Postwachstumstheorie - Kritik und Alternativen zu Paechs Theorie

Postwachstumsökonomie: Kritik und Alternativen zur Theorie Paechs

als Hausarbeit vorgelegt von Daniel Wasiak am Institut für Politische Wissenschaft der RWTH Aachen im März 2021

1. Einleitung

Niko Paech gilt als ein Vorreiter der Postwachstumstheorie im deutschsprachigen Raum. Seine
Theorie befasst sich mit den Schäden unserer auf Wachstum basierenden Wirtschaft und mit
einem alternativen Wirtschaftssystem, durch welches sich diese Schäden sowohl in
ökonomischer als auch in ökologischer Hinsicht vermeiden ließen. Die Eckpunkte dieser
Theorie bilden dabei Subsistenz und Suffizienz (vgl. Paech 2012:114). Paech skizziert also eine
Alternative zu unserem auf Wachstum basierenden Wirtschaftsmodell und die Vorteile dieses
Models bieten Lösungen für unsere Probleme in Bezug auf Konsum und auch auf die
ökologischen Probleme, die dieses System verursacht oder verstärkt. Doch auch die
Postwachstumsökonomie, wie Paech sie skizziert, ist nicht ohne Fehler. Es gibt Aspekte dieser
Theorie, die umstritten sind und über die es sich lohnt zu diskutieren. Ein Beispiel dafür ist die
Transformation von unserem Wirtschaftssystem auf die Postwachstumstheorie. Ziel dieser
Hausarbeit soll es sein sich mit diesen Kritikpunkten auseinanderzusetzen und zu prüfen, wo
Kritik an der Postwachstumstheorie Paechs angebracht wird, wie diese aussieht und ob diese
auch valide ist. Anschließend möchte ich klären, ob es vielleicht sogar bessere Alternativen
gibt. Dafür wird zuerst einmal die Theorie Paechs erklärt und in den Kontext unserer Wirtschaft
und der damit verbundenen Probleme eingeordnet. Paechs Theorie wird von mir untersucht
aufgrund dessen, dass sie im Vergleich zu Theorien anderer Wachstumskritiker sehr radikal ist
und aufgrund dessen für viel Kritik und Diskussion sorgt. Ob diese Kritik angebracht ist, soll
in Kapitel zwei geklärt werden. Was folgt ist eine kurze Auseinandersetzung mit zwei anderen
Wachstumskritikern. Das wären Uwe Schneidewind und die große Transformation, sowie
Christian Felber und die Gemeinwohlökonomie. Diese beiden Theorien sind vor allem
deswegen interessant, weil sie sich mit einem Thema beschäftigen, welches bei Paech leider zu
kurz kommt. Dieses Thema ist die Umsetzbarkeit der jeweiligen Theorien. Sowohl Felber als
auch Scheidewind bieten dort umfangreichere Ideen und Lösungsvorschläge. Zuletzt folgt ein
kurzes Fazit, in dem kurz erläutert wird, inwieweit die Kritik an Paechs Theorie nun sinnvoll
ist und ob die beiden Alternativen geeigneter sind.

 

