Bücher von Philipp Blom

Philipp Blom…ein lesenswerter Autor

Philipp Blom lebt als Historiker und Schriftsteller in Wien. Trotz eines gewissen Bekanntheitsgrades und vieler lobender Rezensionen war er für mich wie für viele meiner Freunde unbekannt. Der Titel seines Werkes „Die zerrissenen Jahre 1918-1938 “ erregte dann meine Aufmerkamkeit, und mit dieser Lektüre wurde ich ein  glühender Anhänger von ihm. Wer noch keine Urlaubslektüre gefunden hat, dem sei jedes der hier vorgestellten Bücher wärmstens empfohlen!

Was fasziniert an Philipp Blom? Neben Schreibstil, umfangreichem Wissen, Analysefähigkeit und originellem Themenbezug gefallen zwei Untersuchungsstränge, die mehr oder weniger offensichtlich sein Gesamtwerk durchziehen. Erstens: „wie verhalten sich Gesellschaften in Epochen großen Umbruches?“ ,und zweitens die philisophische Fragestellung: „wie ist die Konzeption der menschlichen Natur beschaffen?“

Die historischen Werke „Der taumelnde Kontinent; Europa 1900-1914“ sowie „Die zerrissenen Jahre; 1918 – 1938“ beschreiben Zeitepochen des Umbruches. Wir befinden uns darin in der Endphase der Industriellen Revolution, die Gesellschaften in eine mentale Orientierungslosigkeit führten. Die Menschen spürten die Folgen des technischen Fortschritts, erfassbar in zunehmender Mobilität und Urbanität, doch führte dieser erfahrbare und erfahrene Wandel zu gesellschaftlicher, mentaler  und folglich politischer Destabilität. Drastisch demonstriert Blom das Phänomen des kollektiven Traumas am Beispiel des 1. Weltkriegs. Nicht Heldentum im Kampf Soldat gegen Soldat, Feind gegen Feind und Nation gegen Nation erwarteten die Divisionen an der Front, sondern ein schrecklicher Blutzoll, verursacht durch Granaten und Bomben einer entwickelten Technik, die keinen Raum für individuelles Heldentum erlaubte. Eine traumatisierte  „lost generation“ suchte in den Folgejahren vergeblich eine Neuorientierung.

Philipp Blom behandelt in den zwei historischen Werken für jedes Jahr einen thematischen Schwerpunkt und vermittelt mit dieser  methodischen Vorgehensweise einen Einblick in den Zeitgeist der Epoche. Ob bei der Beschreibung des Films Metropolis oder der Darstellung der surrealistischen Weltrevolution oder der Abhandlung der physikalischen Neuorientierung durch Einstein und  Max Planck, die Bruchstücke zwischen Vergangenheit und Zukunftserwartung bleiben für die Gegenwart ungelöst. Betroffene Zivilisationen zeigen sich auf der Suche nach neuen Werten, und orientieren sich doch an alte, jetzt umformulierte Etiketten wie der Führerstaat Mussolinis. Neue  Hoffnungen und Erwartungen mit der russischen Revolution werden durch die Niederschlagung des Kronstädter Aufstands liquidiert. Blom schreibt politisch und gesellschaftskritisch, nicht neutral, aber auch nicht moralisch überbetont wertend. Der Leser wird in eine Zeit eingeführt, an der er teilhaben kann. Irgendwann schlägt er die Brücke zur Aktualität, hinterfragt, welchen Einflüsse die Gegenwart unterworfen ist, und – so erging es mir – spürt eine parallel empfundene Orientierungslosigkeit.

   Natürlich verlaufen  Gegenwart und Zukunft anders als die Vergangenheit, und die Errungenschaften der historischen Ereignisse ermöglichen wahrscheinlich gefestigtere demokratische Strukturen, die auch in Zukunft weniger fragil sein könnten als diejenigen des Übergangs zum 20. Jahrhundert. Wie steht es jedoch um scheinbar gefestigte zivilisatorische Normen wie Freiheit, Sicherheit, Toleranz, Wohlstand und Erhalt der Natur? Welchen Einluß haben Digitalisierung und Klimawandel  für die Menschheit? Befinden sich nunmehr 7,4 Milliarden Menschen nicht in einer ähnlichen Umbruchsphase wie jene 1,7 Milliarden Menschen der Jahrhundertwende 1900?

