Plurale Ökonomik

Plurale Ökonomik verfolgt einen interdisziplinären Ansatz mit der Zielsetzung, den Einfluss externer und interner Faktoren für die Analyse von ökonomischen Handlungsweisen und Gesetzmäßigkeiten zu ergründen. Generell muss hinterfragt werden, wodurch gesellschaftlicher, kultureller und ökonomischer  Wandel zu einer fundamentalen Transformation führt und ökonomisches Denken und Handeln beeinflußt wird. Plurale Ökonomik reflektiert nicht nur Ursachen bestehender Handlungsweisen, sie untersucht auch normative und zukunftsorientierte Modelle.

Beleuchten wir diese zwei Säulen – die Erweiterung der Analyse bestehender ökonomischer Erklärungsweisen sowie die Untersuchung zukünftiger wünschenswerter ökonomischer Tatbestände- konkret. Bestehende ökonomische Analysen greifen oftmals zu kurz, wenn sie Stabilität und Destabilität unter rein fiskalischen und finanzpolitischen Aspekten betrachten und Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und natürlicher Umwelt vernachlässigen. Immer wieder kommen Ökonomen zu Fehleinschätzungen bezüglich des Konsumverhaltens und zu temporär engstirnigen Betrachtungen von Nachfrageverhalten. Überraschungen wie die Akzeptanz von Digitalwährungen, Fehleinschätzungen bezüglich des Wohnungsmarktes sowie der Nachfrage nach nachhaltig produzierten Produkten stehen als Beleg für eine Ignoranz bestimmter neoliberaler Wirtschaftstheoriker. Klimamodelle, Institutionenwandel, feministische Ökonomik, vor allem die Grenzen des Wachstums und der Ressourcen fließen allenfalls partiell in ökonomische Betrachtungsweisen ein. Einen wichtigen Anteil für eine aufgeklärte, ideologieneutrale Ökonomie liefert die wirtschaftshistorische Analyse. Zusammenbrüche von Volkswirtschaften durchlaufen eine lange Inkubationszeit, Veränderungen deuten sich lange nur dezent an, brechen jedoch oftmals vehement durch. Eine Sensibilisierung für Erscheinungen großer Zeiträume und Zusammenhänge ist gerade angesichts der Erfahrungen der Finanzkrise 2008/09 erforderliche Notwendigkeit. Plurale Ökonomik bedingt also in viel höherem Maße Transdisziplinarität, so wie es in den meisten Wissenschaften üblich ist.

Die zweite Säule der Zukunftsorientierung basiert auf der Analyse beobachtbarer Vorgänge und den Diskussionen über gewünschte Konsequenzen, auch bezüglich möglicher Normierungen von politischen Entscheidungen. Ein Beispiel: Technikentwicklung und Industrie 4.0 verändern den Arbeitsmarkt grundlegend. Die Untersuchungen von Frey/Osborne prognostizierten disruptive Veränderungen in Zweigen, die bislang als gesichert angesehen worden sind, nämlich dem mit qualitativ gut Ausgebildeten durchsetzten Dienstleistungssektor. Die oben beschriebene Inkubationszeit hat bereits begonnen, dramatisch im Automobilbereich incl. Zulieferungsfirmen. Die herkömmliche Antwort der Ökonomen – Anstrengungen, um wettbewerbsfähig zu bleiben und Marktführerschaft zu behaupten – taugt nicht mehr. Die Entwicklungsprozesse disruptiver Auswirkungen durch Industrie 4.0. und Digitalisierung wurden zu spät erkannt. Industrie 4.0 und Digitalisierung können dabei durchaus die Lebensqualität einer Gesellschaft erhöhen, sie haben jedoch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Verteilung innerhalb der Gesellschaft. Gleiches gilt für die demographische Entwicklung. Wie kann es sein, dass sowohl Lehrer als auch Altenpfleger in großem Maße fehlen, wo die demographischen Daten lange vorberechenbar gewesen sind. Der Gleichklang von Wirtschaftsweisen und Politik zahlt hier negative Dividenden! Plurale Ökonomik thematisiert und problematisiert Zukunftsentwicklungen. Sie stellt Modelle und Modellrechnungen von Grundrente und  Grundeinkommen  vor und konfrontiert somit rechtzeitig die Öffentlichkeit mit politisch auszuhandelnden Entscheidungen, die einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz bedürfen. Wie bepreist man externe Kosten, seit der CO2-Steuer aktuell, doch – überspitzt formuliert – nicht von Ökonomen gefordert, sondern von Kinderprotesten durchgesetzt. Wie entwickeln sich Städte? Welchen ökonomischen Wert hat Natur? Ab wann führen Einkommensunterschiede Destabilität, bis wann gelten sie als Anreize? Gibt es einen dritten Weg zwischen Staatsinterventionismus und reiner Marktwirtschaft? Was bedeutet gesellschaftliche Partizipation bei ökonomischen Prozessen? Gibt es sie nur als Verbrauchernachfrage, dann bedarf es einer fairen und offenen Transparenz der Produktinhalte und umfassende Informationen über die Lieferketten!

Viele Fragestellungen, die sicherlich partiell in der einen oder anderen Weise ökonomisch betrachtet worden sind, die aber nicht die Ökonomie als ganze Wirtschaftswissenschaft erfaßt hat. Plurale Ökonomik deckt sich mit einigen methodischen und inhaltlichen Curricula der klassischen Volkswirtschaftslehre, sie setzt aber wie oben angedeutet andere Schwerpunkte und sie glaubt nicht an die mathematische Berechenbarkeit von ökonomischen Handlungsweisen. Plurale Ökonomik forscht durch die Einbeziehung knapper Ressourcen  weiträumiger als die gängige Volkswirtschaftslehre , sie forscht  durch die Modellierung  zukünftiger Auswirkungen der Mixtur gesellschaftlicher und ökonomischer Prozesse zeitlich umfassender als die gewöhnliche Wirtschaftstheorie.