrace, dass in 20.000 Äußerungen vom Schimpansen Nim eine Tendenz zu grammatikalischer Sensibilität festgestellt wurde (vgl. Dornenzweig 2015: 166).
Die Frage nach der Sprache als Alleinstellungsmerkmal des Menschen ist keine klar zu be-antwortende Frage. Dafür ist eine zu große Bandbreite an Sprachtheorien vorhanden, die hinsichtlich dieser Frage zu unterschiedlichsten Ergebnissen führen würden. Daher ist ein Kompromiss angebracht: Schimpansen können menschliche Sprache in Form von Gebärden erlernen, der Mensch jedoch besitzt die Fähigkeit Sprache in einer komplexeren Form anzuwenden.

Im folgenden Kapitel wird betrachtet, wie sich dieser Kompromiss auf das übergeordnete Paradigma der Sprache als Trennlinie zwischen dem Menschen und dem Tier auswirkt.

7. Sprache als Trennlinie der Mensch-Tier-Beziehung

In Kapitel 4 dieser Bachelorarbeit wurde gezeigt, warum Sprache in Philosophie und Linguistik häufig als dem Menschen vorbehalten galt. Jedoch wurden auch die damit verbundenen Konsequenzen beleuchtet. Denn mit dem Anspruch zur Sprache wurde auch der Anspruch zum Denken verbunden. Wer nicht sprechen kann, der kann auch nicht denken. Daher ver-kamen Tiere in philosophischen Betrachtungen immer mehr zu Lebewesen niederer Art, die mit dem Menschen nichts gemein haben. Den Höhepunkt einer anthropozentrischen Sicht-weise stellte hierbei Descartes dar, für den Tiere nicht mehr als leblose Maschinen waren, die der Mensch sich zu eigen macht (vgl. Chimaira Arbeitskreis 2011: 10). Insbesondere ge-gen diese cartesianischen Ansichten versucht Roger Fouts vorzugehen. In seinem Werk „Unsere nächsten Verwandten. Von Schimpansen lernen, was es heißt, ein Mensch zu sein“, wi-derspricht Fouts der cartesianischen Vorstellung, nur der Mensch beherrsche die Sprache. (vgl. Fouts, Mills 1998: 122)
In vorherigen Kapiteln wurde sich intensiv mit den Forschungen von Fouts bzw. den Gardners auseinandergesetzt. Daher wird im Folgendem beurteilt, ob sich das Paradigma der Sprache als Trennlinie zwischen dem Menschen und dem Tier noch halten lässt. Dafür wird zuerst dargestellt, warum dieses Paradigma selbst fragwürdig ist und in Bezug auf die Mensch-Tier-Beziehung einen anthropozentrischen Standpunkt darstellt. Danach soll mit Zuhilfenahme der Forschung von Roger Fouts und anderen Forschern gezeigt werden, dass sich das Paradigma selbst nicht mehr wissenschaftlich verteidigen lässt.

7.1. Sprache als Trennlinie der Mensch-Tier-Beziehung:

Ein fragwürdiges Paradigma, das den Menschen hervorhebt und Tiere herabwürdigt.
Das 4. Kapitel dieser Bachelorarbeit zeigt, wie Sprache als Trennlinie in der Mensch-Tier-Beziehung gezogen wurde. Nochmal zusammenfassend gilt nur der Mensch nach diesem Paradigma als sprachfähig. Die Sprachfähigkeit wird als Beweis seines überlegenen Denkens und Daseins gewertet und stellt Tiere auf eine niedrigere Stufe. Die Auswirkungen dieses Paradigmas für Tiere sind, dass sie von den Menschen ge- und benutzt werden können, wie es ihnen beliebt. Tiere sind nur im anthropozentrischen Sinne von Nutzen für den Menschen. Das Paradigma in diesem Falle ist vielmehr ein Stigma, welches den Menschen zur unwürdi-gen Behandlung von Tieren berechtigt. Im Folgenden soll die Grundhaltung dieses Paradigmas beurteilt werden.
Zunächst ist die Vorstellung vom Menschen als einziges sprachfähiges Wesen eine rein anth-ropozentrische Sichtweise. Wie Dornenzweig in Kapitel 4.2 schon zitiert wurde:

