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Tim Smedley, Die Grosse Trockenheit – Hitze, Dürre, Wassernot, München 2023

Wer einem Menschen düstere Prognosen vermitteln möchte, dem sei das Buch „Die Grosse Trockenheit“ von Tim Smedley als Weihnachtsgeschenk empfohlen. Zumindest die erste Hälfte des Buches deprimiert, denn auf diesen rund 260 Seiten stellt der Autor die Klimaverwerfungen der Menschheit, die zu Dürre, Trockenheit und Wassermangel führt, detailliert an konkreten Beispielen dar. Anders als viele Modeklimawarner, deren Bücher meist nur ein „man sollte“, „hätte“ oder „könnte“ enthalten, stellt Smedley auf den über 200 Seiten seines Buches konkrete Maßnahmen dar, die er an Orten, die er aufgesucht hatte, verfolgte.
Vorweg, selten hat ein Buch so beeindruckt, einmal ob der vielen anschaulichen Darstellungen, zum andern auch wegen der gekonnt journalistischen Schreibweise, die niemals belehrend wirkt, eher nachdenklich stimmt, doch leider auch wenig hoffnungsfroh. Smedley ist Realist, der weiß, dass der Widerspruch von grüner und grauer Infrastruktur in Zukunft nicht einseitig entschieden werden kann. Die graue Infrastruktur beschreibt die menschlichen Bemühungen, Wasser zu speichern, zu kanalisieren und jederzeit zugänglich zu machen. Diese Infrastruktur scheiterte, wie er u.a. am Beispiel des Lake Mead erläuterte. Gespeichertes Wasser läßt Quellen, Flüsse und Bäche versiegen, gespeichertes Wasser verdunstet, zudem sind Strau-Anlagen oftmals alt und wegen Lecks reparaturbedürftig. Hauptverantwortlich für den zunehmenden Wassermangel ist nach seiner Ansicht die intensive Landwirtschaft. Er geht an vielen Beispielen auf diese Problematik ein, beginnt jedoch mit dem Beispiel Kapstadts Ende 2017 und dem Begriff Day Zero. Day Zero bedeutet, dass der Stadt kein Wasser mehr zur Verfügung steht, Wasser nur über Notbrunnen erhältlich ist.

Eine Bekannte  von mir (D. Baer) arbeitete in jenem Jahr in Kapstadt und berichtete uns später von den konkreten administrativen und zivilgesellschaftlichen Mühen aber auch sozialen und ökologischen Folgewirkungen der Wassernot. Der Day Zero dauerte in Kapstadt glücklicherweise nicht lange, da letztendlich dann doch der lang ersehnte Regen noch einsetzte und die Situation wieder entschärfte. Aber die sozialen und gesundheitlichen Probleme, mit denen die Bevölkerung in Kapstadt sehr schnell zu kämpfen hatte sind im Gedächtnis der Stadt seither sehr präsent.

In diesem Jahr erfährt nun Uruguay den gleichen Wassernotstand wie damals Kapstadt, wobei es sich hier eher um einen Week- bzw. Month Zero handelt.
Smedley bereiste Amerika, Asien, Israel, Jordanien und Afrika und berichtet von den dort elbst beobachteten diversen Erscheinungen des Wassermangels. Die Problematik ist da, aber anscheinend nicht publik! „Weltweit gesehen hat der Wasserstress seit 2015 zugenommen…Wenn es so weitergeht wie bisher, werden Schätzungen von UNICEF und der WHO zufolge 2030 immer noch 1,6 Milliarden Menschen ohne sicheren Zugang zu Trinkwasser dastehen. Erhält dieses Thema bei den jährlichen Weltklimakonferenzen genügend Aufmerksamkeit? Im Übereinkommen von Paris (2015) und auch im Entwurf zur Ab-schlusserklärung für den 26. Klimagipfel in Glasgow wird Wasser nicht einmal er-wähnt.“
Welche Lösungen stellt Smedley vor? Jeder dieser unten aufgezählten Lösungsvor-schläge wird beispielhaft erklärt, doch keine Lösung kann eine Allgemeingültigkeit beanspruchen. Es gilt jedoch der Grundsatz: Zurück zur Natur! Immer wieder erwähnt der Autor die Wichtigkeit vom Wasserreservoir des Bodens, eine Quelle, die wir zu-nehmend durch Technik verdrängt haben. Hier nun die konkrete Auflistung der Lösungsvorschläge:

