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Detlef Baer: KI – wie alles begann

Das Jahr 1956 gilt als Geburtsjahr der „Künstlichen Intelligenz“. Noch genauer begann die Geschichte am 31. August 1955, als eine Gruppe von Wissenschaftlern um den Mathematiker John McCarthy die Rockefeller Foundation um 13.500 Dollar für einen – heute würden wir sagen – Workshop mit dem Thema „Artificial Intelligence“ bat. Der offizielle Projektantrag wurde am 2. September 1955 eingereicht. Damit wurde ein Begriff geboren, der rund 70 Jahre später in aller Munde ist. Die tatsächlich bewilligte Förderung fiel geringer aus als beantragt – angesichts der Bedeutung dieser Konferenz und der heute mit KI verbundenen Summen ein Spottpreis. Aber wer weiß schon, was die Zukunft bringt?

Auf jeden Fall versammelte sich im Sommer 1956 ein wechselnder Kreis von Wissenschaftlern – keine Frau nahm teil – in Dartmouth, New Hampshire, um zu untersuchen, „wie Maschinen dazu gebracht werden können, Sprache zu benutzen, Abstraktionen und Begriffe zu bilden, Probleme zu lösen, die bisher dem Menschen vorbehalten sind, und sich selbst zu verbessern“ (siehe Artikel „Der Sommer, in dem die Maschinen denken lernen sollten“, FAZ vom 29. Juni 2026, S. 18).

Wer waren die wichtigsten Teilnehmer dieser Zusammenkunft? Eingeladen hatte John McCarthy, knapp 30 Jahre alt, Mathematiker und Logiker, der am Dartmouth College beschäftigt war. Er entwickelte im Jahr 1958 die Programmiersprache Lisp (List Processing), die insbesondere die KI-Forschung über Jahrzehnte prägte, da sie es Computern ermöglichte, Symbole und Programmcode ähnlich wie andere Daten zu behandeln und dynamisch zu verändern (siehe Artikel „Wie KI ins Gespräch kam“, Frankfurter Rundschau vom 12. Juli 2025).

Der Zweite im Gründerbunde war Marvin Minsky, den als Mathematiker die neuronalen Netze faszinierten. Er lehrte ab 1958 am MIT, konstruierte ein lernendes System namens SNARC und entwickelte Roboterhände. Claude Shannon als Dritter war eine weltbekannte Größe. Er machte den bereits zuvor geprägten Begriff „Bit“ in der Informationstheorie bekannt. Schon 1948 erschien sein Hauptwerk „A Mathematical Theory of Communication“, mit dem er die mathematischen Grundlagen der modernen Informationstheorie und der digitalen Kommunikation schuf. Außerdem entwickelte Shannon Maschinen, die Schachstellungen analysierten.

Nathaniel Rochester als weiteres Mitglied war maßgeblich an der Entwicklung des IBM 701 beteiligt, eines der ersten wissenschaftlichen Computersysteme des Unternehmens. Neben den genannten Wissenschaftlern beteiligten sich zeitweise an dem Workshop der amerikanische Informatiker Ray Solomonoff, der britische KI-Forscher Oliver Selfridge, der Mathematiker und Informatiker Trenchard More sowie Allen Newell und Herbert Simon, der als Sozialwissenschaftler im Jahr 1978 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt. Der ebenfalls anwesende Arthur Samuel hatte ein Computerprogramm entwickelt, das Dame spielen konnte und dazulernte (Informationen aus der FAZ, siehe oben).

Der Themenkreis umfasste Sprache, Logik, Lernen, neuronale Netze, Abstraktion, Kreativität, Suche, Zufall und Selbstverbesserung. McCarthy wollte neue Wege gehen und sich von der bestehenden Kybernetik abgrenzen, die sich stark auf biologische Rückkopplungsschleifen und Steuerungsmechanismen konzentrierte. Er suchte nach Wegen, wie Computer menschliches Lernen, Problemlösen und Abstraktionsvermögen simulieren könnten.

Während der Dartmouth-Konferenz wurden wichtige Weichen für verschiedene Forschungsansätze in der Geschichte der KI gestellt. Zwei Strömungen gewannen in der weiteren Entwicklung besondere Bedeutung:

  • Symbolische KI: Intelligenz entsteht durch das Befolgen klarer, logischer Regeln und durch die Speicherung von Wissen. Ein Computer funktioniert dabei ähnlich wie ein digitales Regel- und Wissenssystem. Der Mensch muss dem Computer jeden Schritt genau erklären.
  • Konnektionismus: Intelligenz entsteht durch das Lernen aus Erfahrung und Daten. Das Ziel war es, Maschinen zu erschaffen, die die Welt durch Ausprobieren und Mustererkennung erforschen. Das Prinzip orientiert sich vereinfacht an der Funktionsweise des menschlichen Gehirns und der biologischen Nervenzellen. Dieser Ansatz war bereits in frühen neuronalen Modellen angelegt, gewann aber erst Jahrzehnte später entscheidend an Bedeutung (siehe dazu Frankfurter Rundschau, siehe oben).

