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Raphaela Kell: Wenn der Kuchen wächst – aber an den Mündern der Menschen vorbeigleitet

Der Satz von Friedrich Merz, „der Kuchen müsse größer werden“, klingt zunächst vernünftig. Tatsächlich berührt er ein wirtschaftspolitisches Grundnarrativ, das unsere Gesellschaft seit Jahrzehnten prägt: Erst muss die Wirtschaft wachsen, dann profitieren irgendwann alle davon. Mehr Wachstum soll mehr Arbeitsplätze schaffen, höhere Einkommen ermöglichen, die Kaufkraft steigern und schließlich allgemeinen Wohlstand hervorbringen. Dieses Versprechen ist tief im kollektiven Denken verankert. Doch genau dieses Versprechen weist längst erhebliche Risse auf.

Denn ein wachsender Kuchen bedeutet noch lange nicht, dass auch mehr Menschen davon essen können. Wachstum ist keine Verteilungsstrategie. Das Bruttoinlandsprodukt sagt lediglich aus, dass die monetär bewertete Wirtschaftsleistung steigt. Es sagt jedoch nichts darüber aus, wem die Gewinne zufließen, ob sie überhaupt in die Gesellschaft zurückfließen oder ob breite Bevölkerungsschichten tatsächlich stärker am Wohlstand beteiligt werden.

Gerade diese Verbindung zwischen Wachstum und gesellschaftlicher Teilhabe löst sich seit Jahrzehnten zunehmend auf. Das klassische Nachkriegsmodell beruhte noch auf einer vergleichsweise engen Kopplung zwischen Unternehmensgewinnen, Investitionen, Beschäftigung und steigenden Löhnen. Unternehmen produzierten mehr, stellten Menschen ein, Einkommen stiegen und damit auch die Binnenkaufkraft. Doch diese Logik funktioniert heute immer weniger.

Ein erheblicher Teil der Gewinne verschwindet inzwischen nicht mehr in produktiven Investitionen vor Ort, sondern fließt in Finanzmärkte, Aktienrückkäufe, internationale Kapitalanlagen oder spekulative Börsengeschäfte. Der Kuchen wächst zwar, aber immer größere Teile davon zirkulieren in finanziellen Parallelwelten, ohne jemals wieder in den Alltag der Menschen zurückzufließen.

Hinzu kommt ein weiterer struktureller Widerspruch: Unternehmen haben im Wettbewerb ein natürliches Interesse daran, menschliche Arbeit möglichst effizient durch Maschinen zu ersetzen. Maschinen verursachen keine Sozialabgaben, werden nicht krank, streiken nicht und arbeiten rund um die Uhr. Produktivitätssteigerung, die mit der Modernisierung einer Industrielandschaft einhergeht, bedeutet deshalb häufig gerade nicht mehr Beschäftigung, sondern Rationalisierung d.h. Freisetzung von Arbeitskräften. Die entstehenden Gewinne konzentrieren sich dann vor allem bei den Eigentümern der Produktionsmittel.

Auch die Globalisierung hat das alte Wachstumsversprechen zunehmend ausgehöhlt. Große Konzerne produzieren dort, wo Löhne niedrig und Umwelt- oder Sozialstandards schwach sind. Gewinne werden international verschoben, während die versprochenen Wohlstandseffekte vor Ort immer geringer ausfallen. Die nationale Wachstumsrhetorik passt immer weniger zu einer globalisierten Kapitalstruktur.

Die kommende Welle aus künstlicher Intelligenz, Automatisierung und algorithmischer Steuerung verschärft diese Entwicklung nun zusätzlich. Aber sie erzeugt den Bruch nicht erst — sie macht lediglich sichtbarer, was längst begonnen hat: die zunehmende Entkopplung von Wachstum und gesellschaftlicher Teilhabe. Es ist durchaus denkbar, dass künftig enorme Wirtschaftsleistungen erzeugt werden, die Börsen boomen und das BIP steigt, während gleichzeitig immer weniger Menschen überhaupt noch über Erwerbsarbeit Zugang zu Einkommen erhalten. Der Kuchen könnte historisch groß werden — und dennoch an den Mündern vieler Menschen vorbeigleiten.