  • Regenerative Agrikultur.
    Er beschreibt die Vorzüge der Direktsaat, die den Boden schont, aber nicht stets anwendbar ist.
    2. Gezielte Anreicherung des Grundwassers.
    Es gibt diverse diesbezügliche Methoden wie Überflutungstechniken über die Filterung von Sanddünen oder umgedrehte Brunnen, über die Wasser zurück in die Bodenschichten gepumpt wird. Smedley beschreibt sogenannte Versickerungs-städte und nennt China als Vorbild. In Singapur wurden Regengärten als Rückhaltesysteme errichtet.
    3. Hydropanels.
    Über Photovoltaik werden 80 – Watt – Ventilatoren angetrieben, die Luft wird innerhalb von Solarthemieflächen aufgeheizt, damit sie von draussen eingesogen wird und kälter ist, was zur Kondensation führt. Mehrere Videos auf YouTube er-klären dieses Verfahren . Durch den Klimawandel wird der Wasserdampf in der Luft zunehmen, was mit ähnlichen technischen Verfahren (Wasser-aus – der –Luft –Technologie) genutzt werden kann.
    4. Trinkwasser aus Abwasser – Modell der Kreislaufwirtschaft
    Smedley führt Singapur und Peru als Beispiele an. Das Projekt in Singapur bekam die Bezeichnung NEWWater.
    5. Entsalzungsanlagen
    Diese Technologie dürfte nur für den Notfall geeignet sein, denn die rückständigen Salze müssen entsorgt werden, was zu weiteren Umweltproblemen führt. Smedley erläutert ausführlich die negativen Auswirkungen, doch sieht er es als eine pragmatische Notfalllösung für Situationen wie den Day Zero an.
    6. Tiefseebohrungen an Süßwasserbeständen
    ( Offshore-Grundwasser-Gewinnung). Um an die gewaltigen Süßwasserbestände unter dem Meeresboden zu gelangen, werden sehr kostspielige und umweltschädigende Bohrungen benötigt. Zitat: „Es handelt sich also wieder einmal um eine kurzfristige Lösung statt um einen nachhaltigen Ansatz.“
    7. Wolkenimpfung
    Mehr als 50 Länder führen weltweit Wolkenimpfungen durch, indem sie mit Silberiodid oder Kaliumchlorid Wolken besprühen. Diese Moleküle dienen als Kondensationskerne, an denen sich Wassertropfen anlagern und verfrüht als Regen zu Bo-den fallen.
    8. Vergabe von Mikrokrediten für Wasserzugang und Latrinen
    Smedley beschreibt, wie die Organisation Water.org (mit Matt Damon) in Armut lebenden Menschen des Südens der Erde Zugang zu Mitteln für die private Was-ser- und Sanitärversorgung verschafft. Die vergebenen Mikrokredite sind bezahl-bar und ermöglichen eine Wasserversorgung im Gegensatz zu Krediten von Finanzorganisationen.
    9. Abgestufte Preisstruktur
    Israel und Singapur erhöhen die Wasserpreise ab einer bestimmten Verbrauchs-höhe, Singapur führte eine Wasserschutzsteuer ein. Hierbei sei erwähnt, dass Smedley weltweit die Politik als Hauptschuldigen für die Wasserproblematik ausmacht. Vom Lobbyismus manipuliert und beeinflußt werden notwendige Maßnahmen nicht oder zu spät ergriffen. Positive politische Handlungsweisen verdienen auch deshalb Erwähnung, weil sie zumindest in Demokratien Alternativen für Basisforderungen aufzeigen.
    10. AWS-Zertifizierung
    Eine Zertifizierung für Unternehmen nach folgenden Kriterien:
    a) Ermittlung und Analyse des eigenen Wasserverbrauchs
    b) Aufstellung eines verpflichtenden Plans zur Wasserreduzierung
    c) Umsetzung dieses Plans
    d) Evaluierung des Plans
    e) offene Kommunikation des Prozesses
    11. Wasserlabels zur Kundeninformation
    Verbraucherinformation über den Wasserfußabdruck des Produkts. Sinnvoll für Haushaltsgeräte und Armaturen, aber auch für Lebensmittel. Solch ein Wasser-fußabdruck liest sich faszinierend, weil überraschende Ergebnisse zum Vorschein kommen. Jeder Mensch kann Informationen einholen über Produkte, die den Wasserverbrauch schonen oder verschwenden. Der Autor bemerkt, dass der Konsument vom Wassermangel in bestimmten Gebieten deshalb nichts spürt, weil die Produkte durch die Globalisierung von anderen Orten her importiert werden, was langfristig katastrophale Auswirkungen hat.
    12. High – Tec – Lösungen
    … wie wasserlose Toiletten, smarte Geräte, pay-per-use-Angebote, Wasserregulierungssysteme, Kreislaufduschen usw. Interessant sind die schattenspendenden Solarpanelen über Wasserkanälen in Indien.
    13. Regenwassernutzungsanlagen
    …wie die in Belgien übliche Nutzung von Regenwasser für die Toilettenspülung statt der Trinkwassernutzung.
    14. Ansiedlung von Bibern als Baumeister der Feuchtgebiete
    Smedley berichtet von Erfolgen in seinem Heimatland England, wo in den Area-len, wo Biber lebten, viel mehr Wasser aufgenommen worden ist als in den Jahren davor.
    15. Renaturierung
    Smedley plädiert für den Rückbau von Staudämmen und eine weitgehende Rena-turierung mit Überschwemmungsarealen, die das überlaufende Wasser in das Grundwasser ableiten und dort einen natürlichen Speicher bilden.
    16. Invasionsbekämpfung
    Am Beispiel Kapstadt zeigt er, dass invasive Pflanzen wie Akazien, Eukalyptus und Kiefern abgeholzt werden zugunsten von einheimischen Pflanzen, die weniger Wasser benötigen. „Für uns sind Bäume an Berghängen einfach Natur, ohne dass wir hinterfragen, ob sie eigentlich einheimisch sind oder wie sie sich auf den Grundwasserspiegel auswirken.“ Smedley führt mehre invasive Arten auf, so Pappeln in Nevada, Eukalyptus in Kolumbien, das drüsige Springkraut in Großbritannien und Sitka.Fichten in einigen europäischen Ländern.
    17. Reparatur von Lecks
    Lecks sind ein weltweites Problem und werden als unprofitables Wasser bezeich-net. In GB gehen z.B.25% des gespeicherten Wassers verloren, in Delhi fast 40 %. Kambodscha schaffte eine Reduzierung von fast 83 % auf 8 %!

Fazit: Das Buch „Die Grosse Trockenheit“ alarmiert, macht nachdenklich und inspiriert zu einem Engagement, das eigentlich zu spät erfolgt.

Empfohlene Dokumentationen:

 

 

 

 

Dürre, Extremwetter, Klimawandel