Hinter diesen Ansätzen verbirgt sich die philosophische Frage nach der Einzigartigkeit menschlichen Denkens. Betrachtet man die heutige kritische Auseinandersetzung mit der Entwicklung der KI, gewinnt diese Frage zunehmend an Bedeutung. Weitere Artikel werden dieses Thema vertiefen. Dabei geht es um die heutigen und zukünftigen Fähigkeiten von KI, um die menschlichen Kontrollmöglichkeiten und nicht zuletzt um die Frage, wem KI und die zu ihrer Entwicklung benötigten Daten und Infrastrukturen gehören.

Die Frage nach dem Wesen menschlichen Denkens hat Vorläufer in der Philosophie. René Descartes (1596–1650) teilte in seiner Dualismustheorie die Welt in zwei grundlegende Substanzen. Die denkende Substanz (res cogitans) ist durch Geist und Seele gekennzeichnet, die ausgedehnte Substanz (res extensa) umfasst die physikalische Welt, die nach Naturgesetzen funktioniert. Descartes betrachtete Tiere, nicht jedoch den Menschen, als eine Art komplexer Maschine. Die Frage, ob und in welchem Sinne Maschinen handeln oder denken können, erhielt Jahrhunderte später durch die Entwicklung von Computern eine neue Bedeutung.

Der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) entwickelte mit dem binären Zahlensystem eine mathematische Grundlage, die Jahrhunderte später für die moderne Informatik von zentraler Bedeutung werden sollte. Sein Spruch Calculemus – „Rechnen wir!“ – fasst die visionäre Idee zusammen, menschliches Denken und Streitfragen in ein formales System zu übersetzen, um Konflikte durch rein logische Berechnung zu lösen. Sein Binärsystem (Dualsystem) besteht ausschließlich aus den beiden Ziffern 0 und 1. Damit schuf er (wiederum unbewußt) die Grundlage für die moderne Computersprache. In digitalen Computern können diese Ziffern durch unterschiedliche physikalische Zustände, beispielsweise verschiedene Spannungsbereiche, dargestellt werden. Aus entsprechenden Kombinationen lassen sich Zahlen, Buchstaben, Bilder und andere Informationen codieren.

Philosophen hinterfragen die Grundpfeiler der vermeintlich festen bestehenden Weltordnung, und diese grundsätzliche Hinterfragung finden wir bei den Teilnehmern in Dartmouth wieder, freilich auf der Basis physikalischen Fortschritts und damit der Hoffnung auf eine Realisierung. Als einer der wichtigsten Pioniere der Informatik erwies sich der britische Mathematiker und Informatiker Alan Turing. Er entwarf 1936 ein Computer-Modell, das bewies, dass sich klar definierte Rechenprozesse durch einen Algorithmus darstellen lassen. 1950 schlug er das Konzept des weltbekannten Turing – Test vor, das als Maßstab für intelligentes Verhalten bei Maschinen gilt. (auch dazu ein weiterer Artikel).

Wie ging es nach der Dartmouth – Konferenz weiter? Zunächst inspirierte die Konferenz zu weiterer Forschung, doch stießen die Wissenschaftler an die Grenzen der damaligen Technologie. Die Computer warenh, die Date nicht leistungsfähig genug, geeignete Datenmengen waren noch nicht ausreichend vorhanden und für komplexe Probleme gab es keine Programme. In den 70er Jahren sprach man von einem ersten KI-Winter, dem nach einem kurzen Aufschwung in den 1980er Jahren ein zweiter KI-Winter in den 1990er Jahren folgte. Erst in den frühen 2010er Jahren erfolgte der Durchbruch der Künstlichen Intelligenz, denn:

a) Die Rechenleistung erlaubte die Verarbeitung von sehr großen Datenmengen.

b) Durch das Internet und die Digitalisierung standen große Mengen an Trainingsdaten zur Verfügung.

c) Deep Learning, eine Weiterentwicklung künstlicher neuronaler Netze, ermöglichte es Maschinen, komplexe Muster zunehmend selbstständig aus großen Datenbeständen zu lernen.

Ab etwa 2012 erzielten KI-Systeme insbesondere bei der Bild- und Spracherkennung erhebliche Fortschritte. In den folgenden Jahren verbesserten sich auch maschinelle Übersetzungen sowie die Fähigkeit, Texte, Musik und Bilder zu erzeugen.

Über die Bewertung dieser und kommender Entwicklungen wird in Zukunft noch viel und kontrovers diskutiert werden. Mögen zwei Zitate diesen Aufsatz beschließen:

„Künstliche Intelligenz ist die Schlüsseltechnologie der Gegenwart. Sie beeinflusst zahlreiche Arbeitsplätze, Produkte und Prozesse. Sie ist wirtschaftlich, gesellschaftlich, militärisch immer bedeutsamer …“ (FAZ, siehe oben).

So weit die Bestandsaufnahme einer gegenwärtigen Einschätzung.

Das Schlusswort gehört Papst Leo XIV., der sich in seiner Enzyklika „Magnifica Humanitas“ mit der Künstlichen Intelligenz auseinandersetzt: „Abstrakt betrachtet ist sie [die KI] per se weder eine Lösung für die Probleme der Menschheit noch ein Übel. Konkret betrachtet aber ist sie nicht neutral, weil sie die Züge derer annimmt, die sie konzipieren, regulieren und nutzen“ (siehe FAZ, siehe oben).

 

KI, Künstliche Intelligenz. Geschichte der KI