2. Paechs Postwachstumsökonomie

Warum brauchen wir eigentlich eine Postwachstumstheorie? Unser aktuelles Wohlstandmodell
muss weichen, da es aufgrund seiner chronischen Wachstumsabhängigkeit nicht mehr zu retten
ist (vgl. Paech 2012:7). Das Wohlstandssystem der westlichen Industrienationen beruht darauf,
dass die Wirtschaft und damit verbunden auch unser Wohlstand stetig wächst. Doch ewig kann
unser Wohlstand nicht wachsen. Früher oder später kommen wir zu dem Punkt, an dem die
natürlichen Ressourcen, wie fossile Brennstoffe, seltene Erden, Metalle und vor allem Platz
aufgebraucht sind. Möglich sind in diesem Fall dann genau zwei Möglichkeiten: entweder wir
wechseln zu einem Wirtschaftssystem, welches ohne ein stetiges Wachstum funktioniert, wie
Paech es vorschlägt, oder wir schaffen es ein „Grünes Wachstum“ zu schaffen. Grünes
Wachstum bedeutet mithilfe von Innovationen, Technologien und nachhaltigen Produkten das
Wachstum von Umweltschäden und Ressourcenverbräuchen zu entkoppeln und gleichzeitig zu
verhindern, dass wir auf unseren Lebensstandard inklusive Selbstverwirklichung und
Gewinnansprüche verzichten müssen. Dieses Grüne Wachstum hält Paech jedoch für nicht
sinnvoll. (Vgl.ebd.:72)
Zu gefährlich sind vor allem materielle Rebound Effekte und auch Innovationsrisiken. So
sorgen neue Technologien und ihre Implementierung dafür, dass neue Industrien entstehen,
zusätzlich zu den alten, welche die neuen Produkte fertigen, aber nur eine Alternative darstellen.
So wird also ein neues ökologisch sinnvolleres Produkt zusätzlich zum alten produziert. Neue
Technologien brauchen zudem Ressourcen, um verwirklicht zu werden. Außerdem können
Objekte und Technologien nicht nachhaltig sein. Denn Paech betont: „Allein Lebensstile
können nachhaltig sein.“ (ebd.:99). Die Alternative einer auf Wirtschaftswachstum basierenden
Wirtschaftsform sieht Paech also in einer Postwachstumsökonomie, deren Fundament die
Theorien der Subsistenz und Suffizienz bilden. Subsistenz bei Paech bedeutet dabei sich so weit
wie möglich selbst beziehungsweise regional zu versorgen. Der Wachstumszwang ließe sich
mithilfe einer „Ökonomie der Nähe“ in den Griff bekommen. Verkürzt man also die
Produktionsketten bis zur Lokal- oder Regionalversorgung, so werden die monetären
Ansprüche des eingesetzten Kapitals gesenkt und es entsteht eine geringere Distanz zwischen
Kapitalgebern und Kapitalnehmern. Dies nennt Paech die „Ökonomie der Nähe“ (ebd.:114) und
kennzeichnet sie durch die folgenden Merkmale: zum einen nennt er die Transparenz. Sind
beide Marktseiten nur durch eine geringe Distanz getrennt, so entsteht Transparenz und
Vertrauen. Dies mindert die Unsicherheit, die hohe monetäre Risikokompensationen
rechtfertigt. (Vgl. ebd.:114) Das zweite Merkmal ist die Empathie. Bei einer Ökonomie der
Nähe kennen sich die Akteure persönlich. Das führt mit erhöhter Wahrscheinlichkeit dazu, dass
nicht nur logische Profit- und Kapitalertragsmaximierung an erster Stelle steht. Zudem werden
sich die Akteure mit ihrer Region und der dort beheimateten Ökonomie identifizieren können.
Auch die Interessenkongruenz ist ein Merkmal dieser Wirtschaft. In einer hinreichend kleinen
Volkswirtschaft sind die Kapitalgeber zugleich die Abnehmer der Kapitalverwender. Also
schadet eine Erhöhung von Renditen- beziehungsweise Zinsansprüchen ihnen selbst, da der
Kapitalverwender einer Zinssteigerung mit einer Preiserhöhung begegnen würde. Auch die
Verwendungskontrolle wird durch eine räumlich begrenzte Ökonomie gefördert. Verfügt der
Kapitalgeber über die Möglichkeit zu bestimmen in welchen Bereichen sein Kapital zum
Einsatz kommt, so entspricht eine Mäßigung ihrer Rendite- und Zinsansprüche keinem
Verzicht, denn seine Investition dient auch der Verwirklichung ihrer eigenen politischen
Vorstellungen. Eine „Ökonomie der Nähe“ bietet zudem den Vorteil von geringeren
Transportkosten und verhindert übermäßige Infrastruktur, die für eine überregionale Wirtschaft
notwendig ist. Weiterhin ließe sich eine regionale Komplementärwährung implementieren,
welche Kapital an die Region bindet und die Wertschöpfungskette verkürzt. Hilfreich wäre
auch eine zinslose Umlaufsicherung für solche Regionalwährungen, die dafür sorgt, dass Geld
nicht gehortet wird und keine Spekulation stattfindet (vgl. ebd.:117). Die industrielle
Produktion lässt sich dabei durch drei Output-Kategorien ersetzen (vgl. ebd.: 120). Zum einen
wäre da die Nutzungsintensivierung durch Gemeinschaftsnutzung. Anstelle dessen, dass ich
meinen eigenen Rasenmäher benutzen würde, liehe ich mir den meines Nachbarn. Dafür liehe
dieser sich meine Heckenschere oder ich würde ihm ein Brot backen. Folglich würde nur noch
ein Rasenmäher produziert und die Produktion von Rasenmähern sinkt um die Hälfte. Dies ist
nur ein Beispiel von tausenden. Die zweite Output-Kategorie, die Paech nennt, ist die
Verlängerung der Nutzungsdauer. (Vgl. ebd.) Ein besonderer Stellenwert wird also der Pflege,
Instandhaltung und Reparatur von Gütern zugeordnet. Je länger ich ein Produkt nutzen kann,
desto weniger neue Produkte müssen produziert werden. Die dritte Kategorie ist die
Eigenproduktion. Jedes Produkt, das wir selbst produzieren, muss a) nicht industriell produziert
werden und b) macht uns unabhängiger. Dies kann von Lebensmitteln aus dem eigenen Garten
über die kreative Wiederverwertung von ausrangierten Gegenständen bis hin zu Services wie
Vorträgen und Schulungen reichen. Kombiniert man diese drei Output-Kategorien mit
individuellen Fähigkeiten, Neigungen etc., so bilden sich viele Leistungen, welche das durch
eine Postwachstumsökonomie deutlich verringerte monetäre Einkommen ergänzen. (Vgl.
ebd.:122) Das bedeutet, dass die Reduzierung der industriellen Produktion um die Hälfte nicht
auch bedeutet, dass sich der materielle Wohlstand im selben Maße reduziert. Die zweite große
Säule neben der Subsistenz bildet die Suffizienz. Suffizienz meint dabei eine zeitökonomische
Optimierung. Laut Paech gibt es immer mehr Konsumoptionen. Unser Tag hat jedoch immer
noch nur 24 Stunden. Wir können also gar nicht alles konsumieren, was uns angeboten wird.
„Moderne Gesellschaften haben deshalb ein Stadium erreicht, an dem nicht Kaufkraft, sondern
Zeit den Engpassfaktor des individuellen Strebens nach Glück darstellt.“ (ebd.:127). Also
brauchen wir mehr Zeit. Viel Zeit würde dadurch frei, dass wir die Arbeitszeit um die Hälfte
verkürzen. Die gewonnene Zeit ließe sich zum Beispiel in die Subsistenz investieren. Zudem
bliebe für uns mehr Zeit, die wir beispielsweise in Kindererziehung, die Pflege von Garten und
Haushalt und vieles mehr investieren können, die ansonsten ebenfalls in Konsumakte und
Dienstleistungen umgewandelt und finanziert werden müssen (vgl.ebd.:126). So treten an Stelle
von materiellen Ressourcen die drei dekommodifizierten Ressourcen a) handwerkliche
Fähigkeiten zur Eigenproduktion und Nutzungsdauerverlängerung, b) meine eigene Zeit und c)
soziale Beziehungen zwecks Gemeinschaftsnutzung und Leistungstausch. Wie sieht nun also
eine Politik aus, die eine Postwachstumsökonomie fördert? Geld und Finanzmarktreformen
können systemimmanente Wachstumszwänge mildern (vgl.ebd.:134). Wichtige Ansätze für
Paech sind eine Finanztransaktionssteuer sowie eine weiterentwickelte Variante des
100Prozent-Money-Ansatzes von Irving Fisher (vgl.ebd.:134f.). Zudem sollte der Staat wieder
das Monopol auf die Geldschöpfung erhalten und neu geschöpftes Geld durch öffentliche
Ausgaben schuldenfrei in Umlauf bringen. Auch die Regionalwährungen sollten gestärkt
werden. Paech sieht jedoch keinesfalls eine Abschaffung von überregionalen Währungen vor,
sondern beschreibt ein System, in dem beide Währungsformen parallel existieren (vgl.
ebd.:117). Auch neue Unternehmensformen und eine Bodenreform sind wichtige Punkte, die
eine Postwachstumspolitik berücksichtigen muss. Vor allem der Boden als endliches Gut darf
nicht in den Händen von wenigen Privatpersonen konzentriert werden. Auch Subventionen
müssen gekürzt und gegebenenfalls gestrichen werden. Paech spricht hier von einem
„Subventionsdschungel“ (ebd.136), welcher durchforstet werden muss. Ein striktes
Moratorium für jegliche Projekte, welche zu weiteren Versiegelungen von Boden führen, muss
eingeführt werden. Infrastruktur, wie nukleare oder fossile Kraftwerke, müssen zurückgebaut
werden (ebd.:137). Laut Paech muss also etwas geschehen: und zwar müssen wir uns zu einer
Postwachstumsgesellschaft entwickeln. Wichtig sind Suffizienz, Subsistenz und eine regionale
Ökonomie.