   Bloms Werk „ Was auf dem Spiel steht“ versteht sich als  Gegenwartsanalyse, die angesichts der Darlegungen in seinen historischen Werken nicht überraschen kann, ja sogar notwendig erscheint. Der Autor kritisiert eine Wirtschaftsform, die den Menschen nur als Konsument denn als aufgeklärten Bürger betrachtet. Fortschritt bedroht die Lebensgrundlagen der Menschheit, doch „ kein normaler Politiker würde sich trauen, dem Wahlvolk zu erzählen, dass wir alle ärmer werden, dass wir, statt einkaufen zu gehen, uns gemeinsam fragen müssen, in was für einer Gesellschaft wir in 30 Jahren leben wollen…“ (ebenda S.186) . Bloms Urteil fällt pessimistisch aus, und trotzdem fühlt er sich zum Optimismus verpflichtet.

   Was braucht die Menschheit zur Umkehr im  Denken und Handeln?  Die Antwort: eine radikale Aufklärung, eine Hinterfragung der Normalität des status quo, oder neudeutsch: einen grundlegenden Paradigmenwechsel. In seinem philosophischen Werk „böse Philosophen“ stellt er eine Gruppe radikaler Aufklärer in der Zeit vor der Französischen Revolution vor, die einen solchen Wandel für ihre Epoche anstrebten und philosophisch begründeten. Die Gruppe um Holbach, Diderot, Helvétius und weitere mehr oder weniger zum festen Kreis gehörende Intellektuelle traf sich zweimal wöchenlich im Salon Holbachs und diskutierte in diesen Sitzungen über die Beschaffenheit des Menschen, die Rolle der Religion, über Emanzipation, Aufklärung und politische Systeme. Blom verliert sich teilweise in persönlichen Anekdoten seiner Aspiranten, das Buch gewinnt jedoch an Wert durch die vertiefende Durchbohrung der Frage nach der menschlichen Natur. Wir werden sehen, dass diese Fragestellung aktueller denn je sein wird, doch gehen wir zuerst den Gedanken des philosophischen Holbachkreises nach.

   Sehr schnell entsteht dort ein Konsens über die inneren Widersprüche der religiösen Doktrin. „Dieser Gott ist nicht immer ungerecht und grausam, sein Verhalten ändert sich; einmal erschafft er die gesamte Natur für den Menschen; dann erscheint er eben diesen Menschen nur geschaffen zu haben, um seinen willkürlichen Zorn über ihn auszuschütten; dann liebt er ihn wieder, trotz all seiner Fehler; dann wieder verdammt er das ganze Menschengeschlecht um eines Apfels willen zum Leiden.“ (ebenda S.129). Der Kreis kehrt sich von der Religion ab und predigt einen radikalen Atheismus. Das war nicht ungefährlich, Diderot und Holbach mussten deshalb konspirative Wege, z.T. über das weltoffenere Holland geehen, um ihre Werke zu veröffentlichen.

   Sehr schnell bezeugt Blom seine Sympathie für den Philosophen Diderot. Bekannt wurde dieser als Mit-Herausgeber der Encyclopédie Francais. Anders als Holbachs materialistischer Ansatz sieht Diderot – seiner Lebensenergie entsprechend – Lust, Eros, Leidenschaft und Instinkt als fundamentale menschliche Eigenschaft. Die kirchliche Moral verschleiert und verdammt dieses Fundament. Diderot beschäftigte Zeit seines Lebens die Frage, wie auf der Basis dieses vulgären Fundaments Empathie, Moral, Toleranz und Emanzipation entwickelt werden kann? Nach Diderot konnte Toleranz usw. nur entstehen, weil  die Menschen aufeinander angewiesen sind, weil Moral intrinsisch erkannt und nicht extrinsisch (durch Kirche, Staat) aufgezwunden werden muss. „Anstatt im Herzen der Menschen die wesentliche und natürliche Selbstliebe zu ersticken, sollte die Moral sie nutzen, um ihnen zu zeigen, dass es in ihrem Interesse ist, gut, menschlich, gesellig und vertrauenswürdig zu sein: weit davon entfernt, die Leidenschaften dieser Natur zu zerstören, will die Moral sie zur Tugend führen, ohne die kein Mensch auf Erden jemals wirkliches Glück genießen kann.“ (S.243) .

