Kommentar zu dem lesenswerten Artikel von Wolfram Henn „Wehe, die Computer sagen einmal ich “ aus der FAZ vom 25. Juni 2018, Feuilleton S. 15

Kommentar zu dem lesenswerten Artikel von Wolfram Henn „Wehe, die Computer sagen einmal ich“ aus der FAZ vom 25. Juni 2018, Feuilleton S. 15

   Der Visionär und Unternehmer Elon Musk und der jüngst verstorbene Physiker Stephen Hawking warnten vor der existentiellen Bedrohung der menschlichen Zivilisation durch die ungezügelte Entwicklung der künstlichen Intelligenz. Auch der Humangenetiker Wolfram Henn greift als Mitglied des Deutschen Ethikrats die  Befürchtungen dieser beiden Prominenten auf und begründet dies in einem lesenswerten Aufsatz  im Feuilleton-Teil der FAZ vom 25.Juni 2018.

   Seine Hauptthese lautet, dass die künstliche Intelligenz gefährlich werden könne, wenn sie imstande sei autonom zu handeln, woran KI-Forscher arbeiten! Prof. Henn argumentiert dabei nicht  als technikfeindlicher Skeptiker oder moralisierender Warner, eher als nüchterner Betrachter von Innovationszyklen der biologischen Evolution.

   Leben in zunächst primitivster Form  exitiert seit zwei Milliarden Jahren, Frühformen menschlichen Lebens gibt es seit  rund 7 Millionen Jahren. In der Evolution- so der Autor – hat eine überlegene Spezies oder Kultur ihren Entwicklungsvorsprung stets rücksichtslos in Herrschaft  umgemünzt. Der Mensch bildete ein Ich-Bewußtsein heraus, „ als es im Gehirn ab einem bestimmten Grad von neuronaler Leistungsfähigkeit zu einer autonomen Selbstorganisation der Informationsverarbeitung kam oder vielleicht kommen musste.“

   Noch sind Computer in unserem Ökosystem dem Menschen weit unterlegen, erfolgreich nur bei spezifischen Herausforderungen wie Schach, Go oder Big-Data – Auswertung. Der militärische Einsatz von Drohnen und auch das autonome Fahren erfordern jedoch autonomes Erkennen von Situationen, eine (aus-) wertende Situationsbestimmung  sowie selbständige Handlungsorientierung. Die Entwicklungsfortschritte beim autonomen Fahren sind tagtäglich in Fachzeitschriften nachlesbar, im medizinischen Bereich und in der Robotik zeigen selbstlernende Systeme erstaunliche Fortschritte. Gesprächsthema auf der diesjährigen Frankfurter Fachkonferenz – und messe ISC sind Höchstleistungsrechner, die ins Exascale – Zeitalter vorstoßen ( zehn hoch 18 Rechenoperationen pro sek = 1 Exaflop). Quantencomputer schaffen 20 Qubits, ihre Entwicklung steht erst am Anfang.

   Prof. Henn mahnt, dass technische Erfolge nicht isoliert vom gesellschaftlichen Nutzen betrachtet werden sollen und vor allem nicht ohne menschliche Kontrolle entwickelt und angewandt werden darf. An dieser Stelle lohnt ein längeres Zitieren: „ Fehlt nur noch eines, nämlich der Mechanismus einer autonomen, von äußerer Steuerung unabhängigen Weiterentwicklung. Genau dieser ist es, den wir im Zusammenhang mit der vielbeschworenen Künstlichen Intelligenz als „selbstlernende Systeme“ in unsere Gerätschaften einzubauen beginnen- in der impliziten und wohl naiven Erwartung, dass diese autonomen Prozesse irgendwie schon zum Stillstand kommen werden, bevor sie für uns selbst als ursprüngliche Konstrukteure unangenehm oder gefährlich werden können. Leider ist eine solch gnädige Selbstlimitierung in der biologischen und zivilisatorischen Evolution noch nie vorgekommen…“ Es gilt , die Ich-Werdung von Computern zu verhindern, zumindest darf die Kontrollfunktion des Menschen nicht aus der Hand gegeben werden. In evolutionstheoretischer Betrachtung sind „wir Menschen das Ancien Régime des 21. Jahrhunderts“.

   Prof. Henn bestreitet in den Schlußausführungen nicht die segensreichen Entwicklungen z.B. im medizinischen Bereich, er warnt jedoch zu Recht davor, die elektronischen Assistenten zur Autonomie zu erziehen, das sie befähigt, über ihr eigenes Schicksal und dann über das der Menschen zu bestimmen.

   Dieser Artikel gibt die Bedenken wieder, die Mitglieder des Vereins „regionale Resilinez“ bewogen haben, sich für die Auswirkungen von Technik zu interessieren, sich zu  engagieren, um  vor Fehlentwicklungen zu warnen und auf breiter demokratischer und emanzipatorischer Basis Lösungen zu entwickeln. Um so erfreulicher, wenn kritische Beobachter wie Prof. Henn zu Wort kommen können. KI – Forscher wie Jürgen Schmidhuber oder Ray Kurzweil sehen zwar gleichartige Entwicklungen, vor denen Prof. Henn warnt, doch ist es ihnen egal, ob der Mensch langfristig noch eine Rolle spielt. Werfen wir diesen Humanjongleuren eine letztes Zitat entgegen: „ Am Ende möchte ich jedenfalls sehr gerne die Entscheidung, wann meine Zeit gekommen ist, in meinen eigenen Händen oder in denen meiner Angehörigen belassen.“

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