 

3. Kritik an der Postwachstumsökonomie Paechs

Laut der Postwachstumstheorie Paechs führt Wachstum unweigerlich zu unerwünschten
Emissionen. Der Ökonom Martin Leschke weist jedoch darauf hin, dass es in keiner Weise
belegt sei, dass marktwirtschaftliches Handeln mit Wachstum nicht auch ohne unerwünschte
Emissionen funktionieren kann. Zudem kommt ihm die Innovation zu kurz in Paechs Theorie.
Innovation ist laut Leschke der „Treiber des Wohlstandes, des besseren Lebens und des
Wachstums in der Marktwirtschaft […]“ (Leschke 2018:18). Der Wettbewerb funktioniert als
Entdeckungsverfahren für Innovationen. Paech hingegen glaubt laut ihm, dass die wesentlichen
Dinge entweder a) bereits erfunden wurden und b) dass ein gelenktes emissionsfreies
Wirtschaften die wesentlichen Innovationen schon hervorbringen wird. (Vgl. Leschke 2015:18f.)
Er sieht zudem Paechs Gesellschaftsmodell als einer sozialistischen Planwirtschaft
sehr ähnlich an und befürchtet, dass dieses auch die gleichen Probleme hervorbringen könnte.
Diese sind Misswirtschaft und Korruption sowie die Befürchtung, dass auch eine Planwirtschaft
weder Gerechtigkeit noch Wohlstand erzeugen kann. (Vgl. Leschke 2015:19) Kritik wird auch
daran geäußert, dass das Individuum bei Paech zu kurz käme. Das Individuum sollte in der Lage
sein für sein eigenes Glück zu sorgen und auch selbst zu entscheiden, was glücklich macht.
Diese Wahl wird einem in Paechs Theorie genommen, denn dieser sagt bereits, was glücklich
macht: wenig arbeiten, wenig konsumieren und viel Soziales. (Vgl. ebd.) Die konstitutionelle
Ökonomie vertritt die Annahme, dass der institutionelle Regelrahmen maßgeblich
verantwortlich ist in welche Richtung sich Volkswirtschaften entwickeln. So sollen Regel,
dafür sorgen, dass zum Beispiel Ausbeutung verhindert wird, Erwartungssicherheit und
geschützte Freiräume für Individuen geschaffen werden können, unerwünschte Tätigkeiten
durch Transaktionskosten verhindert werden und erwünschte Tätigkeiten gefördert werden. Ein
Argument dieser Politik ist, dass gerade moralische Appelle meist wenig helfen. Vorteil des
Systems ist, dass Freiheit in Kombination mit Wettbewerb die Akteure animiert Innovationen
und Investitionen hervorzubringen. (Vgl. Leschke 2015:15) Die Probleme, die Paech also in
unserem Wirtschaftssystem sieht, sind aus Leschs Sicht der konstitutionellen Ökonomik
lediglich unerwünschte Marktergebnisse, die die Folge falscher Regelsetzungen sind. Lösung
für diese Probleme sind also Reformen im Bereich der Regelsetzung. (Vgl. Leschke 2015:20)
Ein weiterer großer Kritikpunkt an der Postwachstumstheorie Paechs ist die Umsetzbarkeit.
Wie Paech nun gedenkt seine Theorie praktisch in die Tat umzusetzen, bleibt weitestgehend
unbeleuchtet (vgl. Schiemann/Wilmsen 2017:3).