„1.) Was nichtmenschliche Tiere unter sich an Artikulationen betreiben, ist keine Sprache; und 2.) ›richtige‹, d. h. hier mit unhinterfragter Selbstverständlichkeit: menschliche Sprache können nicht-menschliche Tiere nicht erlernen.“ (Dornenzweig 2015: 151)

Die Kommunikationsformen von Tieren werden grundsätzlich nicht als Sprache anerkannt. Bei gewissen Kommunikationsformen, wie Pheromon-Übertragung, mag dies auch ange-bracht sein, da es sich um chemische Verarbeitungsprozesse handelt. Jedoch wurde in ver-schiedenen Studien gezeigt, dass nicht nur Menschen eine lautsprachliche Kommunikations-form besitzen. Untersuchungen an Chickadees, einer nordamerikanischen Vogelart zeigte, dass ihr Vogelgesang klaren Regeln folgt, die als Grammatik bezeichnet werden können (vgl. Snowdon 1990: 220). Weitere ähnliche Untersuchungen finden sich zum Rotbauch-Springaffen, Lisztaffen und weiteren Tierarten (vgl. Snowdon 1990: 220f.). Diese verschie-denen und ebenfalls komplexen Kommunikationsformen werden jedoch nicht vom Men-schen anerkannt, obwohl sie sich mit menschlicher Sprache vergleichen lassen. Hieran zeigt sich die anthropozentrische Herangehensweise des Menschen, der andere lautsprachliche Kommunikation von vornerein nicht als Sprache anerkennt, da sie nicht von ihm selbst stammt.

Ein weiteres Problem, welches das obere Paradigma mit sich bringt, sind implizite Konse-quenzen für den Menschen selbst. Denn wird der Annahme gefolgt, dass nur Sprache zum Denken befähigt und Wesen ohne Sprache bzw. Denken weniger wert sind, wie sollten dann Menschen behandelt werden, die nicht sprechen können? Diese mit heutiger Moral kaum konsequent zu beantwortende Frage, greift Anne Burkhard in ähnlicher Weise auf. Burkhard zeigt die Problemstellung auf, die Ungleichbehandlung von Tieren zu unterstützen ohne als ein tragendes Argument die Zugehörigkeit zur Spezies Homo Sapiens anzuführen. Hierbei geht sie auf Argumentationsformen ein, die versuchen, Menschen eine besondere Eigen-schaft zuzuschreiben, die den höheren Status von Menschen rechtfertigt. Hierbei führt Burk-hard die Begriffe der „Inklusionsanforderung“ (Burkhard 2014: 162) sowie des „Exklusivi-tätsausschlusses“ (Burkhard 2014: 162) ein. Mit Inklusionsanforderung ist gemeint, dass es keine Eigenschaft gibt, die gleichermaßen auf alle Menschen zutrifft. Hingegen gibt es keine Eigenschaft, die so breit gefasst ist beim Menschen, dass sie nicht auch auf Tiere zutrifft, womit das Kriterium des Exklusivitätsausschlusses nicht erfüllt wird (vgl. Burkhard: 162). Die Sprache kann ebenfalls nicht als ausschließliche Fähigkeit des Menschen aufgefasst werden. Weder kann jeder Mensch gleichermaßen sich sprachlich ausdrücken, noch kann die Sprache je weiter ihre Definition gefasst wird nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Tie-re zutreffen. Konsequenterweise müssten Menschen ohne Sprachvermögen, die Fähigkeit zum Denken abgesprochen werden und damit verbundene Rechte. Aus moralischen Gründen würde heutzutage keiner mehr dafür argumentieren, es zeigt jedoch, dass der Mensch einen Doppelstandard pflegt. Konsequenterweise müsste daraus folgen, dass der Mensch ebenfalls nicht das Recht hat, Tiere zu unterdrücken, da sie zu rudimentären Formen der Sprache fähig sind und der oben genannten Logik nach, sogar mehr privilegiert sein müssten als ein Teil der Menschheit.
An den genannten Kritikpunkten lassen sich zwei Hauptkriterien festhalten, die den Men-schen dazu treiben, weiter an diesem Paradigma festzuhalten. Denn, wenn der Mensch einge-steht, dass nicht nur er der Sprache fähig ist, dann:

