
Raphaela Kell: Was wäre, wenn wir aufhören, jemand sein zu müssen?
Die größte Bedrohung für unser heutiges Wirtschaftssystem wäre vielleicht nicht eine Rezession – sondern Menschen, die plötzlich mit sich selbst zufrieden wären. Die aufhörten, ständig jemand werden zu müssen, und stattdessen die stille Freiheit entdeckten, einfach sie selbst zu sein.
Dieser Satz mag zunächst irritieren. Schließlich leben unsere Gesellschaften von Leistungsbereitschaft, Ehrgeiz und Innovationskraft. Doch was, wenn ein erheblicher Teil unseres Wirtschafts- und Konsumsystems gar nicht auf der Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse beruht, sondern auf einem viel tiefer liegenden kulturellen Programm – dem Programm, jemand werden zu müssen?
Kaum ein Satz begleitet uns so selbstverständlich durch unsere Kindheit wie dieser: „Mach etwas aus Dir und deinem Leben.“ Er fällt am Küchentisch, auf Familienfeiern oder nach der Zeugnisausgabe. Meist ist er liebevoll gemeint. Eltern und Großeltern wünschen ihren Kindern ein erfülltes Leben, Sicherheit und Anerkennung.
Und dennoch transportiert dieser Satz eine zweite Botschaft, die wir kaum wahrnehmen, weil sie so tief in unserer Kultur verankert ist: So, wie du jetzt bist, genügt es noch nicht. Du musst erst jemand werden. Ein erfolgreicher Mensch. Ein angesehener Mensch. Ein Mensch, der etwas erreicht hat, sich etwas leisten kann und auf den andere aufblicken.
Diese Vorstellung prägt unsere Schulen, unsere Arbeitswelt und zunehmend auch unsere Freizeit. Aus dem Wunsch nach einem guten Leben wird ein lebenslanges Projekt der Selbstoptimierung. Wir sollen unsere Talente entfalten, unsere Produktivität steigern, unsere Karriere voranbringen, unseren Körper formen, unsere Persönlichkeit entwickeln und möglichst niemals aufhören, an uns selbst zu arbeiten.
Leistung ist dabei längst nicht mehr nur Mittel zum Zweck. Sie wird zum Maßstab des eigenen Wertes.
Der französische Soziologe Alain Ehrenberg beschreibt den modernen Menschen deshalb als das „erschöpfte Selbst“: Nicht mehr äußere Zwänge stehen im Mittelpunkt, sondern der permanente innere Auftrag, aus sich selbst immer mehr machen zu müssen.
Manchmal reichen wenige Worte aus, um eine fest verankerte Denkgewohnheit ins Wanken zu bringen. Vor einiger Zeit begegnete mir – eher beiläufig – die Formulierung „die Freude, ein Niemand zu sein“. Unabhängig davon, woher sie stammt, ließ mich die darin enthaltene Frage nicht mehr los: Was wäre, wenn wir gar nicht jemand werden müssten? Wie viel persönliche und seelische Befreiung läge darin, niemand mehr sein zu wollen?
Nicht aus Resignation.
Nicht aus Gleichgültigkeit.
Sondern weil unser Wert niemals davon abhängig war.
Vielleicht besteht Freiheit nicht darin, immer erfolgreicher zu werden. Vielleicht besteht sie vielmehr darin, den tief verinnerlichten Zwang loszulassen, sich ständig beweisen zu müssen. Nicht jeder Tag müsste dann maximal genutzt, optimiert oder verwertet werden. Wir dürften ihn einfach leben, so wie er sich uns schenkt – aufmerksam, gegenwärtig und ohne die ständige Frage, ob wir genug aus ihm gemacht haben. Aus dem modernen Imperativ, jeden Augenblick möglichst produktiv oder außergewöhnlich auszuschöpfen, würde wieder die schlichte Erlaubnis, einfach da zu sein.
Je länger man über diesen Gedanken nachdenkt, desto deutlicher wird vielleicht, dass seine Bedeutung weit über die persönliche Ebene hinausreicht. Denn die Vorstellung, jemand sein zu müssen, prägt nicht nur unsere Biografien. Sie prägt auch unsere Wirtschaft, unsere Politik und letztlich unser Verhältnis zur Natur.