Paech fordert einen Bewusstseinswandel im Konsumverhalten. Diese Forderung richtet sich
allerdings primär an die KonsumentInnen auf individueller Ebene. Begründet wird dies damit,
dass die politischen Akteure schlicht mit der Idee der Postwachstumsökonomie überfordert
seien (vgl. Paech 2015:139). Paech geht also davon aus, dass eine solche Transformation der
Gesellschaft ohne Steuerung und Einbeziehung der Politik erfolgreich sein kann. Eine Position,
die von Schiemann und Wilmsen angezweifelt wird. (Vgl. Schiemann/Wilmsen 2017:13)
Eine weitere Kritik Schiemanns und Wilmsens an Paechs Theorie ist, dass Machtfragen von
ihm grundsätzlich umgangen werden, „obwohl sich Wirtschaftsgeschehen, Einkommen- und
Vermögensverteilung sowie das Zusammenleben der Bevölkerung davon nicht trennen
lassen.“(ebd.). Laut Paech sei die Machtfrage lediglich eine Möglichkeit, sich an der
unbequemen Aufgabe „vorbeizumogeln“ (Paech 2016: 11 zit. nach Schiemann/Wilmsen 2017:13).
Bei der angestrebten Postwachstumstheorie handelt es sich jedoch um ein politisches
Projekt, bei dem die Frage der Legitimation geklärt werden muss. Eine Frage, die von Paech
vernachlässigt wird (vgl. Schiemann/Wilmsen 2017:14). Ein weiteres Problem sehen
Schiemann und Wilmsen darin, dass gerade die von Paech geforderten „Reduktionsleistungen“
(Paech 2016:11 zit. nach Schiemann/Wilmsen 2017:14) für viele „[…] äußerst schmerzhaft und
damit hochpolitisch sind.“ (Schiemann/Wilmsen 2017:14). Die Frage, die sie sich stellen, ist:
„Wie soll sich eine derart umfassende gesellschaftliche Umgestaltung vermitteln lassen, wenn
sie nicht einmal den Anspruch von Gerechtigkeit und Gleichheit hat?“ (ebd.). Zumal eine solche
Veränderung nicht nur Eliten betrifft, sondern auch einkommensschwächere Gruppen. Sie
bemängeln, dass für Paech nur die “radikale Verringerung des Güteroutputs“ (Paech 2016:11
zit. nach Schiemann/Wilmsen 2017:13) zählt.
Auch ein Kritikpunkt ist die Rolle des globalen Nordens gegenüber dem globalen Süden. „Die
Transformation zur Postwachstumsgesellschaft kann aus der privilegierten Position des
globalen Nordens heraus auch nur im globalen Norden ansetzen.“ (Schiemann/Wilmsen 2017:14)
Für Schiemann und Wilmsen wäre es ehrlicher die Transformation so zu gestalten,
dass dem globalen Süden Möglichkeiten eröffnet werden, die Chancen eröffnen einen eigenen
Weg zu gehen, der vom Norden losgelöst ist. (Vgl. ebd.)
Schiemann und Wilmsen haben darüber hinaus Reparatur-Initiativen daraufhin untersucht, ob
diese wirklich die von Paech zugedachten Rollen in der Postwachstumsökonomie übernehmen
können. Diese entsprechen in einem großen Maße den Kriterien von Suffizienz und Subsistenz
der Postwachstumsökonomie Paechs. Besonders die von Paech geforderte Suffizienz wird
gefördert. Die Initiativen führten also zu einer Verringerung gesellschaftlicher
Konsumansprüche und ihnen kam eine wichtige Rolle bei der Vermittlung von Botschaften und
Ideen hin zu einer Postwachstumsökonomie zu. Auch ihre Funktion als Vermittler von Wissen
und die Aktivierung von Kompetenzen sowie Kreativität konnte ebenso wie soziale
Beziehungen bestätigt werden. (Vgl. Schiemann/Wilmsen 2017:32f.) In den Bereichen lokale
Ökonomie sowie Abkopplung von Märkten und Produktionen lassen sich noch deutliche
Defizite in der Umsetzung erkennen. So sind auch Reparatur-Initiativen noch auf überregionale
industrielle Wertschöpfungsketten angewiesen, wenn es um die Beschaffung von Werkzeugen
und Ersatzteilen geht. Schiemann und Wilmsen sehen also Reparatur-Initiativen als einen
Baustein für die gesellschaftliche Implementierung von suffizienzorientierten Ansätzen der
Postwachstumsökonomie. (Vgl. ebd.:33) Die Erhöhung der Produktivität hat sich auch in den
letzten Dekaden hauptsächlich dadurch gezeigt, dass sich das Einkommen erhöht hat und die
durchschnittliche Arbeitszeit pro Woche nur minimal auf 40,4 Stunden pro Woche gesunken
ist (vgl. Strunz/Schindler 2017:2).
Kritik üben Strunz und Schindler an der Rolle des Bruttoinlandsproduktes (BIP) in
Postwachstumstheorien. Laut ihnen gibt es sinnvolle Alternativen zum BIP, um Wohlstand zu
messen. Leider finden solche Ansätze oft keine Erwähnung und werden nicht in der Praxis
umgesetzt. (Vgl. Strunz/Schindler 2017: 3) Grund dafür ist, dass das BIP oft als Maßeinheit für
politischen Erfolg gesehen wird. Wird also der Maßstab gewechselt, fürchten Politiker und
Parteien eine Re-Evaluation ihres Erfolges und ihrer Politik und damit einhergehend einen
Wechsel in Bezug auf ihre Machtposition innerhalb des Systems. (Vgl. ebd.:11f.)
Auch Arbeitslosigkeit ist ein Argument, das oft gebracht wird, um die Notwendigkeit
ökonomischen Wachstums zu rechtfertigen. Zudem sei ökonomisches Wachstum notwendig,
damit Renten funktionieren. Diese sind auf ein ökonomisches Wachstum angewiesen, um
demographische Veränderungen abzufangen. (Vgl. Strunz/Schindler (2017): 3) Eine
Maßnahme, um Wachstum und Arbeitslosigkeit voneinander zu trennen, sind zum einen