Gerade deshalb ist die einfache Formel „erst Wachstum, dann Verteilung“ hochriskant. Denn wenn politische Verteilungsmechanismen fehlen, verstärkt Wachstum häufig bestehende Konzentrationsprozesse. Wer bereits Kapital, Eigentum oder Produktionsmittel besitzt, profitiert dann überproportional, während andere trotz steigender Gesamtleistung kaum noch teilhaben.

Und genau hier bleibt die gegenwärtige Reformrhetorik auffällig unkonkret. Viele angekündigte Maßnahmen zielen vor allem darauf, Unternehmen zu entlasten, Kapital attraktiver zu machen, Investitionen anzureizen und Wachstumskräfte freizusetzen. Doch die eigentliche Kernfrage wird kaum beantwortet: Wie wird sichergestellt, dass die entstehenden Produktivitätsgewinne tatsächlich auch bei der Bevölkerung ankommen, denen man dies als die große Verheißung für noch mehr Arbeitsleistung versprochen hat?

Der Eindruck entsteht inzwischen nicht mehr nur unterschwellig, sondern spiegelt sich ganz konkret in vielen aktuellen Reformansätzen wider. Wenn Sozialleistungen gekürzt, soziale Sicherungssysteme geschwächt und gleichzeitig Unternehmenssteuern, Kapitalbelastungen oder Vermögende möglichst geschont werden sollen, folgt dies einer sehr klaren wirtschaftspolitischen Grundannahme: Zunächst sollen Kapital und Unternehmen entlastet werden, damit Wachstum entsteht — und irgendwann später werde davon auch irgendwie der Rest der Gesellschaft profitieren.

Genau das ist der Kern des sogenannten Trickle-down-Versprechens.

Dabei wird häufig argumentiert, die „starken Schultern“ der Gesellschaft dürften nicht weiter belastet werden, weil Kapital sonst abwandere, Investitionen ausblieben oder wirtschaftliche Dynamik verloren gehe. Diese Argumentation erscheint jedoch zunehmend wie eine rhetorische Alternativlosigkeitsstrategie: Gesellschaften sollen akzeptieren, dass Vermögende und große Kapitalakteure steuerlich und politisch geschont werden müssen, weil sie ansonsten mit Rückzug drohen könnten.

Doch damit entsteht ein grundlegendes demokratisches Problem. Denn politische Gestaltung beginnt sich unter dieser Logik immer stärker an den Interessen hochmobiler Vermögens- und Kapitalgruppen auszurichten, während soziale Belastungen nach unten weitergegeben werden. Der Sozialstaat wird dann nicht mehr als Schutz- und Ausgleichssystem betrachtet, sondern zunehmend als „Kostenfaktor“, der die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtige.

Gleichzeitig bleibt die zentrale Gegenfrage oft unbeantwortet: Wenn Wachstum tatsächlich von Entlastungen für Wohlhabende abhängt — warum steigen dann trotz jahrzehntelanger Vermögenskonzentration soziale Ungleichheit, Unsicherheit und öffentliche Unterfinanzierung weiter an? Warum erleben viele Menschen trotz enormer Produktivitätssteigerungen real stagnierende Einkommen, Wohnungsnot, überlastete Infrastruktur und zunehmenden Druck auf soziale Sicherungssysteme?

Gerade hierin zeigt sich der eigentliche Widerspruch der gegenwärtigen Wachstumslogik: Die gesellschaftlichen Opfer werden im Hier und Jetzt eingefordert, während die versprochenen Wohlstandseffekte immer weiter in die Zukunft verschoben werden. Der größere Kuchen soll irgendwann allen zugutekommen — aber zunächst sollen viele Menschen akzeptieren, dass ihre Stücke kleiner werden.

Vielleicht liegt der eigentliche Denkfehler bereits in der Metapher selbst. Gesellschaften bestehen nicht aus Kuchen. Menschen leben nicht vom BIP allein. Eine stabile und resiliente Gesellschaft braucht nicht nur Produktion, sondern Teilhabe, soziale Sicherheit, sinnvolle Tätigkeiten, Gemeinschaft und eine faire Verteilung dessen, was gemeinsam erwirtschaftet wird. Wenn diese Fragen nicht beantwortet werden, könnte die nächste große Wachstumsphase paradoxerweise eine Gesellschaft hervorbringen, in der nie zuvor so viel produziert wurde — und sich dennoch immer mehr Menschen ausgeschlossen fühlen.

Kuchen muss größer werden, Reformapaket, Wachstumsrhetorik