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Ein kleines Paradies ist verschwunden

Gedanken zum Hochwasserschutz zwischen Rott und Mulartshütte

Wer den kleinen Wald an dem Bachlauf zwischen Rott und Mulartshütte kannte, wusste, was für ein besonderer Ort er war. Ein schmaler Trampelpfad führte zwischen alten Bäumen hindurch. Einige von ihnen standen als mächtige Solitäre am Rand des Baches, ihre Kronen weit ausladend, entlang der plätschernden Vicht zwischen Rott und Zweifall – eher ein stilles kleines Paradies. Einer dieser Plätze, an denen man unwillkürlich langsamer geht.

Heute ist davon kaum noch etwas übrig.

Im Zuge der Errichtung eines Hochwasserrückhaltebeckens wurde das Gebiet in den vergangenen Wochen großflächig gerodet. Wo zuvor ein lebendiger Waldstreifen entlang des Baches stand, liegt nun eine weitgehend freigeräumte Fläche, die nur noch an Tolkiens Mordor erinnert. Für viele Menschen, die diesen Ort kannten, war der Anblick ein Schock.

Dabei steht außer Frage, dass unsere Region besseren Hochwasserschutz braucht. Die Flut von 2021 hat uns schmerzhaft vor Augen geführt, wie verletzlich unsere Landschaft und unsere Orte sind. Auch deshalb haben viele Bürgerinnen und Bürger – auch aus unserem Umfeld – die geplanten Rückhaltebecken grundsätzlich unterstützt. Und selbstverständlich hat es zu diesem Projekt Informationsveranstaltungen gegeben, bei denen die Planungen vorgestellt wurden.

Doch angesichts der nun sichtbaren Eingriffe stellt sich eine Frage, die viele Menschen umtreibt:

War eine derart martialische Komplettrodung wirklich unvermeidlich?

Die Planungen für die Rückhaltebecken gehen teilweise auf Konzepte zurück, die vor fast zwanzig Jahren entwickelt wurden. Seitdem haben sich jedoch sowohl technische Möglichkeiten als auch ökologische Anforderungen weiterentwickelt. Daher erscheint es berechtigt zu fragen, ob alternative Bauweisen oder schonendere Lösungen in den vergangenen Jahren noch einmal ernsthaft geprüft wurden – und ob ein Abgleich mit neueren Ansätzen im Hochwasserschutz stattgefunden hat?

Ein Blick auf vergleichbare Projekte zeigt, dass vielerorts versucht wird, Hochwasserschutzmaßnahmen so zu gestalten, dass bestehende Ökosysteme möglichst weitgehend erhalten bleiben. Gerade in Zeiten des Klimawandels wirkt es widersprüchlich, wenn Maßnahmen zur Anpassung an Extremwetter gleichzeitig wertvolle Naturstrukturen zerstören. Wälder, naturnahe Bachläufe und gesunde Böden sind selbst wichtige Bestandteile eines funktionierenden Wasserrückhalts. Die Fragen, die viele Menschen derzeit bewegen, entstehen deshalb nicht aus Ablehnung gegenüber Hochwasserschutz. Sie entstehen aus dem Wunsch heraus, Sicherheit für Menschen und Schutz unserer Landschaft gemeinsam zu denken.

Was uns in diesen Tagen traurig macht, ist der Verlust eines kleinen Naturortes, der vielen Menschen etwas bedeutet hat.

Und vielleicht auch die leise Sorge, dass wir beim Versuch, uns vor den Folgen des Klimawandels zu schützen, manchmal genau jene Landschaften verlieren, die uns eigentlich schützen könnten.

Regenrückhaltebecken Rott Mulartshütte