Verringerungen der Arbeitszeit und ein struktureller Wandel hin in Sektoren mit geringer
Produktivität, wie zum Beispiel Bildung und Pflege. An beiden Maßnahmen gibt es jedoch
berechtigte Kritik. So scheint es dafür zu sorgen, dass eine Verringerung von Arbeitszeit dafür
sorgt, dass sich der Unterschied zwischen Gering- und Topverdienern weiter erhöht. So
profitieren Geringverdiener nicht so viel von Verkürzungen der Arbeitszeit wie Topverdiener.
Für erstere sorgen zum Beispiel schlechtere Arbeitsbedingungen und fehlendes Einkommen
dafür, dass sie ihre Freizeit weniger sinnvoll nutzen können. So beobachtete Hayden, dass eine
35-Stunden Woche in Frankreich bei einigen Angestellten zu neuen Freizeitmöglichkeiten wie
Kurzreisen geführt haben, jedoch viele mit entweder geringeren Einkommen oder
unregelmäßigeren Schichtplänen nur mehr ungenutzte Zeit in trostlosen Arbeitersiedlungen
verbrachten (vgl. Hayden 2006:529 zit. nach Strunz/Schindler 2017:8). Ein weiteres Argument,
das gegen Arbeitszeitverkürzungen spricht, ist, dass Firmen diese oft nutzen, um Arbeitsrechte
einzuschränken, weswegen diese Veränderungen von Seiten der Gewerkschaften oft abgelehnt
wurden. Außerdem sind Konflikte zwischen Arbeitern mit geringen Einkommen und Arbeitern
mit hohem Einkommen sowie zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu fürchten (vgl.
Strunz/Schindler 2017: 98). Eine Lösung für dieses Problem könnte in der Einführung eines
erhöhten Mindestlohns oder sogar in der Bewahrung des vollen Lohns auch bei weniger Arbeit
liegen. Das Problem dieses Lösungsansatz ist, dass Lohnerhöhungen zu Preissteigerungen
führen können. Diese wiederum führen zu einer Verringerung der Nachfrage, was die
Produktivität beeinflusst und wiederum zu mehr Arbeitslosigkeit führt. (Vgl. ebd.)
Die zweite Möglichkeit war die Veränderung hin zu Sektoren mit geringerer Produktivität, wie
z.B. Bildung und Pflege. Doch auch dies bietet Konfliktpotential. Die Löhne in diesen Sektoren
sind, verglichen mit Löhnen in produktiveren Sektoren, niedrig. Also werden sich viele in Jobs
wiederfinden, welche schlechter bezahlt werden. Zudem werden die Arbeitgeber gezwungen
sein, bessere Löhne zu zahlen, um zu verhindern, dass Arbeitnehmer in andere Bereiche
abwandern. Die relativen Kosten für diese persönlichen Dienstleistungen werden also im
Vergleich zu anderen Gütern und Dienstleistungen steigen. Ein weiteres Konfliktpotential stellt
die Rolle des Staates dar. Dieser ist ein großer Lieferant für diese persönlichen
Dienstleistungen. (Vgl. Strunz/Schindler 2017: 8) Die Folge könnte also ein Ausbau des
Sozialstaates sein begleitet mit steigenden Steuern, sowie Konflikte zwischen jenen, die eine
starke Position des Staates vertreten und jenen, die lieber so wenig wie möglich vom Staat
regeln lassen.
Auch ein Grund für Probleme bei einem Wechsel zu einer Postwachstumsgesellschaft können
Renten werden. Diese brauchen ein ökonomisches Wachstum, um dem demographischen
Wandel entgegenzusteuern. Demographischer Wandel bedeutet in Deutschland, dass die
Gesellschaft immer älter wird. Es wird also immer mehr Rentner geben und gleichzeitig
weniger Menschen, die in die Rentenkasse einzahlen. Pensionäre können zudem nur
konsumieren, was von den gerade arbeitenden Generationen bereitgestellt wird. Eine
wachsende Wirtschaft erlaubt also die Verteilung von Gütern und Dienstleistungen an die
immer größer werdenden älteren Generationen und erleichtert den Druck auf die jüngeren
Generationen. Die Umstellung auf eine Postwachstumsgesellschaft bedeutet nun also, dass die
älteren Generationen entweder länger arbeiten oder weniger Geld bekommen und dass die
arbeitenden Generationen mehr zum Rentensystem beitragen müssen. Dieses Problem des
Rentensystems ist jedoch nicht neu und tritt nicht nur bei einem Postwachstumssystem auf.
Trotzdem würde dieses Problem durch eine Postwachstumsgesellschaft verschlimmert. Es ist
also zu erwarten, dass sich das Alter als Linie für Verteilungskonflikte verschärft und dass
Renten Fonds, welche bisher von hohen Renditen aus großen Investitionen im Finanzmarkt
profitiert haben, nun die Regierung um Rettung bitten werden. (Vgl. Strunz/Schindler 2017: 9f.)
All diese Lösungsansätze für die Implementierung einer Postwachstumsgesellschaft verbindet
ein großes Problem: alle Lösungsansätze sind unpopulär und der direkte Nutzen ist nicht klar
erkennbar beziehungsweise nicht vorhanden. Für die Implementierung einer
Postwachstumsgesellschaft braucht es die Politik. Egal, welchen Ansatz einer
Postwachstumsgesellschaft man anstrebt. Diese stellt mit den Prinzipien, auf denen sie beruht,
eine große Barriere dar, denn: Wähler entscheiden rational und Politiker richten sich primär
danach, wie sich die Wähler entscheiden, um ihre Chancen auf einen Wahlsieg zu maximieren.
Die Durchsetzung einer Postwachstumsökonomie ohne individuellen Nutzen für den Wähler
kann also schwierig werden. (Vgl. Strunz/Schindler 2017: 4f.)