1. Verliert er seine Sonderstellung, die er sich selbst gegeben hat und hebt sich nicht mehr unter den Tieren hervor und kann sich nicht von diesen abgrenzen.
2. Müsste er eingestehen, die Emotionen und Rechte von Tieren genauso zu wahren, wie er es bei seinen Artgenossen fordert.

Insbesondere bezogen auf den zweiten Punkt wird die innige Beziehung von Roger Fouts zu Washoe deutlich. Bei der Übersiedlung nach Oklahoma an ein neues Institut, beschreibt er wie die eigenen Vorstellungen auf ein angemessenes Heim für Washoe zerschmettert wur-den. Anstatt der familiären Umgebung, die die Gardners Washoe boten, wurde sie in Oklahoma in einen Käfig gesperrt (vgl. Fouts, Mills 1998: 152). Fouts, der sich diesen Ent-wicklungen gegenüber machtlos fühlt, merkt, wie die brutale Realität für wissenschaftliche Versuchstiere aussieht: „Die meisten der erwachsenen Schimpansen waren ihr Leben lang eingesperrt, geschlagen und erniedrigt worden (…)“ (Fouts, Mills 1998: 161)
Wird seine Beziehung zu Washoe betrachtet, dann hat er Washoe nicht nur als Haustier be-trachtet, sondern als Freundin, die sein Leben begleitet hat. Die Vorstellung für ihn, Washoe in einen Käfig leben zu lassen, war genauso schlimm für ihn, als würde er dies einem Menschen antun müssen. Dornenzweig beschreibt in weiteren Fällen, wie es tierischen Probanden von Sprachforschungen, beispielsweise dem Orang-Utan Chantek nach der Forschung erging: „Der Orang-Utan Chantek endete nach Abschluss seiner Versuchsreihe zunächst jahrelang isoliert von anderen Lebewesen in einem 5x5m-Käfig in Yerkes und schließlich in einem Zoo.“ (Dornenzweig 2015: 158). Würde dem Paradigma folgend, die Sprache bei Tieren an-erkannt werden, so müsste der Mensch sich verantworten, warum er andere Lebewesen so schlecht behandelt.

Insgesamt zeigt uns das Paradigma, der Sprache als Trennlinie zwischen dem Menschen und dem Tier, die anthropozentrische Verhaltensweise des Menschen. Dieser ist nicht bereit Tieren ähnliche Eigenschaften und damit einhergehende moralische Stellung einzugestehen, da er sonst seine eigene Handlung hinterfragen müsste.