Wer seinen Selbstwert aus Leistung, Anerkennung oder Überlegenheit bezieht, lebt zwangsläufig in einer Welt des Vergleichs. Erfolg bemisst sich dann nicht mehr allein daran, ob eine Tätigkeit sinnvoll oder erfüllend ist, sondern daran, ob sie mehr Anerkennung verspricht als die des anderen. Das Bedürfnis, Recht behalten zu müssen, Diskussionen zu gewinnen, sich zu profilieren oder den besseren Lebensstil zu präsentieren, erhält seine Energie aus derselben Quelle. Das Ego lebt vom Vergleich. Es braucht Unterschiede, um sich seiner selbst zu versichern.
Vielleicht kennen wir alle Situationen, in denen wir weniger mit einer Sache beschäftigt waren als mit der Frage, wie wir dabei wirken. Wir erzählen von einer Reise und hoffen auf Bewunderung. Wir argumentieren nicht nur, um einen Gedanken zu klären, sondern auch, um als klug zu erscheinen. Wir freuen uns über einen beruflichen Erfolg – und spüren zugleich, dass ein Teil dieser Freude daraus entsteht, anderen etwas voraus zu haben. Kritik trifft uns nicht selten deshalb so tief, weil sie nicht nur unsere Meinung infrage stellt, sondern unser Selbstbild.
Je stärker unser Selbstwert an solche äußeren Bestätigungen gebunden ist, desto größer wird die innere Unruhe. Anerkennung muss immer wieder neu erworben werden. Das „Jemand-Sein“ kennt keinen Endpunkt. Wer seinen Wert ständig beweisen muss, kann nie wirklich ankommen.
Was aber geschieht, wenn dieser innere Auftrag allmählich an Bedeutung verliert? Wenn wir nicht mehr permanent beweisen müssen oder wollen, dass wir erfolgreich, klug oder bedeutsam sind? Vielleicht entsteht dann etwas, das sowohl in vielen spirituellen Traditionen als auch in Teilen der modernen Psychologie als innere Freiheit beschrieben wird.
Wir müssen keine Rolle mehr spielen.
Wir müssen nicht ständig gewinnen.
Wir müssen andere nicht mehr übertreffen, um uns selbst als wertvoll zu erleben.
Aus dieser Gelassenheit wächst eine andere Qualität des Lebens. Begegnungen werden offener, weil sie nicht mehr dem Wettbewerb um Anerkennung dienen. Konflikte verlieren an Schärfe, weil nicht mehr das eigene Selbstbild verteidigt werden muss. Es wird leichter zuzuhören, Irrtümer einzugestehen oder den Erfolg anderer zu würdigen. Wer seinen Wert nicht mehr aus Überlegenheit bezieht, muss andere nicht mehr klein machen, um sich selbst groß zu fühlen.
Vielleicht liegt genau darin die tiefere Bedeutung von Achtsamkeit. Nicht in einer besonderen Meditationstechnik, sondern in der Fähigkeit, den gegenwärtigen Moment zu erleben, ohne ihn ständig für die eigene Selbstinszenierung zu benutzen. Das Leben wird nicht länger zur Bühne, auf der wir unsere Bedeutung unter Beweis stellen müssen. Es wird wieder zu etwas, das wir unmittelbar erfahren dürfen.
An dieser Stelle erhält der Gedanke eine überraschende gesellschaftliche Dimension.
Vielleicht sprechen wir in der Nachhaltigkeitsdebatte zu selten über die psychologischen Ursachen unseres Wirtschaftssystems. Wir diskutieren über Emissionen, Technologien und Ressourcenverbrauch. Doch wir fragen erstaunlich selten, warum wir überhaupt so viel konsumieren.
Natürlich kaufen wir Lebensmittel, Kleidung oder Werkzeuge, weil wir sie benötigen. Doch ein erheblicher Teil unseres Konsums erfüllt längst eine zweite Funktion: Er produziert Identität und Abgrenzung.
Das Auto erzählt etwas über unseren gesellschaftlichen Rang.
Die Wohnlage erzählt etwas über unseren Erfolg.
Berufliche Titel erzählen etwas über unseren Wert.
Die Fernreise erzählt etwas über unsere Weltoffenheit.
Die exklusive Küche, die Uhr, das Smartphone oder das Fahrrad erzählen Geschichten weniger darüber, wer wir sind – sondern wer wir sein möchten.
Der amerikanische Ökonom Thorstein Veblen beschrieb dieses Phänomen bereits Ende des 19. Jahrhunderts als demonstrativen Konsum. Pierre Bourdieu zeigte später, dass selbst Bildung, Kultur und Geschmack häufig auch Mittel sozialer Unterscheidung sind.