 

4. Alternativen zu Paechs Theorie

Der Soziologe Matthias Schmelzer unterteilt den deutschsprachigen Postwachstumsdiskurs in
die folgenden fünf wachstumskritischen Perspektiven: konservativ, sozialreformerisch,
suffizienzorientiert, kapitalismuskritisch und feministisch. (vgl. Schmelzer 2015 zit. nach.
Schiemann/Wilmsen 2017:7) Diese sind nicht trennscharf, sondern es kommt zu
Übereinstimmungen auf vielen Ebenen. Während Paechs Theorie wohl am ehesten der
Suffizienzorientierung und der Sozialreform zugeschrieben werden kann, sind sowohl Felber
als auch Schneidewind deutlich konservativer. Gerade Schneidewind ist bei seiner Kritik des
Kapitalismus deutlich zurückhaltender. Doch auch Felber lehnt den Kapitalismus nicht in
einem Maße ab, wie es Paech tut, sondern seine Kritik richtet sich eher dahin, wie die Wirtschaft
gesteuert wird und nach welchen Maßstäben wirtschaftlicher Erfolg gemessen wird.

 

4.1 Die große Transformation

Das von Schneidewind angestrebte Wuppertaler Transformationsmodell lässt sich in zehn
zentrale Bausteine sortiert in drei Blöcke aufteilen. Zum einen wären da die drei Ansätze
Nachhaltigkeit als kulturelles Projekt, die sieben Arenen, in denen sich die große
Transformation abspielt, und die Akteure. So ist eine Transformation nur möglich, wenn man
sie vom kulturellen Ende her betrachtet. Ansonsten besteht die Gefahr, dass Technologie und
Ökonomie die Menschheit allein beeinflussen. Notwendig ist eine „moralische Revolution“
(Schneidewind 2018:478). Der Kapitalismus muss weiterentwickelt werden und alle vier
Dimensionen der Veränderung, also Technologie, Ökonomie, Politik und Kultur, müssen
beachtet werden.
Anders als Paech gibt Schneidewind eindeutigere Perspektiven dafür, wie sich eine
Postwachstumsgesellschaft implementieren lässt. Die Zivilgesellschaft ist für ihn die treibende
Kraft hinter einer großen Veränderung, wie eine Postwachstumsgesellschaft. Notwendig ist
dafür die Herausbildung eines moralischen Kompasses mit dem Anspruch allen Menschen die
gleichen Chancen auf Entwicklung und Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu geben.
Zivilgesellschaftliche Veränderung stellt er sich mithilfe des „Great Turning“ (Schneidewind 2018: 305)
Modells vor: Zu Beginn wird gegen bestehende problematische Entwicklungen
protestiert und Widerstand geleistet. Was folgt ist die Schaffung neuer und alternativer
Strukturen. Dies wiederum führt zu einer Veränderung des Bewusstseins und der Werte und
diese Veränderung führt wiederum zum Widerstand und Protest, sodass ein Kreislauf entsteht.
(Vgl. ebd.)

Die Transformation wird sich in einer Vielzahl von Wellen widerspiegeln, die jeweils einzelne
Aspekte unserer Gesellschaft verändern. Insgesamt gibt es sieben dieser Wenden. Die erste ist
die Wohlstands- und Konsumwende. So muss es ähnlich wie bei Paech zu einem Umdenken
kommen und unser Konsum muss nachhaltiger gestaltet werden. Gerade Entschleunigung und
auch die längere und effizientere Nutzung von Konsumgütern steht im Vordergrund. (Vgl.
ebd.:189) Die zweite Wende ist die Energiewende. Hier ist eine Umstellung von fossilen auf
erneuerbare Rohstoffe notwendig. Auf die Energiewende folgt die Ressourcenwende:
Rohstoffe werden nicht effizient genutzt und oft nicht sinnvoll recycelt. Was Schneidewind
fordert ist die Umstellung auf ein Kreislaufmodell und die Vermeidung von Abfällen.
(Vgl.ebd.:221f.) Auch die Mobilität muss eine Wende erfahren, so steht vor allem der Ausstieg
aus Verbrennungsmotoren im Vordergrund. Elektrische Mobilität ist bereits technisch und
teilweise auch ökonomisch möglich, ökologisch sind jedoch noch lange nicht alle Hindernisse
überwunden. Auch Probleme wie die Knappheit von Platz für Straßen und Parkplätze gilt es zu
bewältigen. (Vgl. ebd.:241f.) Die Ernährungswende ist aus gesundheitlichen und ökologischen
Gründen notwendig. So müssen lokale und nachhaltige Lebensmittelproduktion unterstützt
werden und Transparenz für Verbraucher geschaffen werden. Auch Formen der Suffizienz-
Politik sind sinnvoll, um die Ernährungswende herbeizuführen. (Vgl.ebd.259f.) Da die Städte
weltweit immer größer und wichtiger werden, ist auch dort eine Wende herbeizuführen. Das
größte Problem, das es in diesem Zusammenhang zu bewältigen gilt, ist das Platzproblem, aber
auch gesellschaftliche Probleme kommen im Zusammenhang mit den großen Veränderungen,
die unsere Städte bewältigen müssen zum Tragen. Was es braucht ist das Engagement der
Zivilgesellschaft. (Vgl.ebd.:277f.) Zuletzt sieht Schneidewind auch die Notwendigkeit darin
eine industrielle Wende zu vollziehen, um Grundstoffindustrien zukunftsfest zu machen.
Besonders wichtig in diesem Modell sind zudem Akteure. Wichtige Akteure sind vor allem die
Zivilgesellschaft und die Politik. Doch auch Unternehmen und die Wissenschaft nehmen eine
wichtige Rolle ein. (Vgl. ebd.:478f.) Wichtige zivilgesellschaftliche Gruppen sind für
Schneidewind Umweltverbände, Kirchen, Gewerkschaften und soziale Bewegungen von unten
(vgl. ebd.:310). Soziale Bewegungen von unten sind Organisationen mit spezifischeren,
vielfältigeren und konzentrierteren Zielen, welche oft weniger langlebig sind, dafür aber mit
neueren und effektiveren Strategien arbeiten. Beispiele sind Transition Towns, Studentische
Bewegungen wie AIESEC oder Bewegungen wie Ende Gelände. (Vgl. ebd.:322f.)

Im Vergleich zu Paech setzt sich Schneidewind intensiver mit der Rolle der Politik in
Transformationsprozessen auseinander und die Politik übernimmt für ihn eine große und
wichtige Rolle ein. Politikerinnen und Politiker sind dabei für ihn keine autonomen Gestalter
einer großen Transformation

„Ihre Zukunftskunst besteht darin, gesellschaftlich aufkommende Herausforderungen im
Geflecht unterschiedlicher Interessen und Wertvorstellungen zu übersetzen.“ (Schneidewind 2018:338f.).