7.2. Warum das Paradigma der Sprache als Trennlinie der Tier-Mensch-Beziehung wissenschaftlich nicht haltbar ist
In den vorherigen Kapiteln wurden die evolutionären Gemeinsamkeiten von dem Menschen und dem Tier beschrieben und die Forschung des Spracherwerbs bei Schimpansen dokumen-tiert. Nachfolgend sollen diese Ergebnisse genutzt werden, um das Paradigma der Sprache als Trennlinie der Mensch-Tier-Beziehung wissenschaftlich zu widerlegen.
Hierzu wird zuerst die Forschung zum Spracherwerb bei Schimpansen reflektiert. Die Forschung der Gardners sowie von Fouts haben das vorhandene Sprachverständnis von Schim-pansen gezeigt. Auch wenn der Mensch wie in Kapitel 6.2. beschrieben, ein komplexeres Sprachvermögen besitzt, so ist der Schimpanse dennoch in der Lage Gebärdensprache als Kommunikationsmittel zu nutzen. Dementsprechend ist Sprache kein Alleinstellungsmerk-mal des Menschen und kann nicht als Argumentation für das Paradigma genutzt werden. Belege für diese Behauptung finden sich nicht nur in den Experimenten von Fouts, sondern in biologischen Erkenntnissen zur evolutionären Nähe vom Menschen zu anderen Tieren wie den Schimpansen.
Wie in Kapitel 2.3 gezeigt, konnte Darwin ebenfalls Gemeinsamkeiten in den Gefühlsaus-drücken von Menschen und Tieren erkennen (vgl. Darwin 1872: 362). Für Darwin war es damals ein Beweis für die Verwandtschaft vom Menschen zu anderen Tierarten (vgl. Darwin 1872: 367). Modernere Forschungsmethoden erlauben es uns, diesbezüglich deutlich klarere Aussagen zu treffen. So sind Wirbeltiertiere sich sehr ähnlich und besitzen einen gleichen Aufbauplan, der sich evolutionär vor 600-400 Millionen Jahren bildete (vgl. Kotrschal 2012: 58). Das bedeutet, Menschen und Tiere besitzen auch ähnliche Fertigkeiten. Dies erklärt, warum es Schimpansen rudimentär möglich ist, die Gebärdensprache ASL zu erlernen. Sie verfügen wie der Mensch über einen ähnlichen Aufbau ihres Gehirns und damit über ver-gleichbare kognitive Fähigkeiten. Darüber hinaus wirkt sich der ähnliche Gehirnaufbau nicht nur auf die kognitiven Fähigkeiten und Möglichkeiten aus, sondern auch auf die damit ein-hergehenden sozialen Anpassungen. Menschen sowie Tiere erlernen auf fast dieselbe Art und Weise ihr Sozialverhalten durch Imitation und Synchronisationen. Diese Fähigkeiten erlau-ben es Lebewesen sich in ihr Sozialgefüge einzufinden und notwendige Fähigkeiten zu erlernen:
„Allein um den Gruppenzusammenhalt zu gewährleisten, sind Synchronisationsmechanismen nötig. Synchronie über »emotionale Ansteckung« könnte durch Spiegelneurone vermittelt werden (Rizzolat-ti u. Craighero, 2004; Rizzolatti u. Sinigalia, 2007), die aber auch die Imitation von Handlungen anderer erlauben und darüber hinaus dazu befähigen, die Ansichten anderer zu erkennen bzw. empa-thisch sein zu können (de Waal, 2008a, 2008b; Gallese et al., 2004; Ramachandran, 2008).“ (Kotr-schal 2012: 59)
Die biologischen Erkenntnisse hierzu liefern nicht nur Erklärungen für die Ergebnisse von Fouts oder den Gardners, sondern sie veranschaulichen die gemeinsame stammesgeschichtliche Entwicklung, die alle Tiere teilen. Die Biologie vermittelt den Menschen nicht in eine Sonderstellung, sondern klassifiziert ihn wie Schimpansen in die Familie der Hominiden, der Menschenaffen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die weiterführende Forschung von Roger Fouts eindrückliche Erkenntnisse zum Spracherwerb bei Schimpansen geliefert hat. Seine For-schungsergebnisse brachten das Paradigma der Sprache als Trennlinie der Mensch-Tier-Beziehung ins Wanken, da sie zeigten, dass nicht nur der Mensch zur Sprache fähig ist. Wei-terhin wurde seine Forschung in den letzten Jahrzehnten durch Erkenntnisse aus der Biologie zunehmend untermauert.