Erich Fromm erkannte noch etwas Grundsätzlicheres. In seinem Werk Haben oder Sein beschreibt er zwei Weisen des Menschseins. Die eine orientiert sich am Haben. Der Wert eines Menschen wird daran gemessen, was er besitzt, erreicht oder vorweisen kann. Die andere orientiert sich am Sein. Hier entstehen Würde und Erfüllung aus Lebendigkeit, Beziehungen, Kreativität, Fürsorge und innerer Freiheit.
Vielleicht müssten wir Fromms Analyse heute um eine weitere Dimension ergänzen.
Unsere Kultur orientiert sich nicht nur am Haben.
Sie orientiert sich auch am Werden.
Wir sollen nicht nur immer mehr besitzen.
Wir sollen ständig mehr aus uns machen.
Vielleicht liegt genau hier eine der tiefsten kulturellen Wurzeln unseres Wachstumsparadigmas. Denn wenn unser Selbstwert an gesellschaftliche Anerkennung gekoppelt ist, werden Statussymbole zu psychologischen Notwendigkeiten. Konsum dient dann nicht mehr nur der Bedürfnisbefriedigung. Er wird zur Identitätsarbeit.
Vielleicht ist die ökologische Krise deshalb nicht nur eine Krise des Ressourcenverbrauchs. Vielleicht ist sie auch eine Krise unseres Selbstverständnisses.
Stellen wir uns einen Moment lang vor, immer mehr Menschen würden ihren Selbstwert nicht länger aus Prestige, Rang oder materieller Überlegenheit beziehen. Nicht weil Wohlstand verboten wäre. Nicht weil Bescheidenheit moralisch eingefordert würde. Sondern weil das Bedürfnis, sich ständig beweisen zu müssen, allmählich nachlässt.
Würden Menschen dann aufhören zu arbeiten?
Wohl kaum.
Menschen schaffen, gestalten und erfinden seit Jahrtausenden aus Neugier, Verantwortungsgefühl, Freude und dem Wunsch, etwas Sinnvolles beizutragen.
Doch möglicherweise würden sich die Anreizstrukturen unserer Gesellschaft tiefgreifend verändern. Prestigekonsum verlöre an Bedeutung. Statussymbole würden einen Teil ihrer psychologischen Funktion einbüßen. Märkte, die vor allem von künstlich erzeugten Begehrlichkeiten leben, verlören ihre kulturelle Grundlage. Vielleicht würden wir auch seltener jene Lebensentwürfe bewundern, deren zentrales Ziel im Anhäufen von Vermögen, Macht oder gesellschaftlicher Überlegenheit besteht. Nicht weil wirtschaftlicher Erfolg an sich problematisch wäre, sondern weil sich die gesellschaftliche Definition von Erfolg verschieben würde – weg von der Frage „Wie weit bist du gekommen?“ hin zu der Frage „Welchen Beitrag leistest du für das Leben anderer?“
Das wäre keine Revolution gegen Leistung.
Es wäre eine Revolution der Motive.
Menschen würden vielleicht nicht weniger leisten.
Aber sie müssten ihre Leistung nicht länger als Beweis ihres eigenen Wertes verstehen.
Vielleicht liegt hierin eine Hoffnung, die weit über Umweltpolitik hinausgeht. Eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich nicht ständig beweisen müssen, könnte friedlicher, kooperativer und genügsamer werden. Sie müsste weniger vergleichen, weniger konkurrieren und weniger konsumieren, um sich ihrer selbst zu versichern. Technologische Innovationen und politische Reformen blieben wichtig. Doch sie würden durch einen kulturellen Wandel ergänzt, der tiefer reicht als jede neue Verordnung.
Vielleicht beginnt die große Transformation deshalb nicht erst beim nächsten Klimagesetz, nicht beim nächsten Elektroauto und auch nicht bei der nächsten Effizienztechnologie.
Vielleicht beginnt sie in dem Augenblick, in dem wir entdecken, dass wir niemand werden müssen, um vollständig zu sein.
Denn wenn der Mensch aufhört, seinen Wert im Immer-mehr zu suchen, verliert vielleicht auch das Immer-mehr seine Macht über ihn.
Bewusstseinswandel, Haben oder Sein, Hamsterrad, Karriereleiter, Niemand sein zu müssen, Prestigekonsum