Das heißt sie wandeln die von der Gesellschaft geforderten Interessen und damit Normen und
Werte in ein für alle gültiges Regelwerk in Form von Gesetzen um. Die Handlungsspielräume
der Politik sind bei ihm begrenzt durch andere gesellschaftliche Akteure wie die Wissenschaft
und Umweltorganisationen. Diese bringen gesellschaftliche Probleme erst auf die
Tagesordnung der Politik. (Vgl. ebd.:339)
Des Weiteren ist die Demokratie für eine nachhaltige Entwicklung notwendig und wichtig. Er
rät von Überlegungen ab, welche darauf hinauslaufen zu autokratischen Systemen zu wechseln,
oder welche dazu führen, dass Demokratien erst gar nicht in der Lage sind globale
Herausforderungen, wie den Klimawandel, angemessen zu umgehen. Das Argument dagegen
ist zum einen, dass es meist viel höhere Umweltbelastungen in autokratischen Systemen gibt,
zum anderen führt ein Verrat demokratischer Prinzipien langfristig immer zu humanitären
Katastrophen. Und wer Nachhaltigkeit als konsequente Verlängerung der Menschenrechte
sieht, und das tut Schneidewind, der kann und muss für diese im demokratischen Wettbewerb
streiten. (Vgl. Schneidewind 2018:333)
Der große Unterschied der Theorie Schneidewinds gegenüber Paech ist, dass Schneidewinds
Theorie deutlich politischer ist. Paechs Theorie dreht sich vor allem darum, wie eine
Wirtschaftstheorie aussehen kann, die zu einhundert Prozent auf Subsistenz und Suffizienz
aufbaut. Schneidewind hingegen ist deutlich konservativer in seinen Zielen. Er geht viel
kleinere Schritte und schlägt keinen kompletten Kurswechsel vor. Vielmehr geht es ihm darum,
wie wir die Politik so beeinflussen können, dass diese nachhaltiger wird.

 

4.2 Die Gemeinwohlökonomie

Die Gemeinwohlökonomie schlägt vor, dass die Forderung vieler Verfassungen alles
wirtschaftliche Handeln dem Gemeinwohl dienen soll, auch umgesetzt wird (vgl. Felber 2018: 27).
Dies soll mittels zwei Schritte erreicht werden: der rechtliche Anreizrahmen soll nicht mehr
dem Ideal der Eigennutzenmaximierung folgen, sondern der Gemeinwohlorientierung. Der
zweite Schritt wäre, dass es einen anderen Maßstab geben muss, um den Erfolg der Wirtschaft
zu messen. Zurzeit werden primär mit monetären Indikatoren gemessen. Dabei kritisiert Felber
vor allem das BIP als Maßstab. Laut ihm sagt das BIP nichts über die Verfügbarkeit von
Nutzwerten aus. (Vgl. ebd.:28-32)
Als Alternative zum BIP nennt Felber das Gemeinwohlprodukt für Volkswirtschaften. Als
Maßstab für den Erfolg eines Unternehmens soll die Gemeinwohl-Bilanz dienen. Die
Gemeinwohl-Bilanz setzt sich dabei aus den fünf Punkten Menschenwürde, Solidarität,
Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und demokratische Mitentscheidung zusammen. Die
Bilanz misst, inwieweit diese Werte gegenüber „Berührungsgruppen“ eines Unternehmens
gelebt werden. Berührungsgruppen sind dabei alle Personengruppen, die von der Tätigkeit eines
Unternehmens betroffen sind. Dies sind beispielsweise Angestellte, Zulieferer und
Verbraucher, aber auch zukünftige Generationen. (Vgl. ebd. 332f.)
Für die Bestimmung des Gemeinwohles ist die Demokratie verantwortlich. Notwendig ist für
die Gemeinwohlökonomie, dass Unternehmen per Gesetz dazu verpflichtet sind sich an die
Ziele der Gemeinwohlökonomie zu halten und darüber auch Rechenschaft abzulegen. Sollte
der Weg über die repräsentative Demokratie nicht funktionieren, so fordert Felber als Plan B
die Wahl eines Wirtschaftskonvents, welches die Werte des Grundgesetzes nach dem
Grundsatz Eigentum verpflichtet garantiert. (Vgl. ebd.:35-40) Umsetzen lässt sich dieses
System nur auf eine Weise. Es muss zuallererst Pioniere in Form von Unternehmen geben, die
sich selbst verpflichten nach den Grundsätzen der Gemeinwohlökonomie zu handeln. Es muss
Pioniere und Unterstützer in allen Bereichen des öffentlichen Lebens geben. Notwendig ist
schlussendlich, dass Ziele und Umsetzung einer Gemeinwohlökonomie per Gesetz umgesetzt
werden. (Vgl. ebd.:183-190) So sollen Unternehmen, die sich nicht an die Zielsetzungen der
Gemeinwohlökonomie halten in die höchsten Steuer-, Zoll- und Zinsklassen gesetzt werden,
um bei ihnen ein Umdenken herbeizuführen oder diese Unternehmen gehen in Konkurs, da ihre
Produkte nicht mehr konkurrenzfähig sind. Dem Vorwurf, dass die Gemeinwohl-Pflicht
Überregulierung und Zwang sei, entgegnet Felber, dass jede Wirtschaftsform und jedes Gesetz
bereits Regulierung und Zwang bedeuten. Die Gesetze und Regulierungen der
Gemeinwohlökonomie würden nicht mehr zwingen oder regulieren als andere
Wirtschaftsformen. (Vgl. ebd.: 198f.) Zudem ist Felber kritisch gegenüber jeglichem
Wettbewerb eingestellt. So ist Konkurrenz eine Möglichkeit, aber keine Notwendigkeit (vgl.
ebd.:200f.) Sieht man sich Nico Paechs Theorie aus der Sicht der konstitutionellen Ökonomie
an, so arbeitet sie mit zu wenigen Anreizen. Dies macht die Theorie von Felber deutlich besser,
da diese mehr mit Anreizen für Unternehmen arbeitet. So soll bei Felbers Theorie mit einem
Belohnungssystem pro nachhaltigem Wirtschaften über die Unternehmenssteuern gearbeitet
werden. (Vgl. Leschke 2018:18)
Felbers Theorie ist deutlich ähnlicher zu Schneidewinds Theorie als zu Paechs. Beide sind eher
Verfechter einer Verbesserung unseres Systems als Verfechter einer radikalen Veränderung,
wie Paech es ist. Auch Felber ist der Meinung, dass nur die Politik für eine Veränderung der
Marktwirtschaft sorgen kann. Die Ziele, die Paech mit seiner Theorie fordert, sollen bei Felber
dadurch eintreten, dass die Unternehmen von der Gesellschaft und letztendlich von der Politik
aufgefordert werden nach anderen Maßstäben zu handeln. So soll es für Unternehmen immer
noch um Erfolgsmaximierung gehen. Der Erfolg jedoch hängt nicht mehr nur mit monetärem
Gewinn zusammen, sondern damit, wie nachhaltig das Unternehmen gehandelt hat.

