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Richard David Precht, Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens

Vorweg: ich habe das Buch nicht bei Amazon gekauft, sondern in einer kleinen Buchhandlung. Dennoch lohnt sich die Lektüre einiger Rezensionen von Amazon zu diesem Buch, weil das Spektrum der Meinungszerstrittenheit offenbart wird. Hier drei negative Kritiken neben vielen positiven Rezensionen:

„Das Buch bedient sich vornehmlich der altbekannten Klischees, Aengsten und Meinungen ueber KI. Von der Mitte an kommt eigentlich nicht mehr viel Neues.“ (Stefan, Amazon – Rezension)

„Richard David Precht würde völlig nackt in der Welt herumlaufen, wäre er der perfekte Mensch. Folgt man seinen Argumenten, dann brauchen wir Technologie im Allgemeinen und KI im Speziellen nicht, weil der Mensch eh schon perfekt ist. Deshalb bräuchte Precht auch keine Schuhe, Kleidung und Brillen, denn das sind alles vom Menschen geschaffene Technologien und Kulturgüter um uns perfekter zu machen. Und dass uns KI perfekter machen soll, wie er KI-Forschern pauschal unterstellt, bräuchten wir KI auch nicht.“ (Mario Herger, Amazon –Rezension)

„Der Philosoph der Bahnhofsbuchhandlungen hat nun also auch ein Buch zu dem einen Thema geschrieben, zu dem man offenbar im Moment schreiben muss, auch wenn man davon keine Ahnung hat. Einfach um irgendwie mitzureden, wovon alle reden: von Künstlicher Intelligenz (KI)! Und um dem gleich noch eins draufzusetzen: vom Sinn des Lebens natürlich, unter dem macht es unser Philosophen-Darsteller nicht.“ (vonjd, Amazon-Rezension)

Anhänger des „Fortschritts durch KI“ bemängeln die fehlende Kenntnis des Autors und die einer Majestätsbeleidigung gleichkommende Besprechung eines Philosophie- fernen Themas. Die Kritiker sehen jedoch hinweg, dass Precht in seinem Buch auf eine durchaus die Philosophie eines KI-Propheten eingeht, nämlich auf  Kurzweils These von der Singularität.[1] Der KI-Experte Ray Kurzweil vertritt die These, dass künstliche Intelligenz die menschliche Intelligenz im Jahr 2045 überholen werde, Maschinen Entscheidungen übernehmen werden und somit das menschliche Erbe antreten ,ja sogar in den Weltraum weitertragen. Damit wird ein evolutionärer Prozess abgeschlossen, der unaufhaltsam, entwicklungstheoretisch sogar begrüßenswert erscheint. Kurzweil wird mit seinen 78 Jahren den Prozeßabschluß nicht mehr erleben, ob er der nachfolgenden Generation Hoffnung macht, bleibt eher zweifelhaft. Precht nimmt diese Ansicht in seinem Buch auseinander. Evolution ist eine Reaktion auf soziale Erfahrungen, und diese werden in Körper und Geist verarbeitet. Der sogenannte Transhumanismus glaubt, mit KI –Steuerung moralische Fragen lösbar zu machen, diese quasi von der Subjektivität in die Objektivität zu hieven. Im Gegensatz zur Annahme der aufgeführten Kritiker verneint Precht nicht technischen Fortschritt, doch geschieht dieser als win-win-Situation, von Menschen gewollt, kontrolliert und abschätzend. In der Abschätzung gilt nicht der reine Nutzen, denn der ist oftmals subjektiv wie er an zahlreichen Beispielen aufzeigt.

Der Schlußsatz gehört dem Autor: „Die Positivisten des Silicon Valley, Firmen, die den Fortschritt anbeten …sind freiwillig oder systemgetrieben auch immer, im Begriff, unsere Gesellschaft langfristig zu ersetzen: von der liberalen Demokratie zur vorausschauenden Sozialtechnik. Sie folgen damit, paradiesischer verbrämt, jenem Weg in eine kybernetische Diktatur, den China so offen und ohne Skrupel heute schon geht. Dessen „Plan zur Verbesserung des Menschen“ … kennt Pflichten statt Rechte, Unterordnung statt freier Individualität und statt des Einzelnen vor allem das große Ganze.“ [2]

[1] siehe Ray Kurzweil, Die Intelligenz der Evolution, Köln 2016

[2] siehe Richard David Precht,Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens, München 2021, S.226

 

Detlef Baer

Buchbesprechung, Künstliche Intelligenz, Precht