8. Rezeption des Paradigmas und die Möglichkeit einer kommunikativen Annäherung vom Menschen zum Tier

In der Bachelorarbeit wurde beschrieben, wie Sprache in der Philosophie und Linguistik lan-ge als Trennlinie zwischen dem Menschen und dem Tier galt. Über die Jahrhunderte baute sich dieses Paradigma auf, welches zu einer Herabsetzung von Tieren führte. Dieses Para-digma geriet durch die anfängliche Forschung der Gardners und weiterführend von Roger Fouts ins Wanken. Besonders Fouts Forschung zeigte das weitreichende Sprachverständnis von Schimpansen und sprach dem vorherrschenden Paradigma seine Legitimation ab. Auch wenn der Mensch ein ausgeprägteres Sprachverständnis als der Schimpanse hat, so nimmt er aufgrund dessen nicht mehr die ihm zugewiesene Sonderstellung ein. Biologische Erkennt-nisse unterstützen Fouts Annahme, dass die Sprachfähigkeit nicht nur Menschen obliegt. Der Mensch ist dementsprechend nicht mehr die Krönung der Schöpfung, sondern wird an seinen Platz verwiesen nämlich den in die Nähe der Tiere, zu denen er gehört.
Die Abhandlung dieses Themas hat die anthropozentrische Sichtweise des Menschen heraus-gestellt. Dieser erkennt häufig nur die eigene Sprache als die Richtige an und vergleichbare Kommunikationsformen von Tieren werden ignoriert oder als falsch klassifiziert. Richtig wäre es zu sagen, dass der Mensch eine von vielen Sprachformen besitzt und nicht die eine wahre Sprache. Doch dann müsste er gleichzeitig die Kommunikation anderer Tiere würdi-gen und auf ihre Bedürfnisse eingehen und diese akzeptieren. Fouts und Dornenzweigs Anekdoten zur Haltung von tierischen Probanden zeigen, dass der Mensch sich allzu gerne ignorant gegenüber den Wünschen und Nöten seiner Mitlebewesen zeigt, auch wenn diese es ihm kommunizieren können. Positiv hervorgehoben werden kann, dass die Gardners sich mit Gebärdensprache, für ein dem Schimpansen mögliches Kommunikationsmedium entschie-den haben. Die Sprachversuche von Heyes haben erwiesen, dass Schimpansen einfach nicht die notwendigen Stimmbänder etc. haben, um Wörter zu artikulieren. Dahingehen ist die Änderung des Mediums von Lautsprache zu Gebärdensprache, eine erste Annäherung vom Menschen zum Tier. Eine Neuausrichtung dieses Paradigmas in Hinblick auf ein gemein-schaftliches und gleich wertgeschätztes Leben von Menschen und Tieren, scheint jedoch fern zu sein. Die Projekte von Fouts und anderen Verhaltensforschern zeigen zwar, dass die Be-ziehung zwischen Menschen und Tieren sich mit dem Aufkommen neuer Kommunikations- und Verständigungsmöglichkeiten vertieft, jedoch wird diese Form der Forschung häufig nicht mehr gefördert (vgl. Dornenzweig 2015: 166f.). Der gute Wille, sich ein passendes Kommunikationsmedium für Tier und Mensch zu suchen, muss fortgesetzt werden, bzw. müssen die schon vorhandenen Mittel genutzt werden. Der Mensch ist evolutionär bedingt in der Lage Emotionen und Gefühle bei Tieren nachzuvollziehen. Statt nur auf ihn zugeschnit-tene Kommunikationsmöglichkeiten wie Laut- und Gebärdensprache zu nutzen, muss er sich auf die unterschiedlichen Kommunikationsarten von Tieren einlassen. Einen Ausdruck von Schmerz oder Freude können Menschen bei vielen Tieren intuitiv deuten, trotzdem werden auf solche Mitteilungen nicht reagiert, da sie im Auge des Menschen zu rudimentär sind.
Zusammenfassend haben die Sprachexperimente von Fouts und anderen Forschern das Para-digma der Sprache als Trennlinie in der Mensch-Tier-Beziehung die wissenschaftliche Legi-timation genommen. Weiterhin sind die Grundbedingungen dieses Paradigmas anthropozent-rischer Natur gewesen. Als Konsequenz der Forschungserkenntnisse muss das Paradigma überdacht werden. Der Mensch kann zwar nicht mit jedem Tier im beidseitigen, verständli-chen Austausch kommunizieren, doch kann er die unterschiedlichen Äußerungsmöglichkei-ten anderer Tiere anerkennen und respektieren.


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