5. Fazit

Paechs Theorie bietet eine Alternative zu unserem aktuellen Wirtschaftssystem. Sie ist in ihrem
Kern sehr radikal und darum das Ziel von viel Kritik. Besonders die Umsetzbarkeit seiner Ideen
ist fraglich und wird leider nicht ausführlich von ihm behandelt. Die Kritik an Paechs Theorie
ist meiner Meinung nach gerechtfertigt und sinnvoll. Das macht die Theorie jedoch nicht
sinnfrei. Paechs Theorie ist als Gedankenanstoß gedacht. Es ist wichtig und notwendig über
diese Theorie zu sprechen und zu diskutieren. Auch die Konzepte von Felber und Schneidewind
sind nicht perfekt und lassen sich ausführlich kritisieren. Jedoch sind diese beiden Konzepte
deutlich bodenständiger und lassen keine dermaßen große Abweichung von unserem
Wirtschaftssystem erkennen. Paech würde vermutlich an ihren Konzepten kritisieren, dass
diese nicht weit genug gehen. Allerdings bieten diese beiden Autoren Möglichkeiten dafür, wie
sich die angestrebte Postwachstumsgesellschaft auch realisieren lässt. Paechs Theorie ist in
ihrem Kern eine reine Wirtschaftstheorie mit einigen sozialen Konzepten und
Verbesserungsvorschlägen. Schneidewinds Theorie hingegen ist hochpolitisch und funktioniert
nur im Zusammenspiel von Staat und Gesellschaft. Ihm geht es darum, wie wir als Bürger
unseren Staat gestalten können und so eine bessere Nachhaltigkeit erzielen können. Während
Paech die Frage nach dem „Wie gelangen wir zu einer Postwachstumsgesellschaft?“ offen lässt
und damit rechnet, dass sie früher oder später aus reiner Notwendigkeit entstehen wird, plädiert
Schneidewind dafür, dass wir uns heute schon dafür einzusetzen, dass eine große Veränderung
möglich ist. Im Gegensatz zu Schneidewind ist auch Felbers Gemeinwohlökonomie mehr
Wirtschaftstheorie als vielmehr politische Theorie. Er sieht das größte Problem darin, wie wir
den Erfolg unserer Wirtschaft messen. Dieses Problem gilt es zu lösen. Doch auch er sieht die
Notwendigkeit, dass wir uns selbst um diesen Wandel bemühen. Es braucht uns als Pioniere.
Die Politik kann nur umsetzen, wofür wir uns aussprechen und wofür wir plädieren. Alle drei
Autoren sind sich hingegen bei einem Punkt einig: es muss sich etwas verändern. So soll bei
ihnen allen ein Wirtschaftssystem geschaffen werden, welches der wohl größten Gefahr unserer
Zeit widerstehen kann. Diese Gefahr ist der Klimawandel und die Ressourcenknappheit unserer
Erde. So stehen Nachhaltigkeit und Selbstversorgung im Vordergrund ihrer Ideen. Doch auch
gesellschaftliche Probleme wie die ungleiche Verteilung von Wohlstand und Ressourcen sind
im Fokus. Paechs Idee für den Aufbau einer Postwachstumsgesellschaft ist durchaus sinnvoll
und logisch. Dass sie jedoch ohne einen konkreten Realisierungsplan funktionieren kann, ist
fraglich. Alle drei Ideen lassen sich gut miteinander verbinden. In der Kombination aller drei
Konzepte lässt sich vermutlich trotzdem kein „Masterplan“ für ein neues Wirtschaftssystem
finden. Allerdings sind alle drei Konzepte es wert über sie zu diskutieren und eine Veränderung
herbeizuführen. Wie diese Veränderung aussehen kann, liegt in unserer Hand.

 

Literaturverzeichnis

Felber, Christian (2018) Gemeinwohlökonomie.5. Auflage, München, Piper Verlag.

Leschke, Martin (2015): Alternativen zur Marktwirtschaft. Ein kritischer
Blick auf die Ansätze von Niko Paech und Christian Felber aus Sicht der konstitutionellen
Ökonomik, in: Beiträge zur Jahrestagung des Ausschusses für Wirtschaftssysteme und
Institutionenökonomik im Verein für Socialpolitik: „Marktwirtschaft im Lichte möglicher
Alternativen“, 27.-29. September 2015, Bayreuth, Verein für Socialpolitik, Ausschuss für
Wirtschaftssysteme und Institutionenökonomik, Münster S.1-23.

Paech, Niko. (2015): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die
Postwachstumsökonomie, 11. Auflage, München, oekom Verlag.

Schiemann, Christoph/ Wilmsen, Felix (2017): Umsetzungsmöglichkeiten
postwachstumsökonomischer Suffizienz- und Subsistenzansätze in der urbanen Praxis,
in: Beiträge zur Wirtschaftsgeographie und Regionalentwicklung, No. 1-2017, Universität
Bremen, Institut für Geografie, Bremen, S.1-35.

Schindler, H /Strunz, S. (2017): Identifying barriers towards a post-growth economy – a
political economy view. In: UFZ Discussion Papers, 6/2017. Leipzig: Helmholtz-Zentrum für
Umweltforschung – UFZ, S.1-19.

Schneidewind, Uwe (2018): Die große Transformation. Eine Einführung in die Kunst
gesellschaftlichen Wandels, 4. Auflage, Frankfurt am Main, Fischer Verlag.

Christian Felber, Gemeinwohlökonmie, Niko Paech, Postwachstumsökonomie, Transformation, Uwe Schneidewind