   Er grenzt sich somit von Rousseau ab, der zwar persönliches Eigentum als Grundlage allen Übels ablehnt, dafür zur kindlichen Einfachheit zurückkehren möchte. Für diese Rückkehr zur Natur bedarf es eines Minimums an verbindlichen Regeln. Rousseau‘s volonté générale – also die Basis der Natürlichkeit als allgemeiner Volkswille- wird jedoch nicht von allen erkannt. „Gäbe es ein göttliches Volk, seine Regierung wäre demokratisch. So eine perfekte Regierung ist den Menschen nicht bestimmt“ (S.258) . Das Volk muss also gelenkt werden, und zwar von Menschen, die den wahren Volkswillen erkennen. Diktaturen und Personenkult werden philosophisch legitimiert. Robespierre’s Kult der Vernunft und Lenins Parteienverständnis aus „Was tun?“ finden hier ihre Parallen.

   Blom distanziert Diderots „radikale Aufklärung“ auch von den gemäßigten Aufklärern um Voltaire und Kant, deren Philosophie immer noch eine wesentliche Bestimmungsgröße unserer Kultur ausmacht. „Die gemäßigte Aufklärung von Voltaire und Kant eignete sich hervorragend als Überbau für die Werte eines kapitalistischen Bürgertums. Die Vernunft wurde zelebriert, aber gleichzeitig wurde ihr Wirkungskreis auf die Wissenschaften beschränkt, so dass sie keinerlei Gefahr für den heiligen Hain der Religion darstellte. Der menschliche Geist wurde als abstrakt und rein gesehen, und gemeinsam mit dem Glauben konnte diese Reinheitsvorstellung die dauerhafte Präsenz der Lust kontrollieren und in Schuld verwandeln, die dann in ein unappetitliches Souterrain des menschlichen Wesens verbannt wurde…Arbeit und Freizeit, Wohnraum und Verkehr, Sex und Unterhaltung, Bestrafung und ärztliche Behandlung – sie alle wurden der Herrschaft der vernunftorientierten Kalkulation unterworfen und aufgrund derselben Prinzipien von Angebot und Nachfrage, bürokratischer Verwaltung und industrieller Produktivität reglementiert. Es war die Zeit, in der nicht nur die größten Bahnhöfe und Fabriken, sondern auch die größten Gefängnisse und Krankenhäuser gebaut wurden.“ (370f)

   Die Lektüre der Werke Bloms zwingt zum Nachdenken über die Zukunft, obwohl drei der vier Werke von der Vergangenheit handeln. Die Bewältigung der technischen und klimatischen Herausforderungen sind nur mit einer neuen radikalen Aufklärung zu schaffen. Aber auch darüber hinaus stellt sich die Frage nach dem Wesen des Menschen, dessen ureigene Aufgabe nach der Vertreibung aus dem Paradies, nämlich im Schweisse seines Angesichts durch Arbeit sein Überleben zu sichern, zunehmend von künstlichen Maschinen übernommen werden wird. Die Sinnfrage begleitet den Menschen existentiell.

Philipp Blom,…

  • Böse Philosophen, Ein Slon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung, München, 5.Auflage 2017, dtv 34755
  • Der taumelnde Kontinent, Europa 1900-1914, München, 6. Auflage, 2014, dtv 34678
  • Die zerrisenen Jahre, 1918-1938, München, 3. Auflage , 2017, dtv 34878
  • Was auf dem Spiel steht, München, 2. Auflage 2017, Hanser Verlag

 

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