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Buchbesprechung : Volker Ullrich,Das unaufhaltsame Scheitern der Weimarer Republik

   Lehrmeister Geschichte?

Überlegungen zu Parallelen zwischen der Weimarer Republik und der Gegenwart der BRD. Angeregt durch das Buch von Volker Ullrich, „Schicksalsstunden einer Demokratie – das aufhaltsame Scheitern der Weimarer Demokratie“, München 2024

Die Lektüre des Buches von Volker Ullrich setzt zwar keine umfassenden Kenntnisse der Weimarer Republik voraus, doch hilft ein grundlegendes Hintergrundwissen zum Verständnis einiger Details. Vorweg, es handelt sich um ein sehr überzeugendes historisches Sachbuch, sehr angenehm zu lesen und analytisch zutreffend. Das Buch regt – ohne expliziten Hinweis – an, über die Gegenwart zu reflektieren. Ein Beispiel: nach dem 13.August, dem Treffen von Reichspräsident Hindenburg und A.Hitler, glaubten die meisten politisch Interessierten an den Beginn des Abstiegs des Nationalsozialismus. Hindenburg lehnte bei diesem Treffen die Forderung der Kanzlerschaft Hitlers ab, zudem zeigte das Wahlergebnis vom 6.November 1932 ein für die NS enttäuschendes Ergebnis. Erhielt die Partei bei den Wahlen vom 31. Juli 1932 noch 37,3 % der Stimmen, so waren es im November „nur“ 33,1 %. Der Aufwärtstrend war gebrochen, Hitlers NSDAP hatte vermeintlich ihren Höhepunkt überwunden. Am 30. Januar wurde jedoch A.Hitler deutscher Reichskanzler, im Juli 1933 war die NSDAP die einzige verbliebende Partei in Deutschland.

Was war geschehen? Vor allem: welche Kräfte und Umstände ermöglichten den Weg zur Diktatur von Hitlers „Ein Reich – Ein Volk – Ein Führer“?

Die Lektüre verführt zum Nachdenken über Parallelen und Unterschiede zur Gegenwart, und das Wissen um die Möglichkeit von scheinbar Unmöglichem verhilft zur Achtsamkeit! Geschichte lehrt durchaus, wenn sie differenziert betrachtet wird.

Beginnen wir mit den Parallelen zwischen der WR und der Gegenwart:

Wie in weiten Teilen der westlichen Welt sehen wir das Erstarken antidemokratischer Kräfte. In diesen rechten Parteien gibt es – vielleicht noch nicht überwiegend – doch tendenziell Ansichten zur Abschaffung der Demokratie. Wenn Herr Höcke von der AfD der Meinung ist, die Einführung der Wehrpflicht sei abzulehnen, weil dieser Staat nicht verteidigungswürdig sei, so entspricht das voll der einstigen NS-Ansicht. Denn dieser Staat ist demokratisch, über die Verteidigungsnotwendigkeit und -Form kann demokratisch gestritten werden, aber auf der Basis demokratischer Spielregeln, die Herr Höcke vollständig ablehnt.

Eine weitere Parallele ist die gesellschaftliche Veränderung der Mittelschicht. Die alte Mittelschicht verliert nach dem Soziologen Reckwitz zunehmend den Status, den sie bis zu den 890er Jahren hatte. Die Dienstleistungsgesellschaft löste nach und nach die Arbeitsgesellschaft ab, und mit diesem Vorgang dominierten andere Werte durchvor allem akademische Qualifikationen. In der WR verlor die Mittelschicht ihre Relevanz infolge der Weltwirtschaftskrise, sie wurde nach der Erfahrung der Inflation von 1923 ab 1929 zum zweiten Male geschröpft. Nicht nur Ullrich, auch Ökonomen, die sich mit dieser Zeit beschäftigten, bestätigen die Ohnmacht und Erklärungsnot und die Zukunftsängste der meisten Menschen. Wir befinden uns heute in weitaus gesicherterer Lage, aber eine Orientierungslosigkeit ist spürbar.

Der wichtigste Aspekt, der Hitler an die Macht brachte, war die völlige Fehleinschätzung der Weimarer konservativen Eliten. Wie sagte von Papen auf die Frage, ob der „Deal“ mit Hitler als Reichspräsidenten und ihm als Vizekanzler nicht gefährlich sei, wörtlich: „Wir haben uns Hitler engagiert. In zwei Wochen liegt er in der Ecke und quietscht.“  Ein Jahr später war von Papen Botschafter in Wien, zum Glück für ihn, so überlebte er den sog. Röhmputsch. Gegenwärtig wird die sog. Brandmauer mit der Afd kontrovers diskutiert. Können die gemäßigten Kräfte dieser rechten Partei eingebunden werden, so dass die Partei insgesamt im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung in die rechte Mitte rutscht? Wir wissen es nicht, und die Weimarer Erfahrungen zeigen: versucht es erst nicht!

Eine weitere Parallele ist die aufkommende Grundstimmung des Systemversagens, des sich nicht mehr „eins-Fühlens“ mit dieser Demokratie. Und wenn doch, so bleibt unklar, welche Parteienkonstellationen für eine bessere Zukunft sorgen können. Die ursprüngliche Weimarer Koalition aus SPD-Zentrum und DDP startete mit 70% Zustimmung und endete mit unter 30 % 1932. Historische Erfahrungen verblassen, Ängste wie die Angst vor der Inflation bleiben. Vielleicht wiederholt sich das (leider) geniale Wahlplakat der NSDAP in anderer Weise, aber prinzipiell in der negativen Auswirkung:[1]

Im Gegensatz zu anderen martialischen Parteiplakaten zeigt dieses Plakat die Hoffnungslosigkeit der „einfachen“ Leute. Gut, der Hitler ist ein Schreihals, aber was bringen denn die anderen Politiker? Versuchen wir es mal mit ihm!

Damit wären wir bei Unterschieden zu der WR. Die NSDAP besaß mit A.Hitler eine Führungskraft, die Massen begeistern konnte (freilich nicht alle, Klaus Mann, der Sohn von Th.Mann, hielt ihn für unsagbar dumm!). Die Afd besitzt keine herausragende Persönlichkeit, aber am Beispiel von Trump in den USA sieht man, wie fragwürdige Persönlichkeiten massenwirksam hervorkommen können. Ein hoffnungsvoller Aspekt ist die fortgeschrittene Europäisierung, deren Zurückfahren der Errungenschaften selbst Frau Le Pen nicht vollständig akzeptabel zu sein scheint. Die AfD kommt an bei der Europaskepsis, doch offene Grenzen möchte jeder – zumindest als Tourist, und die Rückkehr zur DM will doch wohl niemand.

Wir erleben eine Spaltung in zwei Teile der Gesellschaft. Ein Teil bekennt sich zur Demokratie, stellt jedoch individualisierte Forderungen an sie, die nicht erfüllbar sind. Alternative Energie ja, doch kein Windrad im Nachbarwald. Neue Wohnungen ja, aber bitte nicht auf der freien Fläche vor meinem Haus, das versperrt mir die Sicht…“ Ein anderer Teil der Gesellschaft negiert zunehmend die demokratische Grundstruktur unserer Gesellschaft, was übrigens nicht der relativ hohen Wahlbeteiligung entspricht. Ein diffuses Bild also, mit der Warnung, dass fehlende bekennende Klarheit zu zerstörerischen Entwicklungen führen kann.

 

 

[1] Aus: https://www.geschichtslehrer.in/index.php?actualid=34&